Wer sind die Osteuropäerinnen, die sich hier als Pflegekräfte oder Haushaltshilfen verdingen? In ihrem Roman „Nastjas Tränen“ stellt Natascha Wodin eine von ihnen vor – man wird sie sobald nicht mehr vergessen.
Stuttgart - Wenn es eine Instanz der ausgleichenden Gerechtigkeit gäbe, die über dem stummen Leiden, den unsichtbaren Schicksalen im toten Winkel unserer Wahrnehmung waltet – die Schriftstellerin Natascha Wodin wäre ihre Priesterin. Denjenigen, die von der Geschichte aus der Bahn geworfen wurden, verschafft sie in ihren Romanen ein zweites Leben. Hier zeigt sich, was sie wirklich sind und was ihnen vom fatalen Gang des Ganzen aufgezwungen wurde. Der Gang des Ganzen ist im Leben und Werk der als Kind sowjetischer Zwangsarbeiter in Fürth geborenen Autorin eine Angelegenheit zwischen West und Ost. Ihre Mutter wurde im Krieg aus dem ukrainischen Mariupol nach Leipzig deportiert, um wie unzählige andere „slawische Untermenschen“ in den Rüstungsbetrieben des Flick-Konzerns verheizt zu werden. Sie überlebte, krank, entwurzelt und traumatisiert, bis sie sich 1956 unweit einer tristen Siedlung für „Heimatlose Ausländer“ am Rand der fränkischen Kleinstadt das Leben nahm.
In den Romanen „Sie kam aus Mariupol“ und „Irgendwo in diesem Dunkel“ hat Natascha Wodin ihre nie wieder irgendwo heimisch gewordenen Eltern im Reich der Literatur eingebürgert. In ihrem neuen Buch „Nastjas Tränen“ geht die Erzählung weiter.
Die große dunkle Krankheit
Kurz nach dem Fall der Mauer stand die Ukrainerin Nastja vor der Berliner Wohnung der Autorin, eine von vielen Osteuropäerinnen, die sich auf eine Annonce als Putzhilfe gemeldet haben. Sie bekommt den Zuschlag. Und schon steckt Natascha Wodin wieder in einer jener Ost-West-Geschichten, die ihr Leben so schmerzlich geprägt haben, die sie endgültig hinter sich lassen wollte – die aber niemand so bewegend erzählt wie sie. Im Heimweh in Nastjas Augen erkennt sie jenes unheilbare Gefühl wieder, das das Rätsel ihrer Kindheit war: „Das Mysterium meiner Mutter, die große dunkle Krankheit, an der sie gelitten hatte, solange ich sie kannte.“
Zwischen den beiden Frauen entwickelt sich eine Freundschaft und eine besondere Arbeitsbeziehung, deren Ergebnis dieses Buch ist. Man begegnet darin neuen Menschen, die sich für die Verheißungen des Kommunismus aufreiben und irgendwann realisieren, belogen und betrogen worden zu sein. Die freie Marktwirtschaft erleben sie als fundamentalen Zusammenbruch einer Ordnung, in der man sich zu sechst auf 38 Quadratmetern Plattenbau eingerichtet hat.
Zerbrochene Beziehungen
Nach 25 Berufsjahren steht die leitende Tiefbauingenieurin Nastja mit einem Sack Reis als einzigem und letzten Lohn auf der Straße. Um die ihren durchzubringen, putzt sie als Illegale im gelobten Land. „Nastjas Tränen“ handelt von Beziehungen, die unter der Last der Verhältnisse zerbrechen, und von unfassbaren Mesalliancen, die sich anspinnen, um einen Aufenthaltsstatus zu gewinnen. In der Grauzone, in der Scheinehen verglimmen, tummeln sich die merkwürdigsten Gestalten. Und je tiefer man in die dokumentierte Realität eindringt, desto märchenhafter wird, was Nastja erlebt.
Dass das Leben die besten Geschichten liefert, ist ein banaler Allgemeinplatz. Doch was in Wodins west-östliches Kraftfeld gerät, wird zu großer Literatur. Die Überkreuzstellung der objektiven Gewalten und des subjektiven Versuchs, mit ihnen ins Reine zu kommen, travestiert das romantische Paradox, wonach das Glück immer dort zu finden sei, wo man nicht ist. Nastja wird von einer auf die andere Seite geschleudert, es ist immer die falsche, Bleiberecht und Bleibewunsch kommen nicht zur Deckung. Doch die Freundin, deren Haus sie bestellt, überantwortet sie mit diesem Buch dem Gerechtigkeitsempfinden des Lesers. Hier ist sie sicher.
Info
Natascha Wodin: Nastjas Tränen.
Roman. Rowohlt Verlag. 176 Seiten, 22 Euro.