Trotz der überraschenden Personalentscheidung will das Joint Venture von Daimler Truck und Volvo an der Standortentscheidung in Weilheim festhalten.
Es ist ein Paukenschlag: Vollkommen überraschend hat Cellcentric, das Joint Venture von Daimler Truck und Volvo, am Dienstag mitgeteilt, dass Matthias Jurytko, der Vorsitzende der Geschäftsleitung, bereits Ende des Monats seinen Posten aufgeben wird. Auch die Belegschaft des Unternehmens, dass in Weilheim eine der größten Brennstoffzellen-Fabriken Europas bauen will, wurde erst am Dienstag informiert. Die Trennung erfolgt auf eigenen Wunsch Jurytkos: „Es ist genau der richtige Zeitpunkt, jetzt die Verantwortung in andere Hände zu geben. Und es ist gut zu wissen, dass wir ein Team haben, das all unsere Pläne verwirklichen kann.“ Bis zum Jahresende wird Matthias Jurytko dem Unternehmen aber noch als Berater zur Verfügung stehen.
Die wichtigste Botschaft aus Sicht der Region Stuttgart: Der personelle Wechsel an der Firmenspitze soll keine Auswirkungen auf die Weilheimer Pläne des aktuell noch im benachbarten Standort Kirchheim-Nabern beheimateten Unternehmens haben. „Es wird Kontinuität beim Standort geben. Das ist mir persönlich sehr wichtig!“ betont Jurytko. Auch am zuletzt modifizierten Zeitplan, der nicht mehr eine zeitgleiche Komplettverlagerung, sondern einen Umzug in Etappen bis zum Jahr 2030 vorsieht, werde man festhalten.
Langsamer Ausbau der Wasserstoff-Infrastruktur
Allerdings kündigt Cellcentric zusammen mit der Personalie Jurytko eine „Aktualisierung der Produkt- und Industrialisierungsstrategie“ an. Denn seit der Unternehmensgründung 2021 hätten sich die Marktbedingungen maßgeblich verändert. Insbesondere zeichne sich ab, dass es länger als erwartet dauern werde, bis eine ausreichende Wasserstoff-Infrastruktur zur Verfügung gestellt werden könne. Das verzögere den ursprünglich prognostizierten Markthochlauf für Brennstoffzellen.
Gleichzeitig gebe es auch positive Nachrichten, etwa „kontinuierliche Technologiesprünge bei der Brennstoffzelle und erfreuliche Entwicklungen bei der CO-2-Gesetzgebung“: So habe der Reduction Act der US-Regierung einen Investitionsschub für Wasserstoff ausgelöst. Insbesondere diese Entwicklungen stellten für Cellcentric eine große Chance dar. So bereite man „Produktinnovationen mit deutlich gesteigertem Wirkungsgrad, optimierter Systemarchitektur und verbessertem Abwärmekonzept“ vor, um die Gesamtbetriebskosten des Produkts für den Endkunden zu optimieren. Wörtlich heißt es weiter: „Dem verzögerten Markthochlauf begegnet das Unternehmen mit einem gestaffelten Anlauf der Serienproduktion in Abhängigkeit von der Marktnachfrage mit Produktionsbeginn am bestehenden Vorserienstandort Esslingen und anschließender Skalierung im geplanten Klimawerk in Weilheim.“
Neue Führungskonstellation
Den Abschied Jurytkos nutzt Cellcentric, um die Führung des Unternehmens neu zu regeln. Das Team der Cellcentric-Geschäftsleitung, bestehend aus Nicholas Loughlan, Lars Johansson und Niklas Ekström, hat beschlossen, die bisher von Jurytko verantworteten Bereiche und Aufgaben in die bestehende Unternehmensstruktur zu integrieren und damit die Umsetzung in den Händen derjenigen zu belassen, die auch an der Entwicklung der nun umzusetzenden Strategie mitgewirkt haben.
Aufmerksam werden die Cellcentric-Entwicklungen vom Verband Region Stuttgart (VRS) verfolgt. Denn um die Ansiedlung des Unternehmens in Weilheim zu ermöglichen, ist der VRS mit einer Bürgschaft in Höhe von bis zu 21 Millionen Euro eingesprungen. „Mit dem Ausscheiden von Matthias Jurytko verliert das Projekt eine zentrale Persönlichkeit, deren Engagement und Expertise maßgeblich zur geplanten Ansiedlung von Cellcentric beigetragen haben“, erklärt der Stuttgarter Regionaldirektor Alexander Lahl. Die Zusammenarbeit zwischen der Stadt Weilheim und Cellcentric stehe mit dem Führungswechsel nun vor einer neuen Phase. Der Verband Region Stuttgart blicke aber zuversichtlich auf die Fortsetzung der Gespräche. „Wir hoffen, dass die Verhandlungen zwischen Weilheim und Cellcentric positiv weitergeführt und möglichst bald zu einem erfolgreichen Abschluss kommen“, sagt Lahl.
Der Chef und das Unternehmen
Karriere
1990 fing Matthias Jurytko bei der damalige Mercedes-Benz AG an. Nach verschiedenen Stationen in Stuttgart, Kassel, Südafrika und Rastatt übernahm er 2001 die Leitung des Controllings und Rechnungswesens bei Mercedes-Benz Engines in Mannheim, bevor er 2006 die Leitung des Controllings des Geschäftsfelds Powertrain Daimler Trucks übernahm. Vor seiner jetzigen Tätigkeit war Jurytko Leiter des Mercedes-Benz Werks Wörth.
Unternehmen
Cellcentric entwickelt, produziert und vermarktet Brennstoffzellensysteme für den Einsatz in schweren Nutzfahrzeugen. Cellcentric ist ein Joint Venture der Daimler Truck AG und der Volvo Group, das 2021 gegründet wurde. Mehr als 500 hoch qualifizierte Fachkräfte treiben die hochmoderne Brennstoffzellentechnologie weiter voran. Sie arbeiten in interdisziplinären Teams an Standorten in Nabern, Untertürkheim, Esslingen und Burnaby (Kanada). hol