Heute dominiert das Wohnen im 1000-Seelen-Dorf, mehrere Neubauviertel sind hinzugekommen. Foto: Landesarchiv/StAL/EL68IX-13971

Das Streben nach großem Wachstum – in Rietheim war das kein Thema, wie der Blick in die Vergangenheit zeigt. Und doch hat sich in der Zeitspanne zwischen 1968 und heute einiges getan. Die Luftbilder beweisen es.

VS-Rietheim - 1968 in Rietheim – was heute nicht mehr vorstellbar ist: Die Höchtenstraße (damals Villinger Straße) ist die Hauptstraße aller Fahrzeuge aus Brigachtal in Richtung Villingen. "Da war richtig Verkehr", erinnert sich Ortsvorsteher Bernd Bucher. Ortschaftsrat Eberhard Bertsche pflichtet ihm bei: "Wenn die Autos hängen geblieben sind, musste der Bulldog kommen!" Das war Rietheim zu einer Zeit, in der Wachstum nicht an erster Stelle stand.

 

Rietheim wollte Wachstum bremsen

Karl Hirt, langjähriger Ortschaftsrat und Sohn des letzten Rietheimer Bürgermeisters Wilhelm Hirt, weiß es noch genau: "In den 1970er-Jahren hat der Ort wenig getan, um groß zu werden. Der Ortschaftsrat war der Meinung, das Wachstum zu bremsen."

Das lag aber keineswegs am fehlenden Investoren. Vor der Eingemeindung zu Villingen-Schwenningen hatten Gewerbe- und Industriegebiete laut Hirt ein großes Interesse an dem Standort in der Nähe des wirtschaftlich florierenden Villingens. "Die Stadt hatte wiederum Angst, dass ein Konkurrent auf den Plan tritt." Gleichzeitig habe aber auch die Bevölkerung nie Industrie gefordert, "das war absolut unerwünscht", wie Bertsche weiß.

Einwohnerzahl schießt in die Höhe

Die ersten Betriebe gab es damals dennoch: 1968 hatte am westlichen Rand bereits eine industrielle Bäckerei ihren Standort, zudem war dort ein Lager von Kienzle-Uhren. Anschließend fand dort die Firma Mada – Marx Datentechnik GmbH – Platz, die später zu ihrem jetzigen Standort im Bereich Hinterhofen umsiedelte.

Trotz der angezogenen Handbremse beim (wirtschaftlichen) Wachstum gab es einhergehend mit der Eingemeindung zu Villingen-Schwenningen einen großen Sprung bei den Einwohnerzahlen: 1950 lebten in Rietheim 271 Menschen, zur Eingemeindung 1972 waren es bereits 586 Bürger – mittlerweile liegt die Zahl bei über 1000.

Arbeiterviertel rund um Liebermannstraße

Bucher: "In den 60er-Jahren kam die Liebermannstraße als Arbeiterviertel hinzu – die Entwicklung des Bereichs zog sich bis in die 90er-Jahre." Mit dem gesamten Gebiet Gassenäcker und Liebermannäcker fand der Wohnungsbau in Rietheim seinen Anfang – "zuvor waren wir eher landwirtschaftlich geprägt".

Nach dem Bereich Schalmenäcker (Bebauungsplan von 1985), erfolgten die weiteren Baugebiete Auf der Höchten (ab 1990er-Jahre und mit Auf der Höchten II bis in die 2000er-Jahre) sowie Oberdorf (ebenfalls 2000er-Jahre).

Neue Schule bereits 1965 gebaut

Was auf dem Luftbild von 1968 ersichtlich ist: Zu diesem Zeitpunkt konnten die Kinder von Rietheim schon vor Ort die Schulbank drücken. Denn bereits im Zuge der Erschließung rund um die Liebermannstraße im Jahre 1965 war sie gebaut worden – für 637 000 D-Mark. "Um so eine Investition stemmen zu können, brauchte es außerordentliche Holzhiebe", macht Hirt deutlich.

Zuvor wurden die Schüler im alten Schulgebäude gegenüber des jetzigen Rathauses unterrichtet, in der dortigen "Schulstube" (vor dem Bau des Rathauses im Jahr 1930 das Ratszimmer) konnte aber nur mit Holz geheizt werden. Bertsche: "Wir mussten als Kinder immer Holz hochtragen, damit wir heizen können." 1970 folgte der Kindergarten, 1971 wurde der Gymnastikraum an der neuen Schule zur Turnhalle erweitert, die 20 Jahre später einen Anbau erhielt.

1968 gab es noch zwei Gasthäuser

Die Gastronomie wurde 1968 noch hochgehalten. Im Mittelpunkt standen dabei die Gaststätten "Zum Grünen Baum" und "Zum Löwen". Erstere wurde bereits 1722 als Zehntscheuer gebaut, wurde später zum Gasthaus umgebaut, landläufig hieß es deshalb "’s Bierhus". Die Eigentümer bauten später eine Metzgerei an, genutzt wurde es außerdem als Lebensmittelgeschäft und zuletzt – vor dem Abriss 2019, um dort einen Neubau zu realisieren – als klassischer Tante-Emma-Laden. Damit hatten sich zudem Hoffnungen zerschlagen, dass mit dem Umbau des Ortsplatzes die Gaststätte wieder belebt werden kann.

Auch der Löwen dient nicht mehr als Anlaufstelle für die Gastlichkeit – 1842 gebaut und 1978 baulich verändert, ist das Gebäude vor zwei Jahren verkauft worden. Seit dem ist die Gaststätte geschlossen.

Doch Zusammenkommen, das geht in Rietheim natürlich trotzdem noch – beispielsweise auf dem Sportplatz. Seit 1955 wurde auf dem heutigen Ausweichplatz dem Lederball hintergejagt. "Ab 1972 sind die Sportstätten ausgebaut worden, das wurde im Eingemeindungsvertrag festgelegt", so Bucher. Weitere Plätze, eine Vereinsgaststätte sowie eine Tennisanlage folgten in den weiteren Jahren und haben bis heute Bestand.