Mladen Behtan auf einer der Terrassen des Kowalski, der Club bleibt vorerst zu, Bewirtung findet in den Außenbereichen statt. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Die Clubs sind in der Corona-Warteschleife, zurzeit geht maximal Sitztanz auf der Terrasse. Von Clubbetreibern, die kreative Lösungen für ihr Überleben suchen, und einem geplanten Mini-Clubfestival auf dem Kleinen Schlossplatz.

Stuttgart - Die Ersten, die schließen mussten, werden die Letzten sein, die wieder öffnen dürfen – heißt es unter Clubbetreibern, und das nicht unbegründet. Während sich dank sinkender Inzidenzzahlen, Öffnungen und aufkommender Sommerstimmung langsam die Corona-Anspannung legt und die Laune merklich steigt, sind Clubs und viele Livespielstätten weiterhin in der Warteschleife. Seit März 2020 haben viele Clubs durchgängig zu – so lange, wie kaum ein anderer Bereich, berichtet etwa Hannah Japes vom Club Kollektiv Stuttgart, einem Interessenverband von Clubs, Spielstätten, Veranstalterinnen und Veranstaltern.

 

Ekstatisch feiern, eng an eng tanzen, Fremde und Freunde umarmen, gemeinsam jubeln, singen, kreischen, schwitzen, den Beat pulsieren spüren, im Rhythmus der Musik mit der Menge verschmelzen – Szenen, die man sonst vielleicht noch vom Fußball-Public-Viewing kennt, gehörten vor der Coronapandemie zum Cluballtag. Daran und auch ans groß angelegte Public Viewing ist trotz der sich entspannenden Lage nicht zu denken. Ganz geschlossen bleiben müssen die Clubs aber nicht. „Es ist klar, dass es in ganz naher Zukunft keine Partys – überspitzt gesagt – auf 30 Quadratmetern mit 100 Leuten geben kann. Deshalb ist für manche Clubs die einzige Perspektive über den Sommer, dass sie ihre Läden als rein gastronomische Betriebe führen. Man kann die Tanzfläche bestuhlen und darf maximal Hintergrundmusik spielen, oder man bewirtet im Außenbereich. Den haben aber nicht alle. Es braucht vor allem eine zeitliche Perspektive für eine Öffnung“, sagt Japes.

Maximal Sitztanz im Außenbereich

Im Electro-Club Kowalski wird gerade alles für eine Wiedereröffnung vorbereitet, insgesamt Platz für rund 300 Gäste hat das Kowalski in den drei Außenbereichen. Die Tanzfläche muss leer bleiben, weil Tanzveranstaltungen explizit derzeit nicht erlaubt sind. „Wir können zumindest bewirten. Das haben wir auch im letzten Jahr gemacht, zwischen Juli und Oktober, aber das ist natürlich nicht dasselbe wie ein Clubbetrieb“, sagt Sascha Mijailovic, der zusammen mit Mladen Behtan das Kowalski in der Nähe des Hauptbahnhofs betreibt. Auch jetzt wollen die beiden wieder ihre Außenbereiche zur Bewirtung öffnen. „Das hat sich zwar finanziell nicht gelohnt, aber es war gut, um weiter dabei zu bleiben und den Kontakt zu den Gästen zu halten“, sagt der 43-jährige Behtan. Mijailovic ergänzt: „Der Betrieb lohnt sich für uns erst ab etwa 200 Leuten, vorher eigentlich nicht. Deshalb wollen wir erst öffnen, wenn wir wieder bis 24 Uhr bewirten dürfen. Die Menschen kommen erst abends zu uns, auch wenn sie nur im Sitzen was trinken dürfen.“ Die neuen Öffnungsschritte spielen ihnen in die Hände: Seit diesem Montag (7. Juni) ist in Stuttgart der Betrieb des Gastgewerbes, insbesondere von Schank- und Speisewirtschaften, bis 1 Uhr nachts gestattet.

Club wird Probe- und Ausstellungsraum

Ninette Sander, Betreiberin des White Noise, hat in der Corona-Zwangspause an einem neuen Konzept gearbeitet: „Wir haben uns neu aufgestellt und wollen den Club im Moment anders nutzen. Die Idee ist, die Räume Künstlern und Bands als Proberaum zur Verfügung zu stellen, bis wir den Club wieder richtig als Club nutzen können, aber auch dann wollen wir das White Noise nicht mehr nur als reinen Club betreiben.“ Kooperationen mit der Abschlussklasse der Kunstakademie Stuttgart sind geplant, erste Ausstellungen Ende Juni zu sehen. Am 11. Juni steht ein Mikrotheater mit dem Citizen Kane Kollektiv Stuttgart an, am 12. Juni eine Kooperation mit dem Theater Rampe.

Lesen Sie hier aus unserem Plus-Angebot: Rapper Galv – Wer rettet die Clubs?

Wenn sich die Lage weiter positiv entwickelt, geht Sander davon aus, dass im Herbst wieder ein normaler Clubbbetrieb stattfinden kann. „Bis dahin verlagern wir alles in den Außenbereich, das Clubleben kann man natürlich nicht adaptieren und eine Beschallung ist natürlich mitten in der Stadt auch schwierig, aber wir gestalten den Außenbereich neu, so dass es hoffentlich gemütlich wird. Da wird es auch viel Grün geben. Die Leute sollen wieder unter Berücksichtigung der Hygienemaßnahmen zusammenfinden.“

Doch die Zwischenlösung mit reiner Bewirtung oder Streamingangebote, wie sie zu Beginn der Pandemie haufenweise aus den Clubs kamen, können und wollen nicht alle Betreiber umsetzen. Vieles lohnte sich einfach finanziell nicht, so der allgemeine Tenor. Felix Klenk vom Freund und Kupferstecher am Berliner Platz hat in seinem Club seit 16 Monaten keinen Gast mehr begrüßt: „Wir haben komplett zu seit Mitte März 2020. Nur als Bar aufzumachen ist für uns kein gangbares Konzert, weil wir gar keinen Außenbereich haben. Wir haben nur eine sehr kleine Fläche innen, das lohnt sich nicht, deshalb haben wir schon früh alles komplett eingefroren.“

Kommt im Sommer ein Minifestival?

An Lösungskonzepten für das Dilemma vieler Clubs, die keine Außenbereiche haben, arbeitet das Club Kollektiv. „Seit dem letzten Sommer haben wir Konzepte entwickelt, wie eine geregelte Öffnung aussehen könnte, mit Tests, Nachverfolgung und so weiter. Die haben wir auch auf kommunaler und Landesebene kommuniziert. Zu konkreten Gesprächen kam es aber nie, auch aufgrund der sich verschlimmernden Infektionslage“, so die 31-jährige Japes und fügt hinzu: „Da wünschen wir uns auch von der Politik Unterstützung. Ravensburg ist jetzt Modellstadt für Clubs geworden. Wir hoffen, dass da Modelle entwickelt werden, die auch auf Stuttgart übertragbar sind.“

Für Stuttgart gibt es dennoch Ideen: „Unser Vorschlag ist, dass die Stadt den Clubs, die keine eigene Außenfläche haben, Freiflächen zur Verfügung stellt. Wir planen aktuell, den Eiermann-Campus und den Kleinen Schlossplatz zu bespielen.“ Das könnte schon in wenigen Wochen stattfinden, konkret ist allerdings noch nichts. „Wir müssen natürlich sicherstellen, dass die Besucher geimpft, genesen oder getestet sind. Im Idealfall wollen wir mit dem Programm im Juli starten, die Ausgestaltung soll von den einzelnen Betrieben kommen. Ich denke, wir werden am Kleinen Schlossplatz mit maximal 100 Leuten starten. Es werden keine Massen sein, aber immerhin ein Angebot“, so Japes.

Auch die Macher des Freund und Kupferstecher haben eine Open-Air-Veranstaltung im Visier: „Im August haben wir im Außenbereich des Mercedes-Benz-Museums einen Freund-und-Kupferstecher-Abend mit unseren DJs geplant. Aber das hängt davon ab, mit wie vielen Leuten das möglich sein wird. Es müssten mindestens 100 Leute sein, damit wir überhaupt die Kosten decken können. Da Hoffnung reinzusetzen ist auch fehl am Platz“, betont Klenk. Planbare Unplanbarkeit eben, das sei man mittlerweile auch schon gewohnt, meint er.

Clubs im Imagewandel – künftig Kulturstätten

Für die Zukunft der Clubs selbst steht noch vieles in den Sternen: Einig sind sich die meisten, dass es ohne die Überbrückungshilfen des Staates nicht bis heute weitergegangen wäre. Für Felix Klenk ist trotzdem klar: „Erst unter normalen Bedingungen wie vor der Pandemie lohnt es sich auch wirtschaftlich wieder, den Club zu öffnen. Wenn das nicht der Fall sein wird, und dann möglicherweise keine Hilfen mehr kämen, wenn wir dann nicht weiter unterstützt werden, müssen wir wahrscheinlich zumachen, weil dann der Schuldenberg nur noch größer und größer wird.“ Für das Kowalski, das gleichzeitig mit kurzfristigen Pachtverträgen zu kämpfen hat, ist die Sache auch eindeutig. Sascha Mijailovic: „Dass wir nur Zwei- oder mittlerweile Einjahresverträge mit dem Vermieter haben, ist eine schwierige Situation für uns. Trotzdem wollen wir am liebsten den Club noch mal so richtig zum Laufen bringen, bevor wir hier irgendwann ganz zu machen.“

Immerhin: Eine positive Wendung für die Clubs gab es in der Coronakrise auch: Den Beschluss des Bundestags von Anfang Mai, die Clubs und Livespielstätten mit nachweisbarem kulturellen Bezug nicht mehr als Vergnügungsstätten, sondern als Anlagen für kulturelle Zwecke zu definieren – ein Meilenstein, der den Weg für einen anderen Umgang mit den Einrichtungen ebnen könnte und die Rolle der Einrichtungen auf ein anderes Niveau hebt. Felix Klenk: „Das ist ein Schritt nach vorne. Ob das Gesetz umgesetzt wird, muss man schauen. Wir hoffen auf jeden Fall, dass Corona klargemacht gemacht hat, dass Clubs und Ausgehen als Kulturfaktor und Wirtschaftsfaktor sehr wichtig sind.“

Noch mehr Einblicke

Talkrunde
Vertreter der lokalen Clubszene haben sich über ihre Situation ausgetauscht. Abrufbar ist das aufgezeichnete Videogespräch auf dem Youtube-Kanal des Stadtpalais – Museum für Stuttgart.

Doku
Die Reportage „Wer rettet die Clubs“ zeigt Clubs in Deutschland in der Coronakrise. Abrufbar in der ARD-Mediathek.