Firat Arslan ist seit 1997 Profiboxer, am Samstag steigt er ein letztes Mal in den Ring – oder kommt noch mehr?. Foto: Baumann/Hansjürgen Britsch

Gelingt der letzte große Paukenschlag? Firat Arslan ist 53 Jahre alt – und boxt am Samstag letztmals um einen großen Titel. Wie schafft er das? Wie stehen seine Chancen? Im Interview spricht er über eine einzigartige Karriere – und deren schmerzhaften Anfänge.

Am Samstag geht in der Göppinger EWS-Arena eine ganz spezielle Sportlerlaufbahn zu Ende. Firat Arslan steigt ein letztes Mal in den Boxring und will sich mit einem Paukenschlag verabschieden. Zuvor spricht er über seine Karriere und erklärt, warum er sich im Alter von 53 Jahren immer noch fit genug für einen Titelkampf fühlt.

 

Herr Arslan, Sie verabschieden sich am Samstag aus dem Ring. Im Alter von 53 Jahren hätten Sie es sich einfach machen können. Eine nette Gala, ein schwacher Gegner, ein bisschen Show . . .

Stimmt, das hätte ich machen können. Aber das hätte überhaupt nicht zu mir und meiner Karriere gepasst. Ich wollte mich mit einem großen Kampf verabschieden. Eigentlich schon vor drei Jahren.

Gegen den Südafrikaner Kevin Lerena ging es im Februar 2020 um den WM-Titel des Verbandes IBO. Sie wollten den Gürtel – doch dann wurde das weiße Handtuch geworfen, was bedeutete: Aufgabe in Runde sechs.

Was ich damals überhaupt nicht verstehen konnte. Klar, ich lag zu diesem Zeitpunkt zurück. Aber wer weiß, wie ich mich nach oben gekämpft habe, weiß auch: Ich habe immer wieder verloren geglaubte Kämpfe gedreht – durch Härte und Kondition. Das hatte ich mir auch damals zugetraut, aber mir wurde die Chance genommen. Danach war klar: So möchte ich nicht aufhören.

Nun geht es wieder um einen Titel. Ihr Kontrahent Edin Puhalo aus Bosnien ist 18 Jahre jünger, ein starker Boxer, Europameister. Sie haben sich acht Wochen im Höhentrainingslager geschunden. Warum tun Sie sich das noch an?

Ich habe im Laufe meiner Karriere immer wieder bewiesen, dass ich das vermeintlich Unmögliche schaffen kann. Gezeigt, was man erreichen kann, wenn man ganz fest an sich glaubt. So soll es auch jetzt wieder sein. Ich will der älteste Boxweltmeister werden, den es bislang gab. Ich will etwas hinterlassen – und Menschen inspirieren. Diesmal vielleicht nicht nur die Jüngeren – sondern auch Männern im höheren Alter zeigen, was sie noch schaffen können. (lächelt)

Sie sind also siegesgewiss?

Zu Beginn der Vorbereitung auf diesen Kampf wusste ich natürlich nicht einmal, ob ich das Training so durchziehen kann, wie ich es will und brauche, ob das der Körper noch mitmacht. Ich habe viel investiert – und gewusst: Vielleicht ist es für die Katz, vielleicht muss ich abbrechen. Denn ich musste mich ja erst wieder an das harte Training gewöhnen.

Sie haben aber nicht abgebrochen.

Die ersten Tage waren hart, klar. Ich war nach den zwei Einheiten am Tag total platt. Aber die Werte, die wir immer wieder erhoben haben, waren absolut in Ordnung, so gut wie vor vielen Jahren. Also habe ich die Tortur durchgezogen – und weiß nun, dass ich gewinnen kann. Daran glaube ich fest. Aber klar: Boxen ist nicht planbar, es steht immer auch ein Gegner im Ring, der das Geschehen beeinflusst. Für mich ist aber vor allem eines wichtig.

Arslans Rzept: viel Schlaf, gute Ernährung

Was?

Dass es von meiner Seite kein „hätte, wäre, wenn“ geben wird. Ich habe mich bestmöglich vorbereitet und steige topfit in den Ring. Egal, wie es ausgeht: Ich werde mir diesbezüglich nichts vorwerfen können.

Was ist Ihr Rezept für diese Fitness im Alter von über 50 Jahren? Sie haben ja keinen Jungbrunnen im Garten, in den Sie jeden Tag einmal steigen.

(Lacht) Nein, den habe ich nicht. Aber ich habe von Gott gute Gene bekommen, physisch wie psychisch, da bin ich dem lieben Gott unendlich dankbar. Aber das allein ist es natürlich nicht. Du kannst ein wunderschöner Mensch sein – aber auch alles kaputt machen, wenn du dich nicht pflegst, dir die Zähne nie putzt und dich schlecht ernährst.

Was machen Sie?

Ich glaube, das Wichtigste ist: Ich habe nie aufgehört zu trainieren, habe immer weiter gemacht, keine großen Pausen eingelegt. Dazu achte ich darauf, viel zu schlafen, mich gut zu ernähren, mich gut zu regenerieren.

Woher wissen Sie, was gut für Sie ist?

Ah, das wusste ich lange Zeit überhaupt nicht. Zu Beginn meiner Karriere bin ich nach dem Motto verfahren: Viel hilft viel. Samstags habe ich geboxt, sonntags bin ich dann Bestzeiten gelaufen. Aber irgendwann konnte ich die Zeiten, die ich mir über fünf Kilometer vorgenommen hatte, einfach nicht mehr erreichen. Ich habe dann Kontakt zu einem Sportwissenschaftler aufgenommen, der mir erst einmal ein ordentliches Grundlagentraining verordnet hat. Ich musste teilweise spazieren gehen anstatt zu joggen.

Für jemand mit Ihrem Bewegungsdrang sicher nicht leicht.

(Lacht) Überhaupt nicht. Ich habe ihn dann auch angerufen und gesagt: Es kann doch nicht sein, dass ich hier spazieren gehe. Ich hatte Angst, dass ich meine ganze Kondition verliere, die ich mir mühsam antrainiert hatte.

Wie ging es weiter?

Ich habe mich an den Plan gehalten – und er hat funktioniert. Plötzlich war ich sogar schneller als zuvor. Für mich war damit klar, dass ich mir nicht nur selbst Wissen aneignen werde, sondern auch immer wieder Menschen suche, die Experten auf einem bestimmten Gebiet sind und mir helfen können. Das hat mich immer wieder weitergebracht.

Erinnern Sie sich eigentlich noch an Ihren ersten Kampf?

Oh ja. Es war schrecklich.

Wieso?

Ich war stark, ich hatte Mut, konnte schier unendlich viele Liegestütze auf einem Arm machen – so wie Sylvester Stallone in den „Rocky“-Filmen. Aber ich hatte zu diesem Zeitpunkt keine technische Basis, hatte ja auch erst im Alter von 18 Jahren mit dem Boxen begonnen. Und ich wusste nicht einmal im Ansatz, was es heißt, als Boxer im Ring einem Gegner gegenüber zu stehen.

Anerkennung durch Erfolge im Ring

Was passierte dann?

Es war ein Turnier. Würde ich den ersten Kampf gewinnen, käme ein zweiter. Ich war mit ein paar Kumpels in die Halle gegangen, habe bisschen auf cool gemacht und irgendwann zu ihnen gesagt: Ich gehe kurz kämpfen, bin gleich wieder da. Aber dann hat es gescheppert und geklingelt, meine Lunge hat gebrannt, meine Muskeln waren übersäuert. Ich blutete stark – aber dann habe ich den Krieger in mir kennengelernt, habe begonnen zu kämpfen wie ein Löwe und den Gegner zu Boden geschickt. Im Finale lief es ähnlich, ich schlug am Ende auch den zweiten Gegner k. o. – und war dennoch total enttäuscht.

Wieso das denn?

Weil ich mich fragte: Das ist es? Das ist Boxen? Ich war geknickt, wollte das nie wieder. Aber am Tag danach hatte ich ein ganz anderes Erlebnis.

Welches?

Auf dem Bahnhofsplatz in Süßen, wo ich aufgewachsen bin, traf sich am Abend immer die Jugend. 150, vielleicht 200 Leute waren da. Dann kam ich – und irgendwie hatte es sich herumgesprochen, was beim Boxen passiert war. Einer nach dem anderen gratulierte mir, viele fragten: „Du hast echt beide k. o. geschlagen?“ Ich bekam endlich die Anerkennung, die ich all die Jahre davor nicht hatte. Ich war ein Außenseiter, Ausländer, konnte bei Vielem nicht mitreden. Meine Mutter war alleinerziehend, ich trug teils zusammengeflickte Kleidung, wurde oft gehänselt wegen meines Vornamens.

Das Boxen gab Ihnen ganz neue Möglichkeiten?

Ja, absolut. Hier konnte ich zeigen: Ich bin nicht schlechter. Ich musste mich zwar immer wieder beweisen, um Anerkennung kämpfen und unendlich viel an meinen technischen Defiziten arbeiten. Und es dauerte auch lange, bis ich mein Versprechen, das ich einst einem Freund gegeben hatte, halten konnte und nach 19 Jahren als Profi doch noch Weltmeister wurde. Aber: Ich habe im Laufe meiner Karriere durch den Boxsport so viele Menschen kennenlernen dürfen, die ich ansonsten nie getroffen hätte. Da sind tolle Beziehungen daraus geworden, teils Freundschaften fürs Leben, wenn ich, zum Beispiel, an Luan Krasniqi denke.

Es gab aber auch Tiefen, Niederlagen, Rückschläge.

Natürlich. Und manche sportliche Niederlage war auch schwer zu akzeptieren, weil das jeweilige Urteile nicht gerecht war. Aber: Ich habe die Schuld nie bei anderen gesucht, sondern mich immer gefragt, was ich selbst noch besser machen kann. Selbst dann, wenn andere mir falsche Ratschläge gegeben haben. Es war ja ich selbst, der darauf gehört hat – obwohl ich es hätte besser wissen oder hinterfragen sollen.

Soziales Engagement für Kinder und Jugendliche

Ist es das, was Sie heute Jugendlichen in Schulen sagen? Oder in Ihrer Sportschule in Göppingen lehren?

Die wichtigste Botschaft, an die ich seit jeher glaube, ist: Wer fleißig ist, wird auch irgendwann dafür belohnt. Das will ich weitergeben, gegen Gewalt und Rassismus kämpfen – und wenn ich damit von hundert Jugendlichen auch nur einen erreiche, hat sich dieses Engagement schon gelohnt.

Zurück zu Ihrem Kampf am Samstag. Sollten Sie gewinnen – kommt womöglich noch das eine oder andere lukrative Angebot rein. Bleibt es dennoch beim Karriereende?

Das ist ganz klar der Plan. Weit über 30 Jahre als Boxprofi sind genug – und der Abschied von meinem Heimpublikum in Göppingen ist auch definitiv. Hauptkämpfer und Veranstalter gleichzeitig zu sein – das will ich nicht mehr. Komplett ausschließen werde ich einen weiteren Kampf zwar nicht. Aber es müsste schon ein sehr, sehr gutes Angebot sein.

Der Kämpfer

Boxer
Am 28. September 1970 wird Firat Arslan in Friedberg geboren. Er wächst in Süßen im Kreis Göppingen auf. Mit 18 Jahren beginnt er mit dem Boxen, 1997 bestreitet er seinen ersten Profikampf. Im November 2007 bezwingt er den US-Amerikaner Virgil Hill und wird Weltmeister im Cruisergewicht des Verbandes WBA. Etwa ein Jahr später verliert er den Titel wieder. In weiteren WM-Titelkämpfen unterliegt er teils sehr umstritten. Von seinen 65 Profikämpfen gewinnt er 53.

Familienvater
Arslan engagiert sich ehrenamtlich für Kinder und Jugendliche und führt mittlerweile eine Sportschule in Göppingen. Er lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Donzdorf. Am Samstag steigt sein letzter Kampf.