Softwareingenieure sind gefragt, im Maschinenbau lässt das Interesse auch bei Studienanfängern nach. Foto: ipopba – stock.adobe.com

Dem Land fehlen Softwareingenieure und Experten für Künstliche Intelligenz. Werden dennoch Studienplätze gestrichen? Was die Hochschulen und die Wirtschaft befürchten.

Das Interesse an Ingenieurstudiengängen im Land lässt seit Jahren nach. Vor allem den Maschinenbau und die Elektrotechnik meiden die Abiturienten inzwischen. Schon im Herbst 2021 sanken die Einschreibungen von mehr als 17 000 ein Jahr zuvor auf rund 12 000.

 

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„Es ist zu befürchten, dass dem zunehmenden Fachkräftebedarf ein reduziertes Angebot an Ingenieurinnen und Ingenieuren gegenübersteht“, befürchten Hochschulrektoren und Wirtschaftsführer. Wenn die Nachfrage nachlässt, droht zudem die Streichung von Studienplätzen. In einem gemeinsamen Papier, das unserer Zeitung vorliegt, sprechen sich Wirtschaft und Wissenschaft für die Stärkung der Ingenieurwissenschaften aus. Ziel sei, dass Baden-Württemberg das Ingenieurland Nummer eins bleibe.

Warnung vor kurzfristigen Streichungen

Wenn Studienplätze nicht nachgefragt werden, gibt es für die Hochschulen weniger Geld. Thomas Puhl, der Sprecher der Universitätsrektoren, mahnt in dem Papier: „Das Land darf das Studienplatzangebot nicht an kurzfristig auftretenden Schwankungen der Bewerberzahlen ausrichten und eine Verlagerung in andere Fachrichtungen vorantreiben.“ Ingenieure würden langfristig gebraucht. Auch Wilfried Porth, der Vorsitzende des Arbeitgeberverbands Südwestmetall, betont: „Die fundamentale Transformation im Zeichen von Digitalisierung und Dekarbonisierung stellt die Wirtschaft im Südwesten vor gewaltige Herausforderungen.“ Diese könnten nur durch ausreichend viele Ingenieure bewältigt werden.

Bauer: Studienplätze dürfen nicht dauerhaft leer stehen

Wissenschaftsministerin Theresia Bauer sagte unserer Zeitung: „Es kann nicht sein, dass Studienkapazitäten dauerhaft leer stehen und dennoch mit öffentlichen Geldern finanziert werden.“ Dem Land sei aber nicht daran gelegen, Studienplätze zu streichen. Es gehe darum, die Studiengänge attraktiv zu machen, und da sieht sie die Hochschulen in der Pflicht: „Die Hochschulen müssen ebenso wie die Wirtschaft sich den großen Transformationsfragen stellen und ihr Angebot anpassen in Richtung Digitalisierung und Dekarbonisierung, damit die Absolventinnen und Absolventen fit sind für die Arbeitsplätze der Zukunft.“

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Bauer betont, „es werden also mehr Softwareingenieure und Fachleute für maschinelles Lernen gebraucht, es werden mehr Experten für Elektromobilität und Batteriespeicher gesucht und weniger für Verbrennungsmotoren“. Deswegen sei sie bereits im Gespräch mit den Hochschulen und der Wirtschaft. Da gehen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik in eine Richtung. In ihrem Zehnpunkteprogramm regen Hochschulen und Wirtschaftsverbände an, dass bereits in der frühkindlichen Bildung und in den Schulen die Begeisterung der Kinder für Mintfächer (Mathematik, Naturwissenschaften, Informatik, Technik) geweckt wird, und empfehlen die Vernetzung mit außerschulischen Lernorten.

Grundlagen bereits in der Schule legen

Große Bedeutung messen sie auch der Berufs- und Studienorientierung bei, die in der Pandemie weitgehend flachgefallen sei, was zu den Einbrüchen beigetragen habe. Dringend notwendig seien auch die Definition von klaren Mindestkompetenzniveaus in Deutsch und Mathematik und die Vermittlung digitaler, sozialer und informationstechnischer Grundkompetenzen an der Schule.

624 unterschiedliche Angebote in Baden-Württemberg

An den Hochschulen sollen bedarfsgerechte Angebote entwickelt werden. Von einer weiteren Differenzierung der 624 Studiengänge in den Ingenieurwissenschaften im Land halten die Experten nichts. „Zielführender erscheint ein starkes Grundlagenstudium“, heißt es in dem Positionspapier. Wichtig sei zudem, dass die Hochschulen die Lehrpläne eigenverantwortlich fortentwickeln könnten. Ferner solle die digitale Lehre vorangebracht und die Kooperation mit kleinen und mittleren Unternehmen ausgebaut werden. Schließlich sollten die Hochschulen als Weiterbildungspartner gestärkt werden und solle ein Dialogformat zur Weiterentwicklung der Ingenieurwissenschaften etabliert werden.