Würden die 400 000 Beschäftigten der Wohlfahrtsverbände mit Rollstühlen und Pflegebetten Straßen blockieren, stünde das gesellschaftliche Leben still, ist Uta-Micaela Dürig überzeugt. Ob sie über Proteste ähnlich denen der Landwirte nachgedacht hat, erklärt die Vorständin des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes im Gespräch.
Sanierung der Bundeswehr, eine klimaschonende Infrastruktur – im Angesicht großer Projekte fordern Teile der Regierungskoalition, im sozialen Bereich zu sparen. Wie das Träger von Kitas, Altenheimen und Beratungsstellen trifft, und was die Wirtschaft zur Bewältigung der Krisen beitragen müsste, sagt Vorständin Uta-Micaela Dürig im Interview .
Frau Dürig, Sie sind seit einem Jahr im Amt. Was war die größte Überraschung?
Mich begeistert die sehr hohe Motivation der 50 000 Ehrenamtlichen und 80 000 Hauptamtlichen, die wir im Paritätischen Wohlfahrtsverband vertreten. Nicht überraschend, aber problematisch sind die gleichzeitigen Krisen, die unsere Arbeit treffen. Etwa steigende Kosten, Arbeitskräftemangel, Kürzungen von finanziellen Zuwendungen, Wohnungsmangel, Diffamierung unserer Zielgruppen, eine überbordende Komplexität der Abläufe.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Aktuell beschäftigt mich die weitere Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes: Man hat sich erfreulicherweise an vielen Orten geeinigt, dass Einrichtungen das benötigte Geld bekommen, um Menschen mit Behinderungen individuell betreuen zu können. Dann stellen Einrichtungen auf Basis der Vereinbarungen mit den Stadt- und Landkreisen Personal ein – und laufen in Liquiditätsprobleme, weil die vereinbarten Mittel nicht fließen, unter anderem wegen des Personalmangels in der Verwaltung.
Sie waren für Unternehmen und die Robert-Bosch-Stiftung tätig. Was können Sie einbringen?
Ein großes Netzwerk und unter anderem einen Außenblick auf bislang bewährte Prozesse. Wenn sich Rahmenbedingungen drastisch ändern, gleichzeitig weniger Personal auf allen Seiten vorhanden ist, müssen Abläufe geändert werden. Dafür müssen wir schnell sein. Und ich frage mich, ob wirklich alle die Brisanz mancher Entwicklungen verinnerlicht haben: In den nächsten zehn bis zwölf Jahren gehen jährlich 700 000 Babyboomer in Rente!
Was sollte sich denn ändern?
Wir brauchen einen gesellschaftlichen Pakt zur Gestaltung der Zukunft! Keine Silo-Diskussionen nur über Krisen. Zwar sind wir in den Wohlfahrtsverbänden gut mit Gemeindetag, Städtetag, Landkreistag, KVJS und Sozialministerium vernetzt. Aber mit der Wirtschaft häufig nicht. Die Sozialwirtschaft schafft mit ihren Diensten auch die Basis für ökonomisches Handeln: Wir versorgen Kinder in Kitas und Schulen, ältere Menschen in Pflegeheimen, kümmern uns um Familien und Menschen mit Herausforderungen und schaffen so die soziale Infrastruktur: Wir sind die Lösung gesellschaftlicher Themen, nicht ein lästiger Kostenfaktor!
Denken Sie an Unternehmensabgaben für den sozialen Bereich?
Nein, aber Unternehmen müssen sich stärker mit einbringen, um die Gesellschaft voranzubringen. Sie können mit ihrem Know-how etwa zu Digitalisierung und KI unterstützen. Hilfreiche digitale Tools, etwa für die Dokumentation oder Sprachassistenten, bekommen Wohlfahrtsunternehmen nicht angemessen refinanziert. Und beim Thema Arbeitskräfte könnten wir uns verzahnen.
Wie?
Wir sind gerade daran, Mitglied einer regionalen Fachkräfteallianz von Betrieben und Wirtschaftsverbänden zu werden, bislang leider ohne die Sozialwirtschaft. Unsere Mitgliedsorganisationen, die sich um Geflüchtete kümmern, können Integration befördern. Außerdem baut die Wirtschaft teils Personal ab. Wir sind ein Wachstumsmarkt! Wir können Menschen einen Arbeitsplatz bieten, die bereit sind, sich umzuorientieren.
Was könnte noch gegen den Fachkräftemangel in Ihrem Bereich helfen?
Eine Erweiterung der Kriterien, wer als Fachkraft oder zu deren Unterstützung eingestellt werden darf. Ein Beispiel: Wir haben einen Träger der Kinder- und Jugendhilfe, der Wohngruppen für Jugendliche anbietet, die eine Hilfe durch das Jugendamt erhalten. Die Plätze sind stark nachgefragt. Aber weil das Personal fehlt, musste er eine ganze Wohngruppe mit acht Plätzen schließen. Kein Einzelfall. Es gäbe zwar eine Bewerberin, die aufgrund ihrer persönlichen und sozialen Kompetenz zur Unterstützung der Fachkräfte passen würde, dies scheitert jedoch an der gesetzlich geforderten Qualifikation. Fachkräfte sind zwingend notwendig. Aber wir brauchen mehr Flexibilität, multiprofessionelle Teams und Möglichkeiten für Quereinsteiger, die nachqualifiziert werden.
Der Staat steht vor der Herausforderung, sich um Grundsätzliches wie eine ökologische Energiewende und eine funktionierende Armee zu kümmern. Da muss man doch auch darüber reden, wo gekürzt wird.
An der sozialen Infrastruktur zu sparen, ist falsch! Laut Studien spart ein Euro, der in die Suchthilfe investiert wird, 17 Euro an Folgekosten. Und die Arbeit in der Straffälligenhilfe spart dem Land jährlich einen zweistelligen Millionen-Euro-Betrag ein. Gelder in Soziale Arbeit sind Zukunftsinvestitionen. Deshalb benötigen wir eine auskömmliche Finanzierung für unseren gesellschaftlichen Auftrag und für Investitionen in Photovoltaik oder Hitzeschutz. Dafür braucht es Änderungen von Richtlinien.
Woher soll das ganze Geld kommen? Durch eine Verschuldung, die kommende Generationen ausbaden müssen?
Wir haben beispielsweise fünf Millionen Euro von einer Stiftung erhalten, als Anschubfinanzierung für eine benötigte Suchtklinik für junge Leute. Warum nicht Partnerschaften eingehen mit der Wirtschaft, mit Privatpersonen oder Stiftungen, die alle Interesse an Zusammenhalt haben?
Und der Staat kann sich zurückziehen?
Nein, der Staat darf sich nie seiner Verantwortung entledigen. Der Staat darf Bereiche nicht gegeneinander ausspielen, also etwa innere und äußere Sicherheit gegen soziale Infrastruktur oder gegen einzelne soziale Zielgruppen. Das ist gefährlich, denn wir beobachten ohnehin ein Erodieren des gesellschaftlichen Konsenses.
Woran machen Sie das fest?
Zum Beispiel an der Übergriffigkeit, mit der teils die Proteste der Landwirte geführt werden. Würden die 400 000 Beschäftigten aller Wohlfahrtsverbände in Baden-Württemberg Rollstühle, Pflegebetten und Bobbycars auf Kreuzungen stellen, würde das gesellschaftliche Leben stillstehen.
Schon mal darüber nachgedacht?
Nein. Wir sind verantwortungsvoll. Das darf aber im Umkehrschluss nicht dazu führen, dass wir nicht auf Augenhöhe beispielsweise in Allianzen, auch der Landesregierung, mit einbezogen werden. Weil wir die Ärmsten und Schwächsten vertreten, die am stärksten von Krisen betroffen sind, werden wir auch weiterhin für ihre Belange hörbar einstehen. Ziel muss aber ein gesellschaftlicher Schulterschluss aller Sektoren sein. Denn die aktuellen Herausforderungen sind nicht getrennt voneinander zu bewältigen.
Zur Person
Vorständin
Uta-Micaela Dürig hat seit April 2023 die Vorstandsfunktion Sozialpolitik übernommen. Die gebürtige Nordrhein-Westfälin – Jahrgang 1964 – ist in Baden-Württemberg seit 2004 in Führungspositionen tätig, unter anderem bei der Robert-Bosch-Stiftung und im Aufsichtsrat der DHBW Baden-Württemberg. Die Mutter einer Tochter ist Mitbegründerin der Intersectoral School of Governance Baden-Württemberg, des Forums Bildung Digitalisierung in Berlin sowie Initiatorin von Projekten, die Schülerinnen und Schüler unterstützen, Barrieren aufgrund ihrer Herkunft zu überwinden.
Verband
Der Paritätische Wohlfahrtsverband Baden-Württemberg ist einer der sechs anerkannten Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege. Dieses Jahr feiert er 75-jähriges Jubiläum. Der Verband ist weder konfessionell, weltanschaulich noch parteipolitisch gebunden. Zu ihm gehören mehr als 900 selbstständige Mitgliedsorganisationen mit insgesamt rund 2000 sozialen Diensten und Einrichtungen sowie rund 50 000 freiwillig Engagierten und 80 000 Hauptamtlichen. Organisiert sind dort unter anderem große und kleine Träger von Beratungsstellen, Kitas, Pflegeheimen, ambulanten Pflegediensten, Kinder- und Jugendhilfe, Flucht- und Migrationshilfe, Straffälligenhilfe, Schuldnerberatung. Der Verband ist für sie Dienstleister, etwa durch Fachberatung oder Schulungs- und Weiterbildungsangebote. Aber er vertritt die Mitgliedsorganisationen auch auf politischer Ebene. Der Paritätische Wohlfahrtsverband Baden-Württemberg wird von einer Doppelspitze geführt. Neben Dürig ist Ulf Hartmann seit 2022 Vorstand für Finanzen und Mitgliederberatung.