Auf Einladung der Initiative "Zeugen der Zeitzeugen" sprach Pnina Kaufmann (links) über ihre Leben als Tochter von KZ-Überlebenden. Rechts ist Marina Rentschler zu sehen. Foto: Selter-Gehring Foto: Schwarzwälder-Bote

Pnina Kaufmann erzählt ihre Lebensgeschichte / "Zeugen der Zeitzeugen" ein ganz besonderes Projekt

Von Annette Selter-Gehring

Calw-Hirsau. "Es ist nicht vorbei, noch lange nicht vorbei", sagt Pnina Kaufmann. Sie wurde 1946 geboren. Ihr Vater und ihre Mutter waren Überlebende des Vernichtungslagers Auschwitz. Auf Einladung der Initiative "Zeugen der Zeitzeugen" sprach die in Deutschland lebende Jüdin und Israelin in den Räumen der freikirchlichen Kingdom Faith Gemeinde in Hirsau über ihre Kindheit, das Trauma ihrer Eltern sowie darüber, wie die zweite und dritte Generation nach dem Holocaust heute Antisemitismus und wahrnimmt.

Bevor Pnina Kaufmann ihre Lebensgeschichte erzählte und sich den Fragen der Zuhörer stellte, gab Marina Rentschler, Projektleiterin von "Zeugen der Zeitzeugen", einen Einblick in die Aufgaben und Ziele der Initiative. Im Mittelpunkt der Arbeit steht der Kontakt der jungen Generation mit HolocaustÜberlebenden. Begegnungen finden beispielsweise in sehr persönlichen und berührenden Interviews statt, die junge ehrenamtliche Volontäre mit den Überlebenden führen und aufzeichnen. So werden diese zu Zeugen der Zeitzeugen, halten die Erinnerung an den Holocaust wach, können das Gehörte weiter geben und lassen die Verbrechen der Nationalsozialisten nicht in Vergessenheit geraten.

"Schuld ist nicht vererbbar", sagte Pnina Kaufmann gleich zu Beginn. Sie stellte aber auch fest, dass die Menschen heute fast nichts über die Realität der Holocaust-Überlebenden nach Kriegsende wissen und auch nichts darüber, welche Auswirkungen die traumatischen Erlebnisse auf die zweite und dritte Generation bis heute haben. "Ich bin aufgewachsen in einem KZ ohne Stacheldraht", beschrieb Kaufmann ihre Kindheit. Ihre Eltern seien mental nie aus Auschwitz herausgekommen, und die grausamen, traumatischen Erlebnisse von Vater und Mutter begleiteten die im Dezember 1946 in Lodz in Polen geborene Pnina und ihren Bruder tagtäglich. Auch im Denken der Menschen in ihrem Umfeld hatte sich nicht viel verändert. "Von Gleichaltrigen wurden wir ausgegrenzt und wurden als dreckige Juden beschimpft." Prügel gab es auf dem Schulweg ebenso wie im Elternhaus.

1957 wanderte die Familie nach Israel aus. "Ich hatte das Gefühl, plötzlich als Mensch geboren zu sein", beschrieb sie die Ankunft. Während die Eltern sich nur schwer zurechtfanden, sei sie aufgeblüht: "Israel hat mir das Leben gerettet. Trotz der Traurigkeit, die bis heute in mir ist, konnte ich zu einem lebensfrohen Menschen werden." Ein schwerer Schlag sei es für ihren Vater und ihre Mutter gewesen, als sie sich als junge Frau in einen Deutschen verliebte, den sie in Israel kennengelernt hatte. Das Paar heiratete und zog nach Deutschland, wo Pnina Kaufmann bis heute lebt. "Aber ich werde immer Israelin bleiben", betonte sie.

Ein zentrales Thema im Anschluss an die Ausführungen von Pnina Kaufmann war die Frage, wie Antisemitismus heute bekämpft oder wie vorgebeugt werden kann. "Begegnungen schaffen. Es ist wichtig nach Israel zu fahren, um das Land und die Menschen kennenzulernen und sich ein eigenes Bild machen zu können", betonte sie. Zu den Übergriffen auf Juden und jüdische Einrichtungen sagte Kaufmann: "Es gibt noch immer viel Hass. Es ist nicht auszuschließen, dass so etwas wieder geschieht."

Weitere Informationen: www.zeugenderzeitzeugen.wordpress.com

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