Gärtringen - Eine gut 16 Meter hohe, rote Pyramide markiert weithin sichtbar die Ortseinfahrt von Gärtringen im Kreis Böblingen. Ein Steinmetz wohnt und arbeitet darin. Der Bürgermeister und sein Stellvertreter begrüßen das freche Bauwerk am Tor zur Gemeinde.

In Ägypten war Atanas Hristov noch nie. Auf die Form seines Wohn- und Geschäftshauses kam er daheim in Gärtringen. "Ich habe mir überlegt, wie ich meinen Natursteinbetrieb darstellen könnte", sagt der 50-Jährige, "und da bin ich darauf gekommen, dass die Ägypter ihre Pyramiden aus Stein gemacht haben." Ein großes Stück Eigenwerbung soll das werden, was laut Hristov "wie ein Spaß" begann. Er plante zusammen mit einem befreundeten Architekten das genau 16,50 Meter hohe Bauwerk, obwohl er "nie gedacht hätte, dass ich dafür die Erlaubnis bekomme".

Doch bei Verwaltung und Gemeinderat rannte er mit seinem Baugesuch offene Türen ein. Bürgermeister Michael Weinstein lobte das "freche Bauwerk". Stellvertreter Norbert Sünder erläutert, weshalb der Gemeinderat Hristov von einigen Auflagen im Gewerbegebiet am S-Bahnhof wie dem eigentlich vorgeschriebenen Flach- oder Pultdach befreite. "Man ist immer froh, wenn man am Ortseingang keine quadratisch-praktisch-gute Bauform hat", sagt Sünder, "da darf es auch mal etwas ausgefallener sein." Und damit viel ausgefallener als in Wohngebieten, wo nicht nur die Form des Daches, sondern auch die Höhen von Trauf und First oder die Farbe der Fassade meist genau festgelegt ist. Das noch unfertige Ergebnis im Gewerbegebiet aber, das mit der roten Farbe der wasserdichten Bitumenbeschichtung zurzeit wohl stärker ins Auge fällt als die geplante Marmorverkleidung in Goldfarbe, bestätigt für Sünder die Einschätzung: "Man spricht einfach darüber."

Das deckt sich mit Atanas Hristovs Beobachtungen am benachbarten Kreisverkehr: "Viele fahren mehrmals im Kreis, um sich mein Haus anzuschauen, und einige sind sogar schon ausgestiegen, um ein Foto zu machen." Die Pyramide mit ihren 60 Grad steilen Seiten (die Cheopspyramide ist mit knapp 52 Grad flacher) als Blickpunkt und Wegmarke: So haben sich das Bauherr und Gemeinderat gedacht.

Ähnlich sieht es Peter Knoll, Verbandsbauamtsleiter von Bönnigheim, Erligheim und Kirchheim im Kreis Ludwigsburg. In Bönnigheim baut ein Unternehmer zurzeit ebenfalls eine Pyramide - aus Glas (siehe Info). "Baulich eine hochinteressante Sache", urteilt Bauamtsleiter Knoll - und auch ästhetisch. "Man muss immer offen sein für Neues", sagt Knoll gerade mit Blick auf Gewerbegebiete.

Das liefert der Bulgare Hristov, der 1990 als Asylbewerber nach Berlin kam und über Karlsruhe und Heilbronn schließlich in Gärtringen landete, seinen Mitbürgern allemal. Gut zehn Meter ragt das Haus mit seinen 62 Fenstern in die Höhe, die Gratsparren laufen nach weiteren sechs Metern in der Spitze aus. Darunter liegt die hundert Quadratmeter große Dachterrasse mit dem Zugang über einen Wintergarten.

Im Erdgeschoss des Gebäudes mit rund 1000 Quadratmeter Wohn- und Nutzfläche richtet sich Hristov zurzeit seine Werkstatt ein. Eine Steinschneidemaschine fehlt noch, die Zahl der Mitarbeiter will er von zwei auf vier verdoppeln. Im ersten Stock ist ein Schauraum mit Mustern vom Marmor aus Italien bis zum Granit aus der Türkei geplant. Überhaupt soll das Ganze einen großen Schauwert bieten: Das Bad im ersten Stock ist mit Marmormosaiken in Schwarz, Braun und Gelb bestückt. Die Außenwand will Hristov effektvoll beleuchten, ein Steingarten soll die Szenerie ergänzen. Mit Grabsteinen will Hristov allerdings nichts mehr zu tun haben: "Davon habe ich bei meinen früheren Arbeitgebern genug gemacht", sagt der gelernte Steinmetz. Seit 2006 ist er selbstständig.

Nur die 190-Quadratmeter-Wohnung mit einigen runden Wänden und großzügigen dreieckigen Zimmern im zweiten Obergeschoss - im Februar bezogen -, soll ausschließlich Hristov, seiner Frau und der 22-jährigen Tochter vorbehalten sein. Der 27 Jahre alte Sohn, der ihm beim Bau hilft, wird in absehbarer Zeit wieder ausziehen.

Fast eine Million anstatt der geplanten 500.000 Euro hat Hristov seit Februar 2008 in den Bau investiert. Davon sind fast drei Viertel reine Materialkosten, da Hristov selbst gemauert, gegipst, tapeziert, gemalt, Böden verlegt, Fenster eingebaut und der Sohn die Elektrik verlegt hat. Probleme gibt es nun allerdings mit den Arbeiten des Zimmermanns, der laut einem Gutachter das Holzgerüst und einige Fenster falsch eingezogen oder eingesetzt hat. Möglicherweise muss dies ein Gericht klären, und die Pyramide bleibt noch eine Weile rot.

Wenn sie aber erst einmal golden glänzt, kann sich Natursteinwerker Hristov vorstellen, auch einmal in den Urlaub nach Ägypten zu fahren.