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Bösingen Zwischen Gärten und Häusern verschwunden

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Das Kriegsende 1945 erlebte der Herrenzimmerner Hans Müller im Bannausbildungslager Deißlingen. Später wurde er Lehrer und 1980 Leiter der Realschule in Wangen im Allgäu.

Bösingen-Herrenzimmern. Hans Müllers Kindheits- und Jugenderinnerungen hat Karl Kimmich für den Herrenzimmerner Geschichts- und Kulturverein in der Vereinszeitschrift "Der Löwe brüllt" im Oktober 2010 veröffentlicht. Das letzte Kapitel ist überschrieben mit: "Kriegsende 1945. Im Bannausbildungslager Deißlingen. 10. April bis 20. April 1945". Hans Müller schreibt:

Im Bannausbildungslager

"Jugendliche wurden mit 16 Jahren im letzten Kriegsjahr zur militärischen Kurzausbildung eingezogen. Am bekanntesten sind die sogenannten Flak-Helfer, die an Flugabwehrkanonen ausgebildet wurden. Auch unter diesen jungen Menschen gab es bei Luftangriffen Tote. An den Jahrgang 1929 des Dorfes erging der Befehl, sich am 10. April 1945 im Bannausbildungslager Deißlingen einzufinden.

Der Bann war die organisatorische Einheit der Hitlerjugend (HJ). Mit dem Hintergedanken auf eine mögliche Flucht begaben wir uns mit dem Fahrrad, weil ein anderes Verkehrsmittel kaum mehr möglich war, an den 20 Kilometer entfernten Zielort. Schließlich stand die französische Armee bereits im Rheintal.

Kurz vor Rottweil mussten wir im Straßengraben Deckung suchen, weil Jagdbomber einen Angriff auf den Rottweiler Bahnhof flogen. Diese gepanzerten, stark bewaffneten, mit je zwei Bomben unter den Tragflächen versehenen einmotorigen Flugzeuge, rasten im Tiefflug, aus ihren Bordkanonen feuernd, über unsere Köpfe hinweg. Ihnen entgegen feuerten die jugendlichen Flakhelfer.

Rucksack und Kartoffeln

Danach erreichten wir fünf Kameraden und Schulfreunde unser Ziel unbehelligt. Mitzubringen hatten wir Kartoffeln für die Verpflegung. Jeder hatte zu seinem Rucksack noch ein Säckchen Kartoffeln auf dem Gepäckträger. Unsere Fahrräder stellen wir bei Privatleuten, kleinen Bauern, ein. Der erste Tag wurde mit der Einkleidung, der Zuteilung einer Militäruniform, verbracht. Einer meiner Vettern war noch so klein, dass er die Kommisshose mit einer Schnur im Brustbereich festband und die Hosenbeine zudem noch hochschlagen musste.

Die Zeit wurde ausgefüllt mit Sport, Kampfspielen, Waffenkunde, Schießübungen mit Platzpatronen und Ausbildung an der Panzerfaust.

"Attila, der Hunnenkönig"

Neben der Mehrzahl der "Stillen" gab es auch begei­sterte Hitler-Fans, die durchaus mit der Panzerfaust gegen anrückende Panzer vorgegangen wären, so welche vorhanden gewesen wären.

Als Ersatz für das Tischgebet schrie ein Auserwählter: "Attila, der Hunnenkönig, fraß zu viel und schiss zu wenig, deshalb fiel er nicht im Kampfe, sondern starb an einem Magenkrampfe." Oder: "Und wenn sich Tisch und Bänke biegen, wir werden den Fraß schon runterkriegen."

Am 18. April 1945 sickerte die Nachricht vom Vorrücken der Franzosen durch. Die Plünderung und Brandschatzung Freudenstadts, 40 Kilometer entfernt, wurde bekannt. In der Nacht zum 20. April, Hitlers Geburtstag, wurden wir um 1 Uhr mit der Aufforderung zum Packen des Rucksacks geweckt. Abmarsch war um 3 Uhr früh Richtung Stetten a. k. M. zum Zwecke der Verteidigung.

Unter die Uniform legte ich meine Zivilkleidung an, um mich bei der geplanten Flucht sofort der Uniform entledigen zu können. Meine Fluchtrichtung ging gegen die Front. Flüchtend in der Uniform von der SS aufgegriffen zu werden, war tödlich. Überall schwirrten noch versprengte SS-Gruppen umher, selbst auf der Flucht töteten solche Fanatiker Wehrmachtssoldaten.

Im Schulhof sollten wir uns formieren, scharf "bewacht" mit der Schusswaffe begei­sterter Kameraden. Ich nährte mich der Ecke eines Gartenzaunes, es war noch dunkel. Dort blieb ich eine Weile stehen.

Mit dem Rad nach Hause

Indem ich vorspielte zu pinkeln, ließ mich in einem gün­stigen Augenblick fallen und war zwischen Gärten und Häusern verschwunden. Bis zum Tagesanbruch wartete ich, hinter dem kleinen bäuerlichen Anwesen versteckt, bis die Bauersleute sich in den Stall begaben. Ohne viele Worte nahm ich mein Fahrrad, um über Nebenwege nach Hause zu fahren.

Jagdbomber und SS

Zunächst warf ich aber im Wald meine Uniform weg. Der Weg führte über Niedereschach, Sinkingen, über eine Anhöhe nach Flözlingen ins Eschachtal. Ich machte bewusst einen Umweg von etwa 30 Kilometer. Keiner Menschenseele begegnete ich.

Trotz des herrlichen Frühlingstags war kein Bauer auf dem Felde anzutreffen. Nur zwischendurch musste ich ganz rasch in den Schatten einer Heuhütte in Deckung gehen, weil die gefürchteten Jagdbomber im Tiefflug umherstreiften.

Diese schossen auf alles, was sich am Boden bewegte. Von Flözlingen aus waren es noch sieben Kilometer bis in mein Heimatdorf, wo ich, alleine unterwegs, gegen 11 Uhr ankam. "Bub, versteck dich im Tobel, die SS ist auf dem Rathaus." So empfing mich meine Mutter tief erschrocken, als ich plötzlich in der Stube stand.

Ich, 15,5 Jahre alt, schätzte die Lage kühl ein. Ich legte meine Stallkleider an und begab mich mit einer Gabel auf die Miste, die zu jener Zeit überall vor den Häusern angebracht war.

Nachmittags um 3 Uhr fuhren die französischen Panzer ins Dorf. Wir haben dies als Befreiung empfunden."

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