Vor einem Jahr erschütterte der Kollaps der großen Bitcoin-Börse FTX den Kryptomarkt. Mittlerweile steigen die Kurse wieder. Dabei richten sich alle Blicke auf die US-Börsenaufsicht.
Gestern noch Starunternehmer und Wunderkind der boomenden Kryptobranche, heute Schwerverbrecher: Der Absturz von Sam Bankman-Fried ist spektakulär. Vor einem Jahr kollabierte sein Firmenimperium rund um die Kryptobörse FTX binnen weniger Tage, Milliarden an Einlagen fehlten plötzlich. Nun wurde der erst 31-Jährige wegen Betrugs und Geldwäsche verurteilt. Ihm drohen bis zu 110 Jahre Haft. Doch im Schatten des aufsehenerregenden Strafprozesses in New York sind die Kurse von Digitalwährungen wie Bitcoin schon wieder kräftig im Aufwind.
Bankman-Fried war das Aushängeschild des letzten Kryptobooms – als gefeierter Selfmade-Milliardär brachte er es auf die Titelseiten der großen Wirtschaftsblätter. Dann der Niedergang: kriminelle Geschäfte, schwarze Kassen, Unterschlagungen und Veruntreuungen von Kundengeldern. Der Fall wirft – mal wieder – ein Schlaglicht auf die Abgründe der Kryptoszene. Hier tummelten sich immer schon Glücksritter auf der Jagd nach dem schnellen Geld – Hochstapler haben leichtes Spiel.
Bitcoin auf höchstem Niveau seit rund anderthalb Jahren
Trotzdem berappelte sich der Kryptomarkt bisher immer wieder – so scheint es auch diesmal. Investoren fassen bereits neuen Mut: Der Bitcoin-Kurs hat sich seit Jahresbeginn mehr als verdoppelt. Zuletzt knackte er die Marke von 39 000 Dollar (35 591 Euro) und erreichte das höchste Niveau seit rund anderthalb Jahren. Das Allzeithoch bleibt trotzdem noch weit entfernt. Im November 2021 stieg der Preis der ältesten und bekanntesten Digitalwährung auf über 68 000 Dollar – der bisherige Rekordstand. Dann platzte die Spekulationsblase und es ging steil bergab.
Experte sieht Kurs 2025 bei 150 000 Dollar
2022 war ein schwarzes Jahr für Bitcoin-Anhänger: Pleiten, Skandale und ein insgesamt schwieriges Finanzmarktumfeld ließen den Kurs um 64 Prozent fallen. Der Kollaps von Bankman-Frieds Kryptobörse FTX drückte den Bitcoin-Preis vor einem Jahr bis auf 15 000 Dollar. Viel war die Rede vom sogenannten Krypto-Winter – einer andauernden Phase mit fallenden Preisen, ähnlich eines Bärenmarkts bei Aktien. Aber jetzt könnte sich die Eiszeit dem Ende zuneigen.
Für Aufsehen sorgte zuletzt die Prognose von Experten des US-Vermögensverwalters Bernstein, wonach der Bitcoin-Preis bis Mitte 2025 auf 150 000 Dollar klettern werde. Das würde einem Kursplus von mehr als 300 Prozent entsprechen. „Sie mögen Bitcoin vielleicht nicht so sehr wie wir“, heißt es in der Studie von Bernstein-Analyst Gautam Chhugani. Doch eine „nüchterne Betrachtung“ lasse darauf schließen, dass der Markt einen Wendepunkt erreicht und ein nachhaltiger Aufwärtstrend eingesetzt habe. Als wichtigen Faktor nennt Chhugani die bevorstehende Zulassung des ersten richtigen Bitcoin-ETFs in den Vereinigten Staaten.
Investoren hoffen auf ersten wahren Bitcoin-ETF in USA
Seit Jahren sehnt die Kryptoszene einen großen börsengehandelten Indexfonds herbei, der den Bitcoin-Kurs über direkte Investitionen in die Digitalwährung abbildet. Bislang gibt es nur Bitcoin-ETFs, die durch Futures-Kontrakte – bestimmte Finanztermingeschäfte – den Kursverlauf nachzeichnen. Das geht allerdings nur zeitversetzt und weniger zuverlässig. Ein wahrer ETF wäre ein Meilenstein für die Branche. Er könnte die Verbreitung im Massenmarkt stark erhöhen und die Digitalwährung im großen Stil für Mittel von institutionellen Investoren öffnen. Die Vorfreude ist enorm, auch weil mit dem weltgrößten Vermögensverwalter Blackrock und dem Fondsgiganten Fidelity zwei absolute Schwergewichte der Finanzwelt Bitcoin-ETFs in der Pipeline haben.
Bislang hat sich die US-Börsenaufsicht SEC beharrlich dagegen gesträubt, solche Finanzvehikel zu genehmigen. Zu riskant, zu anfällig für Betrug und Manipulationen, meint Behördenchef Gary Gensler. Im August jedoch kippte ein Gericht die Entscheidung der SEC, einem Bitcoin-ETF des Fondsanbieters Grayscale Investments die Zulassung zu verweigern. Noch hält das juristische Hickhack an, aber es deutet einiges darauf hin, dass die SEC nachgeben muss. Derweil sind zehn weitere Bitcoin-ETFs beantragt. Experten trauen dem Marktsegment ein Volumen von rund 150 Milliarden Dollar zu – in etwa das gleiche Niveau wie bei Gold-ETFs.
Was Anleger in Deutschland beachten müssen
In Deutschland sind Bitcoin-ETFs nicht erhältlich, das dürfte vorerst auch so bleiben. Die Finanzmarktregulierung in Europa schreibt bei börsengehandelten Indexfonds Investitionen in mindestens fünf verschiedene Anlagewerte vor. Anleger, die den direkten Kauf von Bitcoin, Ether oder anderen Kryptowährungen scheuen und vermeintlich besser regulierte börsengehandelte Finanzprodukte bevorzugen, müssen hierzulande zum Beispiel auf sogenannte Exchange Traded Products (ETPs) setzen. Hier sind aber etliche Faktoren zu beachten – von teilweise hohen Verwaltungsgebühren über etwaige Emittentenrisiken bis hin zu möglichen steuerlichen Nachteilen.
Auch wenn der Kryptomarkt wieder auf die Beine kommt, sollten das FTX-Debakel und die Pleitewelle des vergangenen Jahres der Branche eine Lehre sein und Anleger zur Vorsicht ermahnen. Vieles, was im exzessiven Überschwang rund um Bitcoin und Co. entstand und milliardenschwere Finanzierungen von Investoren erhielt, liegt brach. Der Hype um NFTs (non-fungible token) – Bild- oder Musikdateien mit verschlüsseltem Echtheitszertifikat, die zeitweise zu absurd teuren Spekulationstrophäen wurden – hinterließ ein digitales Trümmerfeld. Viele NFTs sind heute wertlos. Still wurde es auch um andere einstige Schlagwörter wie Web3 – der Idee vom dezentralisierten Internet, das wie Digitalwährungen auf der Blockchain-Technologie basiert.
Kryptomarkt muss Wild-West-Image loswerden
Selbst ausgewiesene Fürsprecher von Kryptoanlagen sagen, dass der Markt sein Image als Wild-West-Nische der Finanzwelt ablegen muss, um es in den Mainstream zu schaffen. „Das Vertrauen der Investoren ist der Schlüssel zur Akzeptanz im Massenmarkt“, meint Nigel Green vom Finanzdienstleister deVere. Der FTX-Skandal müsse die Finanzaufsicht antreiben, ein einheitliches Regelwerk zu etablieren, das die Kryptregulierung mit den gängigen Normen des traditionellen Finanzsystems in Einklang bringe. „Es ist eine große Chance.“
Die Forderungen nach besserem Anlegerschutz im Kryptomarkt wurden schon vor der FTX-Pleite immer lauter. Trotz bissiger Ansagen und einer harten Linie gegen einzelne Unternehmen gelang es SEC-Chef Gensler bislang allerdings nicht wirklich, eine konsistente Reform voranzutreiben.
Warren Buffett über Bitcoin: „Rattengift zum Quadrat“
Dass die Branche ihre Skeptiker je überzeugt, ist ohnehin zu bezweifeln. Zu den bekanntesten Kritikern zählen US-Staranleger Warren Buffett (93) und Charlie Munger (99), sein Stellvertreter bei der Investmentgesellschaft Berkshire Hathaway. Buffett bezeichnete Bitcoin einst als „Rattengift zum Quadrat“ und wertlose Illusion, die „böse enden wird“. Sein Vize Munger bekräftigte seine Abneigung gegen die Kryptowährung erst jüngst wieder: „Das dümmste Investment, das ich je gesehen habe.“
was sind Kryptoanlagen und wie funktionieren sie?
Definition
Der Bitcoin startete 2009 mit dem Anspruch, ein digitales Zahlungsmittel ohne zentrale Kontrollinstanz wie eine Zentralbank zu sein. Aufgrund seines stark schwankenden Kurses ist er aber weniger eine Währung, sondern eher ein sehr riskantes Spekulationsobjekt. Wie andere Kryptoanlagen kann der Bitcoin mit regulären Währungen wie Euro oder Dollar gekauft und digital gehandelt werden.
Funktion
Revolutionär am Bitcoin ist die so genannte Blockchain.Darunter versteht man eine stark verschlüsselte, dezentrale Datenbank. Jede Transaktion wird als einzelner Datensatz oder „Block“ auf allen angeschlossenen Computern gespeichert, geprüft und dann freigegeben. So entsteht mit der Zeit eine Kette aus Datenblöcken – die Blockchain. Eine Manipulation einer Kopie auf einem Rechner fliegt schnell auf – denn es gibt noch viele korrekte Kopien auf anderen Rechnern. Neue Bitcoins entstehen durch so genanntes „Mining“ oder Schürfen: Nutzer stellen dem Bitcoin-Netzwerk ihre Rechenleistung für die Verifikation neuer Transaktionsblöcke zur Verfügung und erhalten dafür Bitcoins als Belohnung. Dieses Verfahren ist bislang aber sehr energie- und speicherintensiv.
Variation
Der Bitcoin ist mit einer Marktkapitalisierung von 691 Milliarden Dollar (646 Milliarden Euro) laut dem Kryptoportal Coinmarket.cap die mit Abstand größte Kryptoanlage. Es folgen Ether (226 Milliarden Dollar) und Tether (86 Milliarden Dollar). (pho)