Die perfekte Welle ist in Pforzheim angekommen. Seit Frühjahr 2022 kann man auf der Nagold surfen. Foto: Jan Walter, blackforestwave

"Das ist die perfekte Welle, das ist der perfekte Tag!" Das, was die Band Juli da im Jahr 2004 gesungen hat, passt perfekt auf die Macher des Projekts "Blackforestwave". Acht Jahre, nachdem die Idee einer Surfwelle auf der Nagold geboren wurde, ist es ab Frühjahr 2022 für jedermann so weit: Die Welle ist da! "Lass dich einfach von ihr tragen, denk am besten gar nicht nach!"

Pforzheim - Es kann schon sein, dass sich mit dem Wasser der Nagold ein paar Freudentränen von Steffen Rose vermischen. Es könnten angesichts einer sieben Jahre währenden harten Arbeit auch Tränen der Erleichterung, gar der Erschöpfung sein. Beim ersten Ritt auf der Pforzheimer "Blackforestwave", der künstlich erzeugten, surfbaren Welle in der Nähe des Stadtgartens jedenfalls scheint alle Mühsal vergessen. Unter dem Schutzhelm macht sich ein Grinsen breit.

 

Wellen-Nachhilfe

Freilich sind der Vorsitzende des 2017 gegründeten Vereins "Blackforestwave", Steffen Rose, und andere Vereinsmitglieder noch einige Male vom hölzernen Einstieg am Metzelgraben auf ihre Surfbretter geklettert, um die Hydraulikanlage in Millimeterarbeit einzustellen. Pforzheim hat zwar drei aktive Flüsse, aber die natürlichen Wellen würden höchstens die inzwischen heimisch gewordenen Kanada-Gänse ein bisschen durchschaukeln. Da muss dann schon noch etwas nachgeholfen werden. Um genau zu sein: Das Wasser muss quasi hochgedrückt und etwas gestaut werden. Ansonsten wäre der Spaß auf dem Surfbrett höchstens mit dem Modesport "Stand-Up-Paddeling" zu vergleichen.

Im besten Glanz

Nach dem offiziellen Startschuss im Herbst 2021 darf die Öffentlichkeit ab dem Frühjahr 2022 ebenfalls in den Neoprenanzug schlüpfen und sich auf eines der Surfbretter des Vereins stellen. Nicht nur für Steffen Rose ist die Realisierung dieses Projekts "ein Meilenstein", wie er sagt. Die Vereinsmitglieder von "Blackforestwave" können von sich behaupten, eine der drei Anlagen deutschlandweit zu betreiben (eine vierte ist ihres Wissens in Nürnberg geplant), und es ist – wenn man den Aussagen des Vereins Glauben schenken darf – die einzige weltweit, die von Unterwasser-Scheinwerfern angestrahlt werden kann.

Einklang mit der Natur

Und noch etwas macht die Pforzheimer Welle zu einer besonderen: Wenn man von ein paar Baggerarbeiten am Grund der Nagold absieht, von der Tatsache, dass darauf eine Hydraulikplattform ruht und von der hölzernen Einstiegsplattform – dann können die Pforzheimer Planer mit Fug und Recht von sich behaupten, eine Anlage gebaut zu haben, die mit minimalsten Eingriffen in die Natur auskommt. Sogar fischdurchlässig ist sie. Alles geprüft, alles genehmigt, auch im Sinn der Natur. Dadurch halten sich die Kosten mit annähernd 80.000 Euro noch einigermaßen in Grenzen. Eigentlich überflüssig zu erwähnen, dass dies ohne großzügige monetäre und ehrenamtliche Unterstützung der regionalen Firmen nicht möglich gewesen wäre. Surfen in der an Natur reichen Stadt Pforzheim – immer und zu jeder Jahreszeit; vorausgesetzt, die Nagold transportiert genügend Wasser.

Bei der Einweihung sind es eher Baby-Wellen, aber durchaus surfbare. Um den Genuss öffentlichkeitswirksam in die Länge zu ziehen, hält sich Steffen Rose an einem Seil, lässt es dann aber los, um recht elegant ein paar Schwünge auf der Nagold hinzulegen. "Egal, ob mit oder ohne Seil, das macht einfach immer Spaß", sagt er.

Schrauben, Zylinder, Schweiß

Bis zu diesem Spaß war es ein weiter Weg, der durch die Pandemie noch ein bisschen länger wurde. Sechs Jahre Planung und Bau, 3000 Schrauben, zehn Hydraulikzylinder und ein Aufwand, der allein bei den ehrenamtlich tätigen Technikern, Ingenieuren, Handwerkern bei rund 1.000 Stunden pro Kopf liegt – das ist die Kurzformel für den Langstreckenlauf, den Steffen Rose und sein Team zurücklegen mussten. Eigentlich sind es ja sieben Jahre. Bis zur offiziellen, durch Corona verzögerten Eröffnung. Und genau genommen acht Jahre, bis die Öffentlichkeit in den Genuss kommt, mitten im Nordschwarzwald Surf-Feeling haben zu dürfen. "Ohne meine Frau Vivien hätte ich das nicht geschafft", räumt Steffen Rose unumwunden ein, dem ab und zu mal "nach Aufgeben" war.

Nicht-Surfer an Bord

Clemens Breckle kann nur zustimmend nicken. Er ist derjenige, der nicht nur mit Steffen Rose im Jahr 2014 zusammen Maschinenbau in Pforzheim studiert, sondern auch das Projekt "Blackforestwave" auf den Weg beziehungsweise die Welle bringt. Das Kuriose dabei: Clemens Breckle selbst surft gar nicht. "Ich bin einfach noch nicht dazu gekommen, das auszuprobieren neben meinen anderen Hobbys", sagt er. Das hat ihn aber nicht daran gehindert, im Team alles zu geben für die Realisierung des Projekts.

Hirngespinst? Von wegen!

Den Stein ins Rollen, genauer gesagt: Das Wasser zum Fließen gebracht hat ein Australien-Urlaub von Steffen Rose im Jahr 2011. Nach einem Ritt auf dem Surfbrett vor Australiens Küsten hatte Steffen Rose Blut geleckt. Pforzheim mit seinen drei Flüssen Würm, Nagold, Enz – da müsste doch was zu machen sein. Das blubbernde Rennen gewann die Nagold. Und dort springt die Pumpe kurz an, um die Konstruktion hochzufahren, mit deren Hilfe das Wasser in einem Zwischenbecken gestaut und dann in Wellen entlassen wird. Es sind unzählige Stunden der Planung, der Strömungsberechnungen, der Kanalvermessung, des Schweißens und Verzinkens der Stahlkonstruktion und vieler anderer Arbeiten nötig, bis die Welle Gestalt annehmen kann. Das tut sie zunächst in den Köpfen und mit einer mit Hilfe des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) auf den Weg gebrachten Modell-Simulation. "Wenn mal mal angefangen hat, dann hört man ja auch nicht auf damit", sagt Clemens Breckle. "Dann zieht man das auch durch." Dann sind auch irgendwann mal zu viele Ehrenamtliche und Sponsoren auf dem Boot, das ab einem gewissen Zeitpunkt "unsinkbar" wird. Sozusagen.

Glücks-Welle

Alle sind glücklich. Auch und gerade Steffen Rose: "Es hat sich auf jeden Fall gelohnt", sagt er, "für uns war immer der Weg das Ziel." Stolz ist er auch auf das Design und die Konstruktion insgesamt. Gut möglich, dass die Pforzheimer bald anderen Surfwilligen in anderen Städten Rede und Antwort stehen. Das Surfen in der Stadt ist in Mode gekommen, wie auch Michael Zirlewagen vom Deutschen Wellenreitverband DWV unlängst gesagt hat, der ein weltweit zunehmendes Interesse an diesem Wassersport feststellt. Es ist vielleicht mit einer maximalen Höhe von einem Meter und einer Breite von 4,5 Metern nicht die höchste, nicht die mächtigste Welle in Pforzheim, aber das muss sie auch nicht sein. Und zeitlich gemessen, schmälert es das Vergnügen in Pforzheim auch nicht. "Wenn du gut bist, kannst du auf dem Surfbrett essen", sagt Steffen Rose lachend auf die Frage danach, wie lange so ein Ritt auf der Welle dauert. Wo früher die Stämme der Weißtannen zu einem Floß zusammengebunden ihre Reise antraten, sind es nun Surfbretter aus derem Holz, auf denen die Füße der Surfer Halt finden.

Mehr Informationen unter blackforestwave.de.

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