Die israelische Autorin Zeruya Shalev stellt im Literaturhaus Stuttgart ihren neuen Roman „Schicksal“ vor. Sie erzählt darin wie sehr das Private unterwandert ist von Konflikten, die von der Vergangenheit bis in die jüngste Gegenwart reichen.
Stuttgart - Schicksal ist das Zusammenwirken von Ereignissen, als würde dahinter eine Macht stehen, die das Ganze lenkt. Schicksal hat mit Schuld und Sühne zu tun. In der jüdischen Religion wurden an Jom Kippur, dem Tag der Sühne, einst zwei Böcke ausgewählt. Der eine wurde auf dem Altar für Gott geopfert, der andere beladen mit den ganzen Sünden des Volkes Israel von einem Berg gestürzt. Und wenn die 91-jährige Rachel aus ihrer Wohnung in einer israelischen Enklave nahe Jerusalem blickt, wohin sich die frühere Untergrundkämpferin zurückgezogen hat, dann sieht sie den Berg, von dem man einst den Sündenbock gestoßen hat.
Die beiden bedauernswerten Opfertiere geistern durch den neuen Roman „Schicksal“ der israelischen Autorin Zeruya Shalev. Und sie verbinden das Leben Rachels mit dem der Architektin Atara, die die alte Frau eines Tages aufsucht, weil sie von ihr hofft, Aufschluss darüber zu erlangen, von welcher Schuld das desolate Verhältnis zu ihrem Vater belastet war. Dieser nämlich war Rachels erster Mann und wie sie ein Mitglied der zionistischen Partisanenorganisation der Lechi, die gegen die einstige britische Mandatsmacht gekämpft hat, um in friedlicher Koexistenz mit den in Palästina lebenden Arabern einen gemeinsamen, freien Staat aufzubauen. Bis eine schreckliche Verkettung unglücklicher Umstände die Beziehung zu Rachel von einem auf den anderen Tag unwiderruflich zerstört hat.
Grausame Jugend
Die 1959 in einem Kibbuz am See Genezareth geborene Zeruya Shalev ist die Großmeisterin komplexer Beziehungsgeschichten. In Bestsellern wie „Liebesleben“, „Mann und Frau“, „Späte Liebe“ hat sie ausgeleuchtet, an was Ehen scheitern, welche Gewalt die Gefühle behaupten und was es heißt, die Herrschaft über das eigene Leben zu verlieren. Und als wäre das nicht kompliziert genug, kommt in ihrem neuen Roman die Geschichte als handlungsbestimmendes Moment dazu.
Als Architektin ist Atara mit dem Denkmalschutz befasst. Gegen skrupellose Spekulanten verteidigt sie die Auslöschung der Vergangenheit aus jahrhundertealten Bauschichten. Entsprechend will sie nach dem Tod des Vaters „das ideale Gebäude freilegen, das, angefressen vom Zahn der Zeit, hinter allerlei Anbauten immer mehr verloren ging“. Bei dieser Rekonstruktion hofft sie auf Rachel, sie soll enthüllen, was zwischen den beiden vorgefallen ist: was ihren Vater bewogen hat, so grausam mit ihr zu verfahren und welches Geheimnis sich mit ihrem Namen verbindet. Doch je mehr sie eindringt in die Schichten der Familienvergangenheit, desto nachgiebiger wird das Fundament, auf dem sie ihr Leben aufgebaut hat.
Gefühle, so kompliziert wie der Nahostkonflikt
Rachels Erzählung, in der Momente von Zeruya Shalevs eigener Familiengeschichte wiederklingen – ihr Vater war in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts selbst Mitglied der Lechi – führt in die Zeit zurück, in der junge Leute unterschiedlichster Herkunft und Orientierung ihr Leben im Kampf gegen die Briten aufs Spiel setzten. Heute muss sie sich von ihrem einen Sohn fragen lassen, worin der Unterschied bestehe, zwischen den einstigen „Kämpfern für die Freiheit Israels“ und den heutigen „Kämpfern für die Freiheit Palästinas“. Während ihr anderer Sohn Zuflucht im Kreis einer ultra-orthodoxen Gemeinschaft gefunden hat.
Atara indes reibt sich im Kampf mit den emotionalen Herausforderungen ihrer zweiten Ehe auf, mit der sie zerbrochen hat, was ihr nach schwieriger Jugend Sicherheit gab – die vielleicht etwas langweilige Routine eines Familienalltags, in dem man sich abends fragt, „wie war dein Tag?“ Alle tragen hier an einer Schuld, alle haben das Zeug zum Sündenbock. Flapsig könnte man sagen, die Kasuistik des Gefühlslebens, die Zeruya Shalev entfaltet, ist mindestens so kompliziert wie der Nahostkonflikt. Doch der bittere Ernst liegt darin, dass die Schicksalsverstrickung dieses Romans zwingend vor Augen führt, wie weit noch das Privateste unterwandert ist von jenen Kräften, die gerade erst in Israel wieder gezeigt haben, wie schnell sie alles, an was einer Denkmalschützerin gelegen sein könnte, in Schutt und Asche verwandeln.
Termin Die Buchpremiere mit Zeruya Shalev findet via Livestream an diesem Dienstag, um 19.30 Uhr im Literaturhaus Stuttgart statt.
Buch Zeruya Shalev: Schicksal. Roman. Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer. Piper-Verlag. 416 Seiten, 24 Euro.