Das Auf und Ab eines bewegten Lebens in abendlichem Licht. Foto: IMAGO/Cavan Images/IMAGO/Cavan Images

John Irving krönt sein Schaffen mit einer monumentalen Fahrt im „Letzten Sessellift“. Sie führt durch ein winterlich verschneites Literaturmassiv, queere Lebenswelten und amerikanische Zeitgeschichte. Wer einsteigt, braucht Mut und einen langen Atem.

Dieser Roman lässt sich nicht nur deshalb als Schlussstein verstehen, weil sein Autor bereits das Alter von 81 Jahren erreicht hat, sondern weil er mit seinen 1100 Seiten schwer wie ein Ziegel in der Hand liegt. Von Menschen mit Nahtoderfahrungen wird berichtet, dass das ganze Leben an ihnen wie ein Film vorbei zieht. Nun ist die faszinierte Benommenheit, in die das neue – man ist versucht zu sagen: ultimative – Trumm des amerikanisch-kanadischen Autors John Irving versetzt, nicht mit einer Nahtoderfahrung zu vergleichen, auch wenn der Titel „Der letzte Sessellift“ auf Ende und Abschied deutet. Und doch begreift der Erzähler dieses Romans, ein gewisser Adam Brewster, sein Leben gleich zu Beginn als Film. Später wird er entscheidende Schlüsselpassagen seiner Biografie in Form eines über hundert Seiten langen Drehbuchs vor dem inneren Auge der Leser ablaufen lassen.

 

Adam Brewster ist etwa so alt wie John Irving, stammt wie dieser aus Exeter, New Hampshire, und schreibt ebenfalls international äußerst erfolgreiche Bücher, in denen er sich als Romanfigur neu erfindet. Und was Adams Stiefvater, der unter vielen Namen firmiert, ab der Hälfte unter weiblichen, über dessen Schreiben sagt, können Irving-Leser nur bestätigen: „Wenn man Geschichten aus dem sogenannten echten Leben schreibt, gibt es Details, die man bereitwillig verändert, weil man sie schöner machen kann. Du neigst als Schriftsteller dazu, die Dinge so schlimm wie möglich zu machen.“ Was nicht als Tadel gemeint sein muss. Kurzum, wir befinden uns im Zentrum eines ausladenden Literatur-Massivs, das dieser letzte Sessellift noch einmal in seinen vielfältigen Perspektiven, charakteristischen Details und schier endlosen Weiten überfliegt.

Am seltsamsten sind Heteros

Adams Mutter Rachel, genannt Little Ray, ist passionierte Skifahrerin, zur melancholischen Grundierung dieses Romans gehört auch die ihm einbeschriebene kleine Kulturgeschichte des Wintersports zwischen Arlberg-Schwung und Loge Peak in Aspen, Colorado. Als junge Frau wird sie schwanger. Wer Adams Vater ist, behält sie für sich. Zeitlebens bleibt der Junge nach ihm auf der Suche – daraus wird der Stoff zu jenem Drehbuch und dem Showdown am Ort seiner Zeugung. Rachel lebt in der doppelten Beziehung mit einer Pistenpflegerin und der von Adam anberaumten Ehe mit einem kleinen Englischlehrer, welches Attribut sich auf seine Körpergröße bezieht: In der matriarchalen Welt, in der der Junge aufwächst, gilt für Männer, je kleiner desto besser. Wie schon erwähnt wird der kleine Englischlehrer im Verlauf der Geschichte zu einer kleinen Englischlehrerin.

Das Leben, das sich hieraus entfaltet, resümiert Adams Mutter ihm gegenüber im Alter einmal so: „Wir sind alle ein bisschen seltsam – du ganz besonders, Liebling. Heteros sind am seltsamsten!“ Eingebettet in stabile queere Lebensverhältnisse erfährt der angehende Schriftsteller den nötigen Rückhalt für die vielfältigen je auf ihre Weise scheiternden Affären, die sein Leben bestimmen. Und vielleicht ist auf diese besondere Form der Geborgenheit Adams beziehungstechnisch eher problematische Disposition zurückzuführen, vor allem von Freundinnen angezogen zu werden, die er nicht anziehend findet.

Ungewisse Zukunft

Die symbiotische Unschuld dieser bunten Gegenwelt zu einer schrulligen Normalität, für die Adams giftige Tanten stehen, wühlen die sich verhärtenden ideologischen Entwicklungen auf. „Wann wurde alles politisch?“, beginnt ein Kapitel. Der Vietnam-Krieg, die Präsidentschaften Reagans und der Bushs agitieren Adams Familie. Seine Cousine und ihre stumme Lebensgefährtin touren mit dem Programm „Zwei Lesben eine spricht“ durch Clubs, bis der Hass auf Minderheiten immer aufsässiger wird. Wie der Wintersport geht die bis in die unmittelbare Gegenwart geführte politische Geschichte der USA einer ungewissen Zukunft entgegen.

Irvings Monumentalopus kommuniziert mit anderen Großwerken, allen voran Herman Melvilles „Moby Dick“. Es treibt keine Handlung voran, sondern ein sich verdichtendes Netz von Motiven, Träumen, schillernden Charakteren, Wiederholungen, wozu auch die Wiederkehr durch extravagante Todesarten aus dem Leben Geschiedener als Gespenst gehört. Mehr als ein Roman ist dieser „Letzte Sessellift“ ein Medium, durchaus mit spiritistischem Nebensinn. Er beschwört noch einmal alles herauf, was in diesem Schriftstellerleben Bedeutung hatte. Das hat in seiner Fülle, in seinem grobschlächtigen Humor wie dem mäandernden enzyklopädischen Gestus etwas Erschlagendes. Betäubung, Benommenheit, ja Verzweiflung sind stete Begleiter bei dieser Fahrt mit dem letzten Sessellift. Aber wer durchhält, dem sind die Figuren dieses Lebensabenteuers ans Herz gewachsen.

Die Ausgesetztheit über dem hochalpinen Buchstabengebirge hat manches gemein mit jener in den ozeanischen Weiten von Herman Melvilles Great Novel über den weißen Wal. Auch im Leben dieser Schneeliebhaber spielt diese Farbe eine besondere Rolle. Sie steht für ein Dasein in gefährdeter Freiheit durch das sich wie ein tröstliche, zutiefst humane Spur das Bekenntnis der Pistenpflegerin zieht: „Es gibt mehr als nur eine Art, Menschen zu lieben.“

John Irving: Der letzte Sessellift. Roman. Aus dem Amerikanischen von Anna-Nina Kroll und Peter Torberg. Diogenes Verlag. 1088 Seiten, 36 Euro.