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Calw Eisenbahnromantik hoch ansteckend

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Kurt Ulrich Schneider (links) erläutert Besuchern des Ausstellungstages die Funktion der ehemaligen Drehscheibe am alten Calwer Bahnbetriebswerk. Fotos: Kunert Foto: Schwarzwälder Bote

Calw. Es ist ein Virus, der da alle eineinhalb bis zwei Monate vom ehemaligen Verwaltungsgebäude der Strickwarenfabrik Wagner in der Weiherstraße ausgeht. Ein Virus, der aber wohl nur kleine Jungs und große Männer befällt: der Eisenbahnmodellbau-Virus. Hochansteckend!

Eckard Remunat, Jahrgang 1957, war ein Dreikäsehoch, als ihn der Virus packte. Sein Elternhaus, in dem er bis heute wohnt, steht direkt an den Gleisen der alten Württembergischen Schwarzwaldbahn. Sein Opa war hier Lokomotivführer. Alle großen und kleinen Jungs bekommen jetzt glasige Augen: Dampfloks! Eckard Remunat ging’s nicht anders. Heilbar ist diese "Krankheit" nicht. Im Gegenteil – sie macht einen Heidenspaß.

Gewaltige Dimensionen

Es ist Ausstellungstag der "Modellbaugruppe Remunat". So nennt sich das halbe Dutzend älterer Herren, die in dem ehemaligen Wagner-Gebäude einen authentischen Nachbau der Calwer Einbahnanlagen im Modelleisenbahn-Maßstab "H0" betreut. Die mittlerweile gewaltige Dimensionen angenommen hat: Auf mehr als 30 Metern sind die Gleisanlagen der Nagoldtalbahn mit dem alten Calwer Bahnhof zu sehen – im Zustand etwa von Anfang der 1970er-Jahre, kurz bevor das meiste davon dem Abrissbagger zum Opfer fiel. Auf weiteren 45 Metern gibt’s in zweiter Reihe der Modelleisenbahn-Anlage einen Nachbau der ehemaligen Württembergischen Schwarzwaldbahn – mit dem für Eisenbahner wegen seiner Steigung extrem spannenden Abschnitt zwischen Calw und Althengstett. Irgendwann wird auf dem Original die Hermann-Hesse-Bahn fahren und die Calwer Eisenbahn-Tradition auf dieser Strecke neu beleben.

Der kleine Lars kann das alles unmöglich wissen. Trotzdem steckt er sich gerade mit dem "Virus" massiv an: Er darf ans Steuerpult der riesigen Anlage und selbst einige der Züge mit den Drehreglern der Trafos steuern. Sein Gesicht ist hoch konzentriert, man sieht ihm die Verantwortung an, die er damit übernommen hat. Die typischen Symptome. Kurt Ulrich Schneider, einer der "Remunater", lächelt versonnen. Er kennt das. Mit sechs Jahren schenkte ihm sein Papa die erste Modelleisenbahn: eine Baureihe 23 mit Gleisoval. Immer zu Weihnachten wurde die Anlage aufgebaut. Und Schneider vermerkt, dass ihn als kleiner Junge auch wirklich der Papa mit der Anlage spielen ließ. Das ist bei Vätern mit "schwerem Krankheitsverlauf" keine Selbstverständlichkeit.

Heute gehört Schneider selbst zu den "schweren Fällen": Daheim hat er eine komplette Einliegerwohnung mit seiner Modelleisenbahn vollgebaut. Als Rentner hat der ehemalige Calwer Kripo-Chef viel Zeit dafür. Remunat hat auch so eine "Einliegerwohnung": "’Meins’ sind eigentlich die modernen Züge", nicht die alten, historischen, die hier in seiner Calwer Modelleisenbahn-Welt der Authentizität wegen unterwegs sind. "Das alles hier ist quasi nur ’nebenbei’ entstanden", sagt Remunat. Und man traut seinen Ohren nicht.

Nur nebenbei? Insgesamt 75 Meter Eisenbahn-Modell mit originalgetreu nachgebauten Betriebsgebäuden, Landschaftsprofilen, unendlich vielen faszinierenden Details – wie den Lkw der ehemaligen Spedition Lörcher: von denen haben selbst ehemalige Mitarbeiter keine Fotos mehr. Das einstige Betriebsgebäude der Spedition steht aber in unmittelbarer Nähe der Gleise der Württembergischen Schwarzwaldbahn – weshalb sie für Remunat dazugehörten. Auf einem Erdbeerfeld in Herrenberg entdeckte er per Zufall einen der Alten Lörcher-Anhänger, fotografierte den und ließ von einem Neffen die Aufbauten der Fahrzeuge maßstabsgerecht für seine H0-Modellautos nachfertigen.

Echte Zeitreise

Eine echte Zeitreise ist das, was man hier erlebt – wenn auch "nur" in eine Calwer Miniaturwelt. Rund 90 Prozent der Anlage habe Remunat gefertigt, erzählt Schneider. Den Rest er. Und die Anlage wächst immer noch – historisch waren Württembergische Schwarzwaldbahn und Nagoldtalbahn ja miteinander verbunden. Auch im Modell sollen die beiden Gleisabschnitte miteinander zusammengefügt werden – nicht maßstabsgetreu, dafür reicht der Platz dann doch nicht, aber so, dass man sich an dieser Stelle gut vorstellen kann, wie es einmal war. Auch einen maßstabsgerechteren Nachbau des alten Calwer Bahnhofs, der bereits fertig etwas abseits bereit steht, soll in die Anlage eingefügt werden und den aktuellen, eigentlich vom Maßstab her zu kleinen Bahnhof ersetzen – aber auch das wird die Modellanlage verlängern, wofür man entsprechenden Platz braucht.

Womit sich ein paar Sorgenfalten auf der Stirn von Schneider zeigen. Denn die Tage der Calwer Modelleinbahn-Anlage im Wagner-Gebäude sind gezählt. Die Sparkasse Pforzheim Calw als Eigentümer der alten Industriebauten will die Immobilien veräußern, ein Investor wird hier Wohnungen bauen. Einmal noch, schätzt Schneider – Ende März, Anfang April – wird es einen Ausstellungstag der Anlage geben, dann ist Schluss. Und dann? Schneider hebt die Schultern. Man wird sehen. Es gebe Gespräche, Ideen.

Lars interessiert das alles im Moment gar nicht. Einer seiner Züge ist entgleist, schlägt Funken. Kurzschluss auf der Anlage. Remunat ist sofort zur Stelle und hilft. Schnell ist der verunglückte Waggon wieder auf der Schiene. Auf Lars Gesicht ist pures Glück zu sehen. Ganz klar – wieder so ein "hoffnungsloser Fall".

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