Nicht nur für viele Schüler ist Mathematik inzwischen zu einem echten Horrorfach im Abitur avanciert. Foto: dpa/Marcus Brandt

Schwere Aufgaben im schriftlichen Mathe-Abi machen Stress an beruflichen Gymnasien. Was die meisten Schüler jetzt rausreißt – und was Lehrer, Eltern und Ministerium sagen.

„Unser Sohn war mit 8 bis 9 Punkten in Mathe angemeldet und ist mit vier Punkten aus der schriftlichen Abi-Prüfung rausgekommen.“ Emails und Briefe mit ähnlichem Inhalt hat Michael Mittelstaedt, der Chef des Landeselternbeirats, in den letzten Wochen viele bekommen. Deshalb hält er das Abrutschen im schriftlichen Mathematik-Abitur nicht für einen Einzelfall, sondern für ein verbreitetes Problem an beruflichen Gymnasien im Land.

 

Weder Mathe-Crack noch Vierer-Schüler

Dass ihr Sohn in Mathematik nicht Klassenbester werden würde, wussten die Eltern aus dem Umfeld eines Ulmer Wirtschaftsgymnasiums, die sich an Mittelstaedt gewandt haben. Aber dass er mit vielen aus seiner Klasse auf Vierer-Niveau abrutschen würde – damit hatten sie nicht gerechnet. Sogar die Mathe-Cracks in der Klasse hätten es im Schriftlichen nur auf einen schwachen Zweier mit zehn Punkten gebracht, berichten sie dem Landeselternbeirat. Sie halten die Mathe-Klausur deshalb für falsch konstruiert und zu schwer: „Die ersten Aufgaben waren zu komplex und die leichteren haben auf die ersten Aufgaben aufgesetzt und konnten deshalb nicht gelöst werden.“

„Gute Noten nur für Nerds machbar“

Für den Vorsitzenden der Elternrats ist wegen der Rückmeldungen aus dem beruflichen Gymnasien mittlerweile klar, dass im Mathe-Abi 2022 „gute Noten nur für Nerds“ drin waren. „Anstelle des Grundwissens wurden verstärkt und relativ unstrukturierte Randgebiete abgefragt“, moniert Mittelstaedt. Einfachere Standardaufgaben, die gerade mittlere und schwächere Schüler zum Punktesammeln benötigten, seien dazwischen versteckt gewesen und im Prüfungsstress häufig gar nicht mehr erkannt worden.

„Die Aufgaben waren anspruchsvoll, aber machbar“, heißt es dagegen im Kultusministerium. Das Institut für Bildungsanalysen des Landes (IBBW) habe die Aufgaben noch einmal unter die Lupe genommen. Für die Lehrkräfte gelte die „Aufforderung zu einer pädagogisch angemessenen Bewertung“.

Korrektur beim Korrigieren

Dass die überzogenen Mathe-Aufgaben „jetzt kein landesweites Riesenproblem mehr sind, sondern nur noch in besonderen Einzelfällen zum Tragen kommen“ sei dem pädagogischem Fingerspitzengefühl der Lehrkräfte bei der Benotung und der engagierten Vorbereitung der Prüflinge aufs Mündliche geschuldet, sagt Thomas Speck, der Vorsitzende des Berufsschullehrerverbands. Dass Tausende Gymnasiasten mit einem Mathe-Malus im Abi die Schule verlassen, erwartet er nicht mehr. Das ergebe sich aus Rückmeldungen von den mündlichen Prüfungen.

Die Kritik an den schriftlichen Aufgaben hält Speck aber für berechtigt. Aus langjähriger Erfahrung weiß er zwar, dass Mathematik nicht nur für viele Schüler ein Horrorfach ist, sondern auch für manche Kultusminister und Prüfungsmacher. Das Matheabitur zieht jedes Jahr Einsprüche und Petitionen nach sich. In diesem Jahr hat Niedersachsen die Mathe-Noten im Schriftlichen um einen Punkt angehoben, weil für den Schweregrad der Aufgaben mehr Zeit hätte eingeräumt werden müssen.

„Nächstes Jahr besser hinbekommen“

Michael Mittelstaedt vom Landeselternbeirat fordert eine Kurskorrektur für die nächsten Jahre. Die Prüfungskommission habe 2022 bei der Leistungsorientierung an den beruflichen Gymnasien den Bogen überspannt. Unterrichtsausfall und Corona-Bedingungen beim Lernen hätten ein übriges getan. „Wir müssen uns die Mathe-Aufgaben noch einmal genau anschauen und analysieren, wo die Fehler bei der Prüfungskonzeption liegen“, betont auch Thomas Speck. Dies habe das Kultusministerium zugesichert. „Die Prüfungskommission muss das nächstes Jahr besser hinbekommen.“