Der Afghanistan-Einsatz endet. Fehler und falsche Erwartungen begleiten ihn seit Anbeginn, schreibt StN-Chefredakteur Christoph Reisinger in diesem Kommentar.
Stuttgart - Mit Mann und Ross und Wagen hat sie der Herr geschlagen. Diese Liedzeile, einst auf Napoleons totale Niederlage in Russland gedichtet, bringt die aktuelle Botschaft der afghanischen Taliban genau auf den Punkt: Die Deutschen ziehen ab, die Amerikaner und die Nato auch – und uns hält keiner mehr auf.
Großmeister der Propaganda
Zumindest der letzte Punkt entspricht keineswegs durchgängig der militärischen Lage in Afghanistan. Aber einmal mehr erweisen sich die Feinde der afghanischen Regierung, im Westen eher unscharf unter Sammelbegriffen wie „radikalislamisch“ oder Taliban einsortiert, als Großmeister der Propaganda.
Demütigung der westlichen Mächte
Geschickt bombardieren sie die digitalen Netzwerke mit Videos, wie ihre Kämpfer in jüngst eroberten Orten Flaggen hissen. Sie treten geschlossen auf und schicken Truppen demonstrativ vor große Städte. Nur wer von Kommunikation gar nichts versteht, mag vermuten, die so erzeugten Eindrücke entwickelten keine Wirkung auf die Kräfteverhältnisse in Afghanistan . Die Zuversicht in den eigenen Reihen wächst, die Angst in allen anderen auch. Und nebenbei gelingt noch ein bisschen Demütigung der westlichen Mächte. Die den Taliban militärisch stets überlegen waren und deren Herrschaft schon kurz nach Kriegsbeginn 2001 aus Kabul fegten – und doch nicht siegten.
Halbherziges Eingreifen, diffuse Vorgaben
Wenn Bundestag, Regierung und Bundeswehr nun anfangen – zu Recht selbstkritisch –, über das Warum Bilanz zu ziehen, führt an einer Erkenntnis kein Weg vorbei: In so vielschichtigen Konflikten wie jenem in Afghanistan kann ein halbherziges militärisches Eingreifen unter diffusen politischen Vorgaben zu militärischen Etappensiegen führen – nicht aber zu einem politischen Erfolg. Auf den Kriegsschauplätzen in Libyen, Syrien, im westafrikanischen Sahel zeigt sich seit Jahren dasselbe – so verschieden die Konflikte untereinander und von jenem in Afghanistan auch sind.
Bloß nicht in Deutschland stören
Amerikaner, Briten, Franzosen, Russen oder Türken machen in diesen Kriegen dieselbe Erfahrung. Deutschland hat sie in Afghanistan in besonderem Maße gemacht. 59 tote deutsche Soldaten stehen am Ende eines militärischen Engagements, das politisch seit 2002 vor allem darauf angelegt war, in Deutschland nicht allzu sehr zu stören. Auf Ergebnisse am Hindukusch kam es weniger an.
Es geht um irrsinnig viel Geld
So konnte das Erreichte nur weit hinter den Erwartungen zurückbleiben. Erwartungen, die sich darin widerspiegeln, dass immer noch so viel die Rede ist von Demokratie, Wahlen, Entwicklung, Frauenrechten. Das sind und bleiben alles hehre Ziele. Die Konflikte in Afghanistan drehen sich aber um andere. Das erkennt, wer weniger auf die Propaganda der Taliban schaut als darauf, wo sie ihre Angriffe tatsächlich konzentrieren: in den Provinzen, in denen die Opiumernte ansteht. Da geht es um viel Geld. Nach den Maßstäben eines so armen Landes um irrsinnig viel Geld. Und eher am Rande darum, wer frömmlerischer auftritt oder Frauen schlimmer unterdrückt.
Was in den Mittelpunkt gehört
Das mag banal klingen. Aber für den Umgang mit solchen Konflikten und eine faire Bilanz des deutschen Engagements in Afghanistan – nicht nur der Bundeswehr – gehören solche Tatsachen in den Mittelpunkt der Betrachtung. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer lässt anklingen, dass sie das weiß, wenn sie sagt: Der Militäreinsatz im Sahel solle nicht wie jener in Afghanistan überfrachtet werden mit übersteigerten Erwartungen.
Kommen die Soldaten sicher heim?
Dieser Erkenntnis breiteren Raum zu geben in der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik wäre ein großer Fortschritt. Zunächst gilt es allerdings, die deutschen Soldaten sicher heimzuholen aus Afghanistan – und ihre afghanischen Helfer auch.
christoph.reisinger@stuttgarter-nachrichten.de