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Calw Die tödlichste Grenze der Welt

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Hannes Haas (links) war im Jahr 2017 an Bord der Sea-Watch 2. Foto: Friedhold Ulonska Foto: Schwarzwälder Bote

Auch wenn es medial etwas ruhiger geworden ist, sterben immer noch viele Menschen auf ihrer Flucht nach Europa im Mittelmeer. Zivile Seenotrettungsorganisationen wie Sea-Watch wollen die Flüchtenden retten. Von seinen Erfahrungen auf einem solchen Rettungsschiff berichtete am Dienstagabend der Gechinger Hannes Haas.

Calw-Stammheim. Knapp 20 Personen waren in den Stammheimer Bioladen gekommen, um von Hannes Haas aus erster Hand zu erfahren, wie die zivile Seenotrettung vorgeht und welche Schwierigkeiten es dabei gibt. Der 29-Jährige weiß, wovon er spricht. Er war seit 2017 selbst vier Mal an Bord unterschiedlicher Schiffe der Organisation Sea-Watch.

Der gelernte Schreiner Haas studiert aktuell Englisch und Politikwissenschaften auf Lehramt in Stuttgart. Trotzdem findet er immer wieder Zeit, sich für Flüchtende zu engagieren. Zuletzt war er im Sommer dieses Jahres auf der Sea-Watch 3. "Ich finde, als privilegierter Europäer hat man eine Verantwortung für die Folgen unserer Politik", erklärte er seine Motivation. Eine Folge der Politik sei eben die große Migrationsbewegung aufgrund von Armut und Krieg. Und mit seiner Auffassung von Menschlichkeit sei es nicht vereinbar, Leute im Mittelmeer einfach ertrinken zu lassen.

Rund 65 Prozent

Die europäische Außengrenze, besonders das Mittelmeer, ist laut Zahlen der UN die tödlichste der Welt. Rund 65 Prozent aller Menschen, die weltweit auf der Flucht sterben, kommen auf dem Weg nach Europa ums Leben. Und das obwohl es eine Seenotrettungspflicht gibt.

"Die Hoheitsgewässer eines Landes enden zwölf Meilen vor dessen Küste, können aber auf 24 Meilen ausgedehnt werden", erklärte Haas die rechtliche Situation. Dort sei die örtliche Küstenwache tätig und verpflichtet, in Seenot Geratene zu retten. Deshalb sei die Sea-Watch außerhalb dieser Zone tätig. Laut internationalem Seerecht sei zudem jedes Boot verpflichtet, Hilfe zu leisten, solange es sich nicht selbst in Gefahr bringt.

Hilfsorganisationen hielten sich hierbei auch an den Kriterienkatalog der europäischen Grenzagentur Frontex. Zudem stehe es den Schiffen rechtlich zu, sichere Häfen anzusteuern.

"Und die Häfen in Libyen sind nicht sicher", meint Haas. Um dies zu untermauern, zeigte er in Video, in dem Geflüchtete noch an Bord der Sea-Watch von den Grausamkeiten libyscher Milizen berichten. So seien sie erpresst und mit Elektroschocks gefoltert worden. Eine Frau berichtete davon, dass ihre Mithäftlinge in Libyen erschossen oder bei lebendigem Leib verbrannt wurden. Auch von Misshandlungen durch die libysche Küstenwache war im Video die Rede. Eine Küstenwache, die erst 2017 von der EU mit 46 Millionen Euro gefördert wurde.

Haas schilderte eindrücklich, wie die eigentlichen Rettungsaktionen vonstatten gehen. "Wir setzen kleine Schnellboote ein, welche die Menschen zu unserem Hauptboot bringen", erklärte er. Nur so sei eine sichere Rettung möglich. Die Menschen auf den Fluchtbooten seien dabei oft angespannt, hoch emotional und in Todesangst. Manche könnten nur noch tot geborgen werden. An Bord der Sea-Watch würden die Geflüchteten versorgt und in den nächsten sicheren Hafen gebracht.

"Das ist natürlich eine hohe psychische Belastung für die Crew", so Haas, der an Bord als Koch tätig war. Deshalb stünden Ansprechpartner, auch an Land, zu Verfügung. Ein Angebot, dass Geflüchteten oft fehle.

Europäische Lösung

"Eigentlich sollte es eine staatliche Seenotrettung geben", forderte Haas. Es könne nicht sein, dass Privatpersonen solche Aufgaben übernehmen müssten. "Noch besser wäre es, wenn es legale Einreisemöglichkeiten geben würde", so Haas. Die Menschen müssten Asylanträge in ihren Herkunftsländern stellen können und dann sicher nach Europa einreisen dürfen. Er könne auch die Italiener verstehen, die sagen, sie könnten nicht alle alleine aufnehmen. Deshalb forderte Haas eine europäische Lösung.

Den Vorwurf, dass seine Organisation mit Schleppern zusammen arbeite, verneinte Haas. Dass sich auch in Tunesien sichere Häfen befinden und nicht nur in Europa, wies er ebenfalls zurück. "Dort gibt es Menschenrechtsverletzungen und Homosexuelle werden verfolgt", meinte Haas. Die Kritik, dass sich die Menschen nur auf die gefährliche Mittelmeerroute begeben, weil sie wissen, dass sie gerettet werden, hält er für falsch. "Aktuell sind fast alle Rettungsboote festgesetzt und die Leute kommen trotzdem", entgegnete er.

Das sei auch aktuell das größte Problem der Organisationen. Die Schiffen würden mit teils dubiosen rechtlichen Begründungen entweder an der Ausfahrt oder Einfahrt in Häfen gehindert. Dies ziehe dann Gerichtsprozesse nach sich, die viel Zeit und Geld kosteten. Oft würden während solcher Prozesse die Boote auch beschlagnahmt. All dies hindere Sea-Watch daran, Menschenleben zu retten. "Die Seenotrettung darf nicht kriminalisiert werden", forderte Haas. Zuletzt war er mehrmals selbst von einer Festsetzung der Sea-Watch 3 betroffen.

Die Organisation finanziert sich über Spenden. Von den knapp 1,8 Millionen 2018 gespendeten Euro kommt laut Haas etwa ein Drittel von der evangelischen Kirche, der Rest von Kleinspendern. "Für 15 Euro können wir eine Rettungsweste kaufen", veranschaulichte er die Verwendung der Mittel. Man könne sich aber auch persönlich engagieren. Ob als Crewmitglied, im Berliner Büro, bei Events oder in der Öffentlichkeitsarbeit – überall würden helfende Hände gebraucht.

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