Blick auf Stuttgart – ein Becher der Porzellanmanufaktur Ludwigsburg Foto: vh

Wer diese Stadt verstehen will, darf ihre Geschichte nicht außer Acht lassen, sagt Roland Ostertag.

Stuttgart - Die Frage nach der Zukunft unserer Stadt wird verstärkt gestellt. Dies bietet auch die Chance für einen Denkwechsel. Ohne Kenntnis der (Geistes-)Geschichte dieser Stadt aber kann ein neues Denken nicht gelingen, wird vieles, was in Stuttgart geschieht, nicht verständlich.

Stuttgart ist von einer nicht zu überbietenden Selbsteinschätzung, Selbstüberhöhung. Wer in dieser Stadt eine Idee vorträgt, eine Idee fordert, hört, dies sei wenig realistisch. Mit dem Credo von Max Frisch kann man nur antworten: „Man ist nicht realistisch, indem man keine Ideen hat.“

Stuttgarts Defizite, seine Selbstgenügsamkeit, ja Profilneurose, wurde von den Chro­nisten der Stadt im 20. Jahrhundert, von Martin Decker-Hauff, Otto Borst und Gustav Waiss, schon sehr früh entdeckt. Erinnert sei vor allem an Borst und seine traurig-melancholische „Signatur einer Stadt“. Und es stimmt ja, Stuttgart war weder Handelsstadt, Hansestadt, Universitätsstadt, Messestadt noch freie Reichsstadt – bis Mitte des 19. Jahrhunderts nur kleine Residenzstadt mit riesigen Schlössern.

Cannstatt sollte Hauptstadt sein

Um diesem Defizit abzuhelfen, empfahl der Philosoph Gottfried Wilhelm von Leibniz schon 1669 in seiner Denkschrift an den württembergischen Herzog „Ursachen ­worumb Cannstatt füglich zur Hauptstatt des Herzogtums Würtemberg zu machen“, die Hauptstadt nach Cannstatt zu ­verlegen. Das Beste sei, wenn in der Hauptstadt die wichtigsten Themen lokalisiert seien. In Stuttgart sei dies nicht der Fall, deswegen sollte Cannstatt Hauptstadt sein: Römerstadt, Stadt am Fluss, an einer Handels­straße, es fehle dort nur noch eine Universität, am besten sei es deshalb, die einzige ­Universität des Herzogtums, Tübingen, nach dort zu verlegen.

Die Heimatgeschichte belegt, Dutzende der heutigen Stadtteile existierten lange ­bevor Stuttgart erwähnt und gegründet ­wurde, natürlich Cannstatt, dann Feuerbach, Gablenberg, Gaisburg, Heumaden, Rohracker, Sillenbuch, Zazenhausen und Zuffenhausen.

Stuttgart als eine Haupt- und Großstadt gegen alle Regeln. Ist dies der „geheimste ­Wesenszug dieser Stadt“? Dagegen hat die Fabrikantenschaft schon Mitte des 19. Jahr­hunderts opponiert. Geistige oder gar ­künstlerische Aspekte spielten kaum eine Rolle, sie wurden eher als hinderlich betrachtet. Diese merkantile Positionierung verstärkte sich in der rasanten Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahr­hunderts, sie beherrschte das Denken und Handeln. Der auf Rationalität fixierte Geist der Stadt entstand also nicht erst im 20. Jahrhundert. Er beherrschte die Stadt und ihre Welt schon in den Jahrhunderten davor – und blieb ein Grundzug bis heute.

Die Stadt ist von Landschaft durchdrungen

Der Horizont (im wörtlichen und übertragenen Sinn) des Städters bestimmt sein Urteilen, sein Denken, seine Perspektive. Friedrich Theodor Vischer, Publizist und Philosoph zunächst in Stuttgart, später in München, sagte 1867: „Noch ist Stuttgart nur halb und halb eine moderne, das heißt vom weltbürgerlichen Geiste der Gegenwart ­be­wegte Stadt. Die Zeit, da unser Land eine vom großen Völkerverkehr fast abgeschlossene Sackgasse war, geht uns noch nach. ­Etwas Enges, eine gewisse Beschränktheit des Horizonts, ein falsches Selbstbegnügen, als gäbe es draußen in der Welt nicht auch Leute, hängt unseren Vorstellungen und ­Ge­wohn­heiten noch an. Zur Behebung und Belebung dieses halbstagnierenden Zustandes würde die Universität, (Leibniz’ Gedanken) in die Hauptstadt verlegt, gewiss als heilsames Salz wirken.“ Und Gustav ­Rümelin formuliert 1884: „. . . wo der Verkehr fast nach allen Seiten durch einen Kranz ­steiler Berge erschwert ist, so dass den ­Fremden, von welcher Himmelsrichtung er auch kommen mag, die Eisenbahn nur durch einen Tunnel in die Stadt führt . . .“

Die Stadt, so sehen es noch die Beobachter im 20. Jahrhundert,ist von Landschaft durchdrungen. „Die Mentalität, die Atmosphäre, das Schicksal Stuttgarts will nicht aus den dynastischen und hauptstädtischen, sondern aus den geographischen, den topographischen Gegebenheiten erklärt sein“, schreibt Otto Borst. Es ist ja richtig, der von Hängen umgebene Talgrund beschränkt nicht nur die Weite, den Blick ins Freie, er „verwehrt auch die geistige und klimatische Offenheit“.

In dieser Stadt fehlt(e) dem Geist, den Geistern die Begegnung, die Polarität, das Gespräch, die Auseinandersetzung, die Diskussion, das Andersartige. Fehlte die Lust aus dem Reiz des Landschaftlichen, dieser Sonderlage, eine getreppte, in hundert Perspektiven und Brechungen sich fangende Stadt zu machen wie Florenz, teilweise Würzburg. Die Stadt füllt das Tal, mühsam sich die Hänge hoch zwängend.

Auch Stuttgart war als Bundeshauptsstadt im Gespräch

Im historischen Rückblick nicht unwichtig: Das Jahr 1848 endet in Stuttgart damit, dass die deutsche Nationalversammlung, das Rumpfparlament, vor den Augen der Stuttgarter im Hospitalviertel auseinandergetrieben wird. Auch den vor dem Kapp-Putsch in Berlin 1920 fliehenden Reichstag und die Reichsregierung mit Reichspräsident Friedrich Ebert lässt man gerne wieder ziehen – verabschiedet im Ratskeller mit einer Roten Wurst und einem Glas Wein. Und Anfang 1949, als der Standort für die zukünftige Bundeshauptstadt gesucht wird, ist neben Kassel, Frankfurt und Bonn auch Stuttgart im Gespräch. Eine Abordnung des Parlamentarischen Rats besuchte damals die Stadt. Doch die Parteien und der Gemeinderat wollten nicht, die Bevölkerung verhielt sich zögerlich bis ablehnend. So hatte es ­Konrad Adenauer leicht, sein Bonn durch­zusetzen.

So erscheint der Slogan „Stuttgart – Partner der Welt“ von 1971 als nichts anderes denn als die exakte Entsprechung einer Stadtgeschichte, die von beidem geprägt ist, von umgrenztem Behagen und Heim-/Fernweh nach Fremde, von ihrer statischen ­Signatur und ihrer Sehnsucht nach Welt.