Trotz der anhaltenden Corona-Pandemie will Baden-Württemberg die Kitas bis Ende Juni wieder vollständig öffnen. Dazu sollen mit den Kommunen und Kita-Trägern genaue Konzepte erarbeitet werden. Foto: dpa

Kita-Öffnungen erfordern schlüssiges Konzept. Kritik an Krisen-Management. Sind Kinder seltener infiziert? Mit Kommentar

Region - Hoffnungsschimmer für Eltern und Kindergartenkinder: Die Einrichtungen im Land sollen nach Notbetreuung und schrittweisen Lockerungen noch vor den Sommerferien wieder regulär öffnen. Noch fehlt allerdings ein schlüssiges Konzept. Fragen wirft unterdessen eine medizinische Studie auf: War die monatelange Schließung etwa der falsche Weg?

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"Bis nach den Osterferien" sollten die Schulen und Kindergärten im Land Corona-bedingt schließen, so lautete die Ansage des Kultusministeriums am 13. März. Fünf Wochen, aus denen inzwischen zehn wurden. Lange war nur eine Notbetreuung möglich, die für Kinder von Eltern mit systemrelevanten oder präsenzpflichtigen Berufen galt.

"Eingeschränkter Regelbetrieb" - dieses sperrige Wort beschreibt die aktuelle Situation. Für die Umsetzung vor Ort sind die Träger und Einrichtungen selbst verantwortlich. Größtenteils erfolgt die Betreuung wegen der Anti-Corona-Auflagen nur stundenweise statt ganztägig wie in der Notbetreuung und auch nur an einigen Tagen. Doch selbst dies ist für die Kleinen besser als nichts. "Er kam heute freudestrahlend nach Hause", erzählte uns eine Mutter, nachdem ihr Sohn seit Wochen erstmals wieder gleichaltrige Freunde getroffen hatte.

Vom Land gab es vorab die Auflage, dass die Einrichtungen zu maximal 50 Prozent belegt werden dürfen - also mit der Hälfte der Kinder, die normalerweise in einer Kita betreut werden. Auch dürfen die verschiedenen Gruppen einer Einrichtung nicht mehr gemischt werden, weder in den Innenräumen noch im gemeinsamen Garten.

Maskenpflicht in einigen Einrichtungen

Wie dies konkret aussieht? Eltern und Erzieher(innen) berichten gegenüber schwarzwaelder-bote.de von unterschiedlichen Spielzeiten, Zäunen in den Gärten oder aber Grenzlinien in den Sandkästen, um den Kleinsten die Abstandsregeln klarzumachen. Auch müssten Kinder in einigen Einrichtungen Masken tragen. "Das ist kein Miteinander mehr", erklärte eine betroffene Mutter im Gespräch mit unserer Redaktion. Eine andere erzählt von übertriebenen Hygieneregeln in ihrer örtlichen Kita: Der Sohn habe "vom ganzen Desinfektionsmittel schon ganz wunde Finger" gehabt.

Dies könnte sich jedoch bald ändern: Kinder würden anscheinend nicht nur seltener krank, sondern seien wohl auch weniger häufig mit dem neuen Coronavirus infiziert als Erwachsene, sagte Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) am Dienstag zu ersten Ergebnissen aus einer Kinderstudie. Es könne ausgeschlossen werden, dass Kinder besondere Treiber des aktuellen Infektionsgeschehens seien.

Auch Vorteile für Grundschulen

Die Federführung für die Studie lag beim Zentrum für Infektionskrankheiten und beim Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Heidelberg. Beteiligt waren außerdem die Unikliniken in Freiburg, Tübingen und Ulm.

Die Studie werde zwar noch ausgewertet, so Kretschmann. Auf ihrer Grundlage habe die Landesregierung aber beschlossen, ein Konzept für die weitere Öffnung der Grundschulen zu entwickeln und Kitas bis Ende Juni vollständig zu öffnen.

Laut Landesregierung wurden insgesamt etwa 5000 Menschen, die keine Symptome hatten, auf das Virus und auf Antikörper getestet, darunter 2500 Kinder unter zehn Jahren und jeweils ein Elternteil.

Elternvertreter fordern Mitspracherecht

Derweil hat sich am Montag in Stuttgart ein sogenannter Landeselternbeirat in Form von Elternbeiräten von Kinderbetreuungseinrichtungen aus ganz Baden-Württemberg gegründet. Die Vertreter fordern, künftig in wichtige familienpolitische Entscheidungen mit einbezogen zu werden.

Oliver Ruhmann, Sprecher der Konferenz der Gesamtelternbeiräte in Stuttgart und Mitgründer der Landesvertretung, erklärte in einer Mitteilung, dass es vor allem die chaotische Kommunikation des Kultusministeriums sei, die Eltern verunsichere und wütend mache.

In einem Brief an Kultusministerin Susanne Eisenmann fordern die Elternvertreter jetzt unter anderem einen runden Tisch, an dem Vertreter aus Politik und Gesellschaft gemeinsam Pläne und Perspektiven für Familien in der Coronazeit entwickeln sollen.

Personal soll regelmäßig getestet werden

Eisenmann erklärte unterdessen, weil einige Lehrer und Erzieher zu Risikogruppen gehörten, müsse die vollständige Öffnung der Kitas und Grundschulen gründlich vorbereitet werden. Ziel sei deshalb, den eingesetzten Lehrkräften und Erziehern regelmäßige Corona-Tests zu ermöglichen.

In Baden-Württemberg werden nach den letzten verfügbaren Zahlen vom vergangenen Jahr rund 444.000 Kinder in Kitas betreut.

Kommentar: Eigentlich unentschuldbar

Von Stefanie Kübler

Seit Wochen trostloser Alltag für viele Kita-Kinder: zu Hause mit Eltern, die nie Zeit haben, weil sie arbeiten müssen. Oder mit schlecht gelaunten Eltern, die nicht arbeiten können, weil die Kinder zu Hause sind. Wenn dann auch noch Geschwister oder ein Garten zum Zeitvertreib fehlen, werden Minuten zu Stunden. Erst recht in der Zeit, als auch die Spielplätze geschlossen sind.

Die Öffnung der Kindergärten ist ein weiterer Schritt in Richtung Normalität - und zwar ein sehr wichtiger. Vieles wird anders sein als vorher, ohne Frage. Aber selbst die Kleinsten haben in den vergangenen Wochen viel gelernt: ständig Hände waschen. Unterwegs nichts anfassen. Nicht zu nahe an Oma und Opa rangehen. Es ist mehr, als Kinder in diesem Alter wissen sollten. Sie sollten sorglos spielen dürfen, ihre Freunde umarmen und keine übertriebenen Hygieneregeln beachten müssen.

Was die Kleinen mitnehmen aus der Corona-Krise? Eventuell den Eindruck, dass ihre Bedürfnisse weniger zählen als die der Großen. Die dürfen schließlich schon längst in Geschäften jeder Größe shoppen, Gottesdienste besuchen, im Restaurant essen und die Sportschau gucken. Währenddessen wurden Zwei- bis Sechsjährige, die bekanntermaßen nicht zur Risikogruppe zählen und der neuen Studie zufolge sogar seltener erkranken, sozial isoliert.

Im Nachhinein ein Armutszeugnis. Eigentlich unentschuldbar. Doch glücklicherweise sind unsere Kinder weniger nachtragend als wir Erwachsene. Danken wir es ihnen, indem wir wirklich so schnell wie möglich ein schlüssiges Konzept vorlegen, um eine Rückkehr in den Alltag zu ermöglichen!

Info: Lage in den Nachbarländern

In der Schweiz sind die Kindergärten seit 11. Mai wieder regulär geöffnet. Die Öffnung erfolgte zeitgleich zusammen mit Schulen, Geschäften, Restaurants und Museen. Geschlossen bleiben bis Anfang Juni Kinos, Casinos, Schwimmbäder, Fitnesszentren und Campingplätze.

In Baden-Württembergs Nachbar-Bundesland Bayern dürfen seit 25. Mai alle Vorschulkinder und ihre Geschwister wieder in den Kindergarten. Ohne Einschränkungen öffnen durften Waldkindergärten und Einrichtungen, bei denen sich Kinder vor allem im Freien aufhalten. In Rheinland-Pfalz sind die Kitas für alle Kinder ab 8. Juni geöffnet.

In Österreich dürfen seit 18. Mai wieder alle Kinder den Kindergarten besuchen.

In Dänemark sind die Kindergärten bereits seit Mitte April wieder geöffnet. Auch Schüler bis zur fünften Klasse durften seither den Unterricht wieder besuchen. Mit dem Schritt wollte die dänische Regierung vor allem Eltern jüngerer Kinder entlasten.

Seit 11. Mai dürfen Kinder in den Niederlanden wieder in die Kitas.

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