Die teilweise Freigabe von Cannabis ist diese Woche Thema im Bundesrat. Der Kinder- und Jugendpsychiater Rainer Thomasius hält die geplante Legalisierung für einen Fehler. Er erwartet einen steigenden Cannabis-Konsum bei Jugendlichen.
Rainer Thomasius behandelt im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf suchtkranke Kinder. Er hält die geplante Cannabis-Legalisierung durch den Gesetzgeber für einen Fehler.
Herr Thomasius, das Cannabis-Gesetz soll bald in Kraft treten. Was daran finden Sie gut und was schlecht?
Ich kann daran nichts Positives finden, weil wir das wichtigste Instrument der Suchtprävention aufgeben, nämlich die Marktbegrenzung. Aus jahrzehntelanger Forschung wissen wir, dass Prävention erfolgreich ist, wenn der Zugang erschwert und der Markt stark reguliert wird. Nun passiert das Gegenteil: der Zugang wird erleichtert und die Gesundheitsrisiken werden ausgeblendet. Es ist zu erwarten, dass der Cannabis-Konsum und die damit verbundene Krankheitslast zunehmen wird – am stärksten bei Jugendlichen.
Sollte besser alles bleiben, wie es ist? Auch die bisher mögliche Strafverfolgung von Cannabis-Bagatelldelikten kann sich negativ auf die Zukunftschancen junger Menschen auswirken.
Das stimmt. Deshalb habe ich mit vielen Fachkollegen im Gesundheitsausschuss der Bundesregierung seit Jahren dafür geworben, Cannabis zu entkriminalisieren. Dann wäre die Droge zwar nach wie vor verboten, die Beschaffung oder der Besitz geringer Mengen für den Eigenverbrauch würden aber nicht zu Ermittlungsverfahren und zur Kriminalisierung der Konsumenten führen. Das hätte man aber mit weniger drastischen Mitteln erreichen können. Die Legalisierung wird auf jeden Fall zu einer Markterweiterung führen. Dahinter stecken auch ökonomische Interessen.
Inwiefern? Die gewerbsmäßige Produktion soll doch verboten bleiben.
Zunächst ist das so. Aber die Bundesregierung hat angekündigt, dass es nicht bei der alleinigen Abgabe über Cannabis-Clubs bleiben soll. Perspektivisch sollen auch gewerbliche Anbieter zum Zug kommen. Cannabis ist weltweit ein Milliardenmarkt, und Unternehmen aus den USA oder Kanada haben in Europa große Expansionspläne.
Gesundheitsminister Lauterbach sagt, die restriktive Drogenpolitik sei gescheitert, weil der Cannabis-Konsum trotzdem gestiegen ist.
Das sehe ich anders. Die deutsche Cannabispolitik war im europäischen Vergleich durchaus erfolgreich. Studien zeigen, dass der regelmäßige Konsum bei uns geringer ist als in vielen anderen europäischen Ländern. Hierzulande werden im Verhältnis zudem mehr Cannabisabhängige in therapeutische Interventionen vermittelt.
Manche Befürworter der Legalisierung vertreten die Ansicht, Beeinträchtigungen der Hirnfunktion durch Cannabis könnten sich auch wieder zurückbilden. Was entgegnen Sie denen?
Wir wissen, dass bei Jugendlichen durch anhaltenden Cannabiskonsum 24 bis 38 Prozent der Hirnmasse des Frontalhirns verloren gehen können. Dass sich diese Schäden zurückbilden, wenn der Konsum aufhört, ist sehr unwahrscheinlich. Hinzu kommt, dass es Abhängige aus eigener Kraft meist gar nicht schaffen, ihren Cannabiskonsum zu beenden. Das gilt besonders für Jugendliche.
Die legalen Drogen Alkohol und Nikotin sind ebenfalls sehr schädlich – manche sagen, sie seien sogar schädlicher als Cannabis. Ist da die geplante Reform nicht folgerichtig?
Das Schädigungspotenzial von Alkohol und Nikotin ist kein Argument dafür, dass man eine weitere schädliche Substanz frei erwerben können sollte. Damit vergrößert sich der Gesamtschaden durch psychotrope Substanzen. Natürlich sind in Deutschland Schäden durch Alkoholgebrauch häufiger als durch Cannabis, weil mehr Alkohol konsumiert wird. Ich bezweifle aber, dass Cannabis für junge Menschen weniger gefährlich ist als Alkohol – im Gegenteil: Cannabinoide wirken auf weit mehr Neurorezeptoren.
Mit welchen Folgen?
Cannabis kann im Gegensatz zu Alkohol Psychosen auslösen. Auch das Abhängigkeitspotenzial im Jugendalter ist größer als bei Alkohol. In der Abteilung, die ich im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf leite, behandeln wir 1600 Suchtpatienten im Jahr. Davon sind etwa zwei Drittel cannabisabhängig und ein Drittel medienabhängig. Alkoholabhänge Jugendliche sind die Ausnahme. Ich gehe davon aus, dass wir künftig noch mehr cannabisabhängige Patienten bekommen.
Mit der Legalisierung soll auch die Aufklärung über Gesundheitsrisiken von Cannabis intensiviert werden. Was bringt das?
Bisherige Erfahrungen zeigen, dass Aufklärung keinen großen Effekt hat. Gerade junge Menschen sind dafür wenig empfänglich. Sinnvolle Suchtprävention müsste bereits in der Grundschule beginnen. Zudem braucht es eine bessere Jugendsuchtberatung, um junge Erstkonsumenten wieder von der Droge wegzubringen. Doch hier gibt es eklatante Defizite, auf die der Gesetzesentwurf leider nicht eingeht.
Experte für Suchterkrankungen
Position
Rainer Thomasius (Jahrgang 1957) ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Ärztlicher Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.