Vier Wochen früher als geplant wird in Großbritannien ab sofort wieder millionenfach gegen Corona geimpft.
Statt erst im Oktober sollen Bewohnern von Pflegeheimen und anderen gefährdeten Mitbürgern bereits von diesem Montag an neue Anti-Corona-Impfungen angeboten werden. Ab dem 18. September haben alle Personen Anspruch auf einen Booster, die 65 Jahre oder älter sind. Die neue Nervosität hat unter anderem damit zu tun, dass das Vereinigte Königreich zu Beginn der Pandemie wegen zögerlicher Regierungsaktionen besonders viele Opfer zu beklagen hatte. Sorge bereitet auch die anhaltende Krise im britischen Gesundheitswesen – und die Tatsache, dass die Regierung landesweite Tests und Auswertungen zur jeweiligen Coronaverbreitung aus Kostengründen eingestellt hat.
Unter diesen Umständen steuere man jetzt, zu Beginn einer neuen Coronawelle, „auf eine sehr ungewisse Zeit“ zu, meint Professor Lawrence Young, ein prominenter Virologe der Universität Warwick. Die Sorge konzentriert sich auf die neue Variante BA.2.86, die erstmals im August in England aufgetaucht sein soll und sich nun offenbar ausbreitet.
Experten raten, Masken anzuziehen
Die Variante, der man den Spitznamen Pirola verliehen hat, zeichnet sich aus durch eine ungewöhnlich hohe Zahl an Mutationen, mit deren Hilfe das Virus gegebenenfalls bestehende Immunität umgehen könnte. Ob es dazu wirklich in der Lage wäre, ist freilich noch nicht klar. Ende August sind jedoch in einem Pflegeheim in Norfolk auf einen Schlag 33 der 38 Heimbewohner an Covid erkrankt, 22 davon (und die Hälfte des Personals) an BA.2.86.
Zweifellos sei die neue Variante „die auffälligste Art von Corona, die die Welt seit dem Erscheinen von Omikron zu Gesicht bekommen hat“, urteilt Francois Balloux, der Direktor des Genforschungsinstituts am University College London. Ausschließen könne man jedenfalls nicht, dass BA.2.86 die Wirkung bestehender Impfstoffe beeinträchtigen könnte, warnt Balloux’ Kollege Rowland Kao von der Universität Edinburgh. Schon jetzt raten einzelne Experten wieder zum Maskentragen – und, auf den Herbst hin, zu mehr sozialer Distanz.
Vor allem dringen aber die meisten Forscher darauf, dass die Regierung jetzt nicht nur Mitbürgern ab 65 Jahren eine Impfung mit dem aktuellsten Impfstoff anbietet, sondern wenigstens allen Personen ab 50 Jahren. Auch der Covid-Ausschuss des britischen Unterhauses hat am Wochenende damit begonnen, Regierungschef Rishi Sunak zu einem breiteren Impfangebot zu drängen.
Viele könnten sich selbst bezahlte Impfungen nicht leisten
Ein separater Streit hat sich an der Frage entzündet, ob Corona-Impfungen künftig auch privat gegen Bezahlung erhältlich sein sollen, statt wie bisher nur – für die vorgesehenen Jahrgänge und Personenkreise – über das Gesundheitswesen. Manche Politiker und einzelne Forscher halten das für eine gute Idee.
Professor Lawrence Young sieht hingegen bei einem derartigen Verfahren „echte Probleme“, nicht zuletzt wegen der erforderlichen Fairness beim Zugang zum Impfschutz. Viele Leute, meint Young, würden sich Corona-Impfungen, die über 100 Pfund pro Spritze kosten dürften, schlicht nicht leisten können.
Unterdessen machen sich auch Behördenchefs und Minister in London wenig Illusionen über fortwährende pandemische Gefahren, selbst wenn Pirola nicht die schlimmsten Folgen haben sollte. Für Jenny Harris, die Leiterin der britischen Gesundheitsbehörde, besteht kein Zweifel daran, dass die Wahrscheinlichkeit einer neuartigen, bedrohlichen Pandemie „schon wegen Klimawandel, Urbanisierung der Welt und globaler Migration“ stetig wächst.
Anfang August hatte Vizepremier Oliver Dowden eine neue Pandemie sogar schon als die Gefahr Nummer eins für Großbritannien bezeichnet. Während sich die Ängste vor „Pirola“ bislang nicht bestätigt haben, kommt in Indien unterdessen ein neues Thema auf: das gefährliche Nipah-Virus.
Neue Corona-Varianten
Eris
ist auch unter dem Namen EG.5 bekannt.
Pirola
trägt als Corona-Variante die Nummer BA.2.86. Von den beiden neuen Covid-Varianten Eris und Pirola gibt es noch wenig Daten, sie scheinen aber nicht zu schwereren Verläufen zu führen. Der Personalmangel in den deutschen Krankenhäusern gilt als größeres Problem. (mic)