In seinem Wahlkreis sehr bekannt: SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Foto: dpa/Oliver Berg

Bekannt, aber nicht bei allen beliebt: SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach will in seinem Wahlkreis das Direktmandat. Seine Konkurrentin: Laschets Frau für Integrationspolitik, Serap Güler. Es geht bisweilen ruppig zu.

Leverkusen - Der Tag beginnt mit einer Schadensbilanz – so wie jeder Tag in diesem langen Wahlkampf. „Täglich werden meine Großplakate zerstört, zerschnitten, bekritzelt“, sagt Karl Lauterbach an diesem Septembermorgen. „Alleine heute gibt es 20 zerstörte Flächen.“ Mit Anzeigen beginnt der Tag auch. „Drohungen, Beleidigungen, Vandalismus, die ganze Palette.“ Dabei bringe er ohnehin nur die „harten Sachen“ zur Anzeige.

 

Die Corona-Krise machte Lauterbach zur Marke

Lauterbach ist einer der bekanntesten Gesichter der Sozialdemokratie. Die Corona-Krise hat ihn zur Marke gemacht. Und zur Reizfigur. Das zeigt sich jetzt im Wahlkampf. Lauterbach kandidiert im Wahlkreis 101. Der umfasst die Stadt Leverkusen und den Kölner Stadtbezirk Mülheim. „Nicht jeder mag mich, aber jeder kennt mich“, fasst der SPD-Kandidat die Ausgangslage zusammen. Das merkt man am Andrang an seinen Ständen. Obwohl es manchmal gar nicht nach Wahlkampf aussieht.

Es ist kurz vor Mittag in der Fußgängerzone von Opladen. Es hat sich eine kleine Warteschlange gebildet. Wie in der Arztpraxis. „Tatsächlich ist mein ganzer Wahlkampf eine Art Sprechstunde unter freiem Himmel“, sagt Lauterbach, der Mediziner, Epidemiologe, Harvard-Professor, Institutsgründer. Eine Frau sieht nicht ein, dass ihr Sohn, der von Corona genesen ist, nun auch noch eine Impfung will. „Muss das sein, Herr Lauterbach?“ Ein älterer Herr will keinen mRNA-Impfstoff. „Herr Lauterbach, ich will keine Eingriffe in meine Gene.“ Über die SPD wird nicht viel gesprochen.

Der Wahlkreis ist bundesweit interessant geworden. Nicht weil es so spannend zuginge. Tatsächlich dürfte Lauterbach erneut als Sieger durchs Ziel gehen. Aber das Duell ist außergewöhnlich. Der prominente Sozialdemokrat trifft auf eine der profiliertesten Kräfte in Armin Laschets Landesregierung. Serap Güler ist Kind türkischer Gastarbeiter, der Vater war Bergmann, 40 Jahre unter Tage. Sie ist Staatssekretärin für Integration im Düsseldorfer Familienministerium. Beide gelten in ihren Parteien als potenzielle Bundesminister.

Das rote Mülheim, das schwarze Leverkusen

Lauterbach spricht über Corona. Güler spricht über Kriminalität. Am Abend vor Lauterbachs Gesprächen am Opladener Stand ist Güler ganz in der Nähe. In einem großen Kinosaal tritt sie gemeinsam mit Landesinnenminister Herbert Reul auf. Sie lobt Reul, weil er das Thema Clankriminalität beherzt angehe. „Wir in Leverkusen wissen, wovon da die Rede ist.“ Zwei Wochen zuvor wurde die Leverkusener Villa der Familie Al Zein von der Polizei gestürmt und vier Familienmitglieder verhaftet. „Probleme benennen, ohne zu generalisieren“, sei der richtige Weg sagt Güler. Auch wenn es um Rechtsradikalismus in der Polizei gehe. „Vor ihnen steht jemand, die es auf die Todesliste von Rechtsextremisten geschafft hat.“

Der Wahlkreis ist geteilt. Das rote Mülheim, das schwarze Leverkusen. Aber Lauterbach holte bei der Wahl 2017 in beiden Bereichen Mehrheiten. Bei der Kommunalwahl in Leverkusen gewann wieder die Union. Ist also wenigstens Leverkusen ein Heimspiel für Güler? „Corona hat vieles verändert“, sagt sie. Lauterbach könnte in Leverkusen durchaus in bürgerliche Milieus vordringen. „Es gibt ältere CDU-Wähler, die meinen, dass er mit seinem sehr striktem Corona-Kurs, der auf Vorsicht und Lockdowns setzt, recht hat.“ Und in Leverkusen gibt es jede Menge ältere CDU-Wähler.

Die Vorbehalte der bürgerlichen Mitte

Güler mobilisiert viel Prominenz. Nicht nur Herbert Reul kommt. Ex-Bundestagspräsident Norbert Lammert war da, CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak, Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Der unvermeidliche Wolfgang Bosbach sowieso. Natürlich geht es da um Stimmenfang, um Aufmerksamkeit, darum, Lauterbach etwas entgegenzusetzen. Aber Serap Güler hat auch ein Nebenmotiv bei dieser Starparade der Union. „Ich wollte deutlich machen, dass mich die ganze Breite der Partei unterstützt.“ Muss sie das deutlich machen? Güler kann Sätze sagen, die hammerhart klingen: „Natürlich sagen manche, ich wähle nie eine Türkin.“ Sie fühlt diese Vorbehalte. „Für manche werde ich die ewige Türkin bleiben, auch in der bürgerlichen Mitte.“

Am nächsten Tag sind diese Gedanken verflogen. Wahlstand im beschaulichen Leverkusen-Schlebusch. Direkt neben der Kirche St.Andreas herrscht freundliche Stimmung. Güler verteilt türkische Glücksbringer. „Ich hab mein Leben lang CDU gewählt, diesmal auch“, sagt ein Passant. Güler freut sich. „Auch wenn mir der Laschet nicht gefällt“, sagt er auch noch im Weggehen. Aber das hört sie nicht mehr.

Der Personenschutz ist immer dabei

Lauterbach steht derweil am Wiener Platz in Köln-Mülheim. Ein sozialer Brennpunkt, Treffpunkt für die Abgehängten, mit dunklem Durchgang zum Bahnhof. Die Flasche kreist auf den Stufen, die den Platz wie eine kleine Tribüne umschließen. Gerade wird jemand von drei Polizisten zu Boden gebracht, Hände auf den Rücken, Handschellen klicken. Er kam aus dem Jobcenter. Wohl ein Randalierer.

Einsam, aber gut sichtbar steht auf diesem Platz eine Holzhütte – Lauterbachs Wahlstand. „Der muss so massiv sein, sonst würde er direkt zerstört“, sagt er. Er hat bei der Bezirksregierung eine Lizenz dafür erhalten, bis zum Ende des Wahlkampfs. Von den anderen Parteien ist nichts zu sehen.

So steht Lauterbach sechs Wochen lang fast jeden Tag an diesem Stand, wie auch an drei anderen im Wahlkreis. Immer mit den Beamten des BKA als Personenschutz. Manchmal müssen sie tatsächlich eingreifen. Corona-Schwurbler und rechte Spinner. Vor einer Woche hat er hier mit einem anderen Arzt Menschen gegen Corona geimpft. „Mit Lauterbachs Omnipräsenz kann keiner mithalten“, sagt Serap Güler. Sie braucht den Sieg im Wahlkreis nicht unbedingt. Der Platz auf der Liste sollte reichen.

Wie im Werbefilm

Es ist Nachmittag geworden und Lauterbach will noch einen Abstecher machen. Um die Ecke ist die Keup-Straße. Am 9. Juni 2009 ließ der rassistische NSU-Terror hier eine Nagelbombe hochgehen. Seitdem hat sich viel verändert. Die Straße ist bunt und lebhaft, mit vielen kleinen Geschäften, türkischen Cafés, Schmuckläden, Bäckereien. „Hier brauche ich keinen Wahlkampf zu machen“, sagt Lauterbach. Was er meint, wird bald klar. Ein Auto hupt, hält an, die Scheibe senkt sich. „Hallo Herr Lauterbach, ich habe Sie schon gewählt.“ Fußgänger winken ihm zu, rufen von der anderen Straßenseite, Händler ziehen Lauterbach ins Geschäft: zum Tee, zum Plaudern, ein Baklava geht immer. Fast wie in einem Werbefilm. Lauterbach hatte hier mal sein Büro. Er kennt die Händler. Hier sei er bei einer Hochzeit eingeladen gewesen, dort habe er dafür gesorgt, dass ein Café weitermachen konnte. Meral Sahin ist die Vorsitzende der Interessengemeinschaft Keup-Straße. Auch sie unterstützt Lauterbach. „Von ihm fühlen wir uns vertreten“, sagt sie. Erstaunlich. Immerhin kandidiert auch Serap Güler. „Sie will Deutscher sein als die Deutschen“, sagt ein Händler. Wie er das meint erklärt er nicht.

Man fühlt, wie schwer es Güler hat

Am Abend gibt es eine Podiumsdiskussion mit den Bewerbern. Der Leverkusener Integrationsrat hat eingeladen. Eigentlich ein Pflichttermin für Güler. Sie muss aus privaten Gründen absagen. Durchgehechelt wir das Klein-Klein aus dem Wahlkreis. Am Ende verabschiedet Ismalj Memishi die Kandidaten. Er ist Chef des Rates der islamischen Gemeinschaften in Leverkusen. Schade sei es, dass Frau Güler nicht gekommen sei, sagt er. „Ich bin aber nicht überrascht“, sagt er auch. Und man fühlt plötzlich, wie schwer es Güler hat. Als Türkin in der CDU. Als Deutsche in der türkischen Gemeinschaft.