Im Jahr 1968 machten Nadelbäume 45 Prozent der Flächen aus... Foto: Landesarchiv/StAL/EL68IX-17295

Der Ortenauer Forst ist im steten Wandel. Das zeigt auch der Vergleich mit den Aufnahmen von 1968 mit heute. Doch weitere dramatische Veränderungen stehen dem Wald erst noch bevor, erklärt der Leiter des Amts für Waldwirtschaft.

Ortenau - "Wälder sind in ihrer Struktur immer Spiegelbild der gesellschaftlichen Bedürfnisse und Ansprüche", erläutert Hans-Georg Pfüller, Leiter des Amts für Waldwirtschaft im Landratsamt. Im Gespräch mit unserer Zeitung schlägt er einen weiten Bogen: Von der fernen Vergangenheit, über die Momentaufnahme der 1960er-Jahre bis in die heutige Zeit – und blickt sogar ans Ende unseres Jahrhunderts.

Nutzung ändert sich im Laufe der Jahrhunderte

Und es hat sich viel getan in der Geschichte des Ortenauer Forsts: Die Menschen des Mittelalters etwa nutzten den Wald ganz anders als heute, berichtet der Forstexperte. Damals wurden die Wälder viel stärker beweidet, dienten etwa der Eichelmast von Schweinen. Daher war die Eiche im Schwarzwald lange der vom Menschen am meisten begünstigte Baum. Der Forst lieferte Einstreu für die Ställe, Leseholz für das Feuer, frische Triebe wurden als Viehfutter geschnitten, wilde Bienenvölker sorgten für Honig. In der Neuzeit bis ins 17. und 18. Jahrhundert hinein rückte dann die Holzproduktion in den Vordergrund. Der Hunger der Köhlereien und Glashütten sowie der Bedarf für Schiffe führten zur "großflächigen Entwaldung", so Pfüller. In dieser Zeit sei die für den Schwarzwald so prägende Fichte angesiedelt worden. Sie sei mit den Extrem­situationen auf den Höhen und Hängen gut klargekommen und wachse verglichen mit der Eiche recht schnell.

Auch in der Nachkriegszeit war diese Wachstumsgeschwindigkeit ein wichtiger Faktor: Es ging um den Wiederaufbau Deutschlands, gutes Bauholz war gefragt. Briten und Franzosen schlugen zudem große Mengen an Nadelbäumen als Reparationsleistung – Fichten sollten die Lücken wieder füllen, so Pfüller.

Das zeigt sich auch beim Blick in den Lahrer Stadtwald: In der Gegenwart liege der Laubholzanteil bei rund 64 Prozent, Nadelbäume wachsen auf 36 Prozent der Fläche rund um die Stadt. Im Jahr 1968 – als die historischen Luftbilder entstanden – sah das noch etwas anders aus: Laubbäume machten 55 Prozent, Nadelbäume 45 Prozent der Fläche aus, berichtet Pfüller aus den Archiven.

"Der Trend geht tendenziell zu einem höheren Laubbaumanteil", erläutert der Forstexperte die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte. Der Wald sei "bunter" geworden. Denn zwischenzeitlich habe sich zum wiederholten Mal der gesellschaftliche Anspruch an den Wald verändert. Dessen Freizeitwert und seine ökologische Bedeutung – vor allem seit den 1980er- und 1990er-Jahren – sei immer mehr in den Vordergrund gerückt. "Wir haben uns landesweit eine naturnahe Waldbewirtschaftung auf die Fahnen geschrieben", erklärt Pfüller.

Eine weitere Veränderung in den vergangenen 50 Jahren wird beim Blick in die Seitentäler der Kinzig deutlich. Dort wanderte der Waldrand im Laufe der Jahre tiefer in die Täler, Ende der 1960er-Jahre wurden viele steile Hänge noch als Felder bewirtschaftet. Diese Beobachtung bestätigt auch der Leiter des Amts für Waldwirtschaft: "Das ist eine Entwicklung in der ganzen Region – und auch Ausfluss der strukturellen Veränderungen." Denn die Zahl der landwirtschaftlichen Haupt- und Nebenerwerbsbetriebe hat in den vergangenen Jahrzehnten drastisch abgenommen. Gab es Ende der 1970er-Jahre – weiter reichen die Daten des statistischen Landesamts nicht – rund 8000 Betriebe in der Ortenau, so waren es 2020 noch 3100.

Vom Setzling bis zum Baum dauert es 80 Jahre

Im Zuge dieser Entwicklung seien gerade die zunehmend unwirtschaftlichen Steillagen entweder aktiv aufgeforstet oder schlicht aufgegeben worden, berichtet Pfüller. Doch auch ohne das Zutun des Menschen habe der Wald sich die Flächen einverleibt. "Nach drei bis fünf Jahre haben erste Sträucher und Bäume den Weg in die Brache gefunden", nach zehn bis 15 Jahren sei bereits ein junger Wald entstanden, so der Forstexperte. Auch wenn 50 Jahre seitdem vergangenen sind – für das Ökosystem Wald sei das lediglich ein "Wimpernschlag", erläutert Pfüller. Vom kleinen Setzling zum starken, ausgereiften Baum rechne man mit Zeiträumen von 80 bis 120 Jahren. Die Aufnahme der Luftbilder liege also "streng genommen gerade mal eine halbe Baumgeneration" zurück.

Manchmal kommt es jedoch auch im Ökosystem Wald zu Veränderungen, die sogar für menschliches Ermessen schlagartig ablaufen. Etwa Orkan Lothar, der Ende Dezember 1999 über den Schwarzwald hereinbrach – und die Landschaft im Ortenaukreis nachhaltig umkrempelte. Die Arbeit von Jahrzehnten sei damals quasi über Nacht vernichtet worden, erinnert sich Pfüller. Das Orkantief sei mit "brutaler Wucht auf die Schwarzwaldhänge getroffen". Rund um Lahr waren 200 Hektar auf einmal entwaldet. Doch auch in die Rheinebene war betroffen: Im Gemeindewald Schwanau herrschte auf 400 Hektar Kahlschlag. "Enorme Vermögensschäden" seien die Folge gewesen. "Daran haben viele Betriebe heute noch zu knabbern", betont Pfüller. jahrzehntelange Pflege seien nötig gewesen, um die Flächen wieder aufzuforsten.

Allerdings bot die Katastrophe auch eine Chance: Auf den betroffenen Flächen sei mittlerweile ein sehr vielfältiger Wald entstanden. Gerade im Bezug auf die aktuell größte Herausforderung für den Forst – den Klimawandel – sei die Vielfalt ein entscheidender Faktor. "Wir sind in einem Transformationsprozess aller Naturräume – von der Rheinaue bis zu den Schwarzwaldhöhen", erläutert Pfüller. Klimastabilere Baumarten, die mit Hitze und Trockenheit besser umgehen können, in den Wald zu pflanzen sei eine Möglichkeit, der Entwicklung zu begegnen.

Weinbauklima auf den Schwarzwaldhöhen

Allerdings drängt die Zeit gewaltig: "Es wäre ein Illusion, zu glauben, man könnte innerhalb weniger Jahre den Wald komplett umbauen – das ist gar nicht leistbar, auch von der Natur aus nicht", erklärt Pfüller. Doch der Klimawandel wartet nicht. Folgt man der Entwicklungslinie des durchschnittlichen Temperaturanstiegs, so herrsche bis Ende des Jahrhunderts – also in maximal einer Baumgeneration – in der Rheinebene Mittelmeer- und auf den Schwarzwaldhöhen Weinbauklima. "Man braucht sehr viel Optimismus, um zu hoffen, dass uns der Anpassungsprozess irgendwie gelingen kann", so Pfüller. "Es muss uns aber auch gelingen."