Nach der Ankündigung des Austritts: Bei der IG-Metall-Delegiertenversammlung im November 2023 kommt es zu einer spontanen Solidaritätsaktion mit Blitz-Rotary. Foto: IGM VS

Der Südwestmetall-Ausstieg des Unternehmens treibt die Belegschaft um. Der Betriebsrat macht sich Sorgen. Er wirft der Geschäftsführung mangelnde Kommunikationsbereitschaft vor.

Blitz-Rotary tritt zum neuen Jahr aus dem Arbeitgeberverband Südwestmetall aus. Das Bräunlinger Unternehmen, das Hebebühnen und weitere Produkte für die Autowerkstatt produziert, ist damit künftig nicht mehr an die Tarifpolitik des Verbands gebunden. Geschäftsführer Dieter Düllick wollte sich gegenüber der Redaktion nicht zu der Entscheidung äußern. Doch was bedeutet dieser Schritt für die Belegschaft? „Ganz ehrlich: Wir wissen es nicht“, sagt Claudia Louangketh, Vorsitzende des Betriebsrats bei Blitz-Rotary.

 

„Der Arbeitgeber sagt uns natürlich immer, wir brauchen uns keine Sorgen zu machen. Wir wollen ein attraktiver Arbeitgeber bleiben, deshalb können wir ja gar nicht am Urlaub oder Weihnachtsgeld rumschrauben. Aber wir wissen nicht, ob wir das so recht glauben sollen“, ergänzt ihr Betriebsratskollege Oliver Bonn. Schließlich wolle ihr Arbeitgeber mit dem Verbandsaustritt sparen – so habe Geschäftsführer Düllick ihnen gegenüber mehrfach argumentiert. „Aber wenn er uns gleich viel zahlt und der Urlaub gleich bleibt, dann spart er ja nichts“, meint Bonn. Die Mitgliedsbeiträge für den Verband fielen jedenfalls nicht ins Gewicht.

Ein Blick auf den Betriebshof von Blitz-Rotary Foto: Dagobert Maier

Mit dem Austritt aus dem Arbeitgeberverband Südwestmetall ist Blitz-Rotary nicht länger an dessen Tarifpolitik gebunden. Wie Bonn erklärt, enden für die Mitarbeitenden voraussichtlich im September die Tarifverträge. Was danach kommt, ist aus Sicht des Betriebsrats ungewiss. Louangketh und Bonn gehen aber davon aus, dass eine Mitgliedschaft in der IG-Metall einen Unterschied machen könnte. Bonn schätzt, dass rund 50 Prozent der Angestellten Mitglied in der Gewerkschaft sind. „Für IG-Metall-Mitglieder bleibt der Urlaub gleich, Weihnachtsgeld und Urlaubsgeld bleibt gleich. Für alle Nicht-Mitglieder fällt das dann eigentlich komplett weg.“

Mitglieder seien außerdem weiterhin vom aktuellen Tarifvertrag gedeckt – neuverhandelte Lohnerhöhungen würden jedoch auch sie nicht länger betreffen. Aktuell wisse ihr Arbeitgeber nicht, wer Mitglied ist und wer nicht – könne es aber theoretisch herausfinden, so Bonn. „Und wenn er das wüsste, könnte er mit diesen Mitarbeitern alles komplett neu verhandeln.“

Im Unternehmen herrsche „ganz große Verunsicherung“. Bonn befürchtet, dass Kolleginnen und Kollegen aufgrund der unsicheren Perspektiven zu einem anderen Unternehmen wechseln könnten. Von zwei Mitarbeitenden wisse er bereits, dass sie als Folge des Austritts gekündigt hätten. „Wenn die Möglichkeit besteht, dass Mitarbeiter in ein tarifgebundenes Unternehmen wechseln können, machen sie das mit Sicherheit. Weil die Aufstiegschancen, die Sicherheit, sind einfach viel größer.“

Mutterkonzern in den USA

Blitz-Rotary gehört zur Vehicle Service Group, der Mutterkonzern sitzt in den USA. Für Oliver Bonn stellt sich daher auch die Frage, ob der Standort in Bräunlingen langfristig geschlossen oder ein Teil der Produktion ins Ausland verlegt werden soll. „Wir wissen es einfach nicht. Aber wenn jetzt so etwas kommt wie der Verbandsaustritt, macht das diese Sorgen natürlich nicht besser“, betont er. Dabei gehe es dem Unternehmen wirtschaftlich gut.

Große Enttäuschung

Bonn arbeitet seit mehr als 16 Jahren bei Blitz-Rotary. Er komme jeden Tag sehr gerne zur Arbeit, sagt er: „Mir gefällt die Firma, ich habe tolle Mitarbeitende und tolle Produkte. Wir haben ganz viele Mitarbeitende, die noch viel länger hier sind als ich. Und denen geht es genauso. Deshalb sind wir auch alle sehr enttäuscht, dass es jetzt in diese Richtung geht.“

Louangketh und Bonn beklagen die mangelnde Kommunikationsbereitschaft der Geschäftsführung. Geschäftsführer Düllick habe ihnen keine richtige Begründung zu der Entscheidung geliefert, sagt Bonn – trotz mehrfacher Nachfrage. Auch habe die Geschäftsführung erst im Oktober mit dem Betriebsrat gesprochen: „Da wurden wir darüber informiert, dass sie austreten wollen. Aber die Kündigung war schon geschrieben.“

Mangelnde Offenheit beklagt

Die Belegschaft habe sehr verärgert reagiert, erinnert sich Bonn. „Unser Arbeitgeber will immer vertrauensvoll miteinander arbeiten – und das ist natürlich genau das Gegenteil.“ Geschäftsführer Düllick schreibe Kommunikation eigentlich groß – aber eben nicht immer. „Vieles, was mit dem Betriebsrat zu tun hat, erfahren wir einfach viel zu spät.“ Bei einer Betriebsversammlung vergangenen Freitag hatte der Rat die Sorgen der Belegschaft laut Louangketh noch einmal deutlich gemacht. Seitens der Geschäftsführung habe sie jedoch keinerlei Offenheit erlebt, so die Vorsitzende.

Ein Ausweg

Anerkennungstarifvertrag
Wie die Betriebsratsvorsitzende Claudia Louangketh berichtet, hat die IG-Metall Villingen-Schwenningen Geschäftsführer Düllick nun im Rahmen einer Mitgliederversammlung einen so genannten Anerkennungstarifvertrag überreicht. Stimmt er diesem zu, übernimmt der Arbeitgeber die Regelungen des Flächentarifvertrags der Branche – in diesem Fall würde sich für die Belegschaft durch den Austritt also nichts ändern. „Ich denke, dass dann auch wieder alle Arbeitnehmer gleich gestellt sind“, erklärt Louangketh. Bonn wünscht sich nun von Geschäftsführer Düllick eine schnelle Rückmeldung, „damit wir zusammen an einen Tisch sitzen und darüber reden können“.