Der geschäftsführende Vorstand des Bauernverbands Nordschwarzwald-Gäu-Enz mit Dagmar Hämmerle, Leiterin der Abteilung Landwirtschaft und Naturschutz im Landratsamt Calw (ganz links) Foto: Trumpp

Umweltschutz gehört zu den meist diskutierten Themen der Gegenwart. Aber wie geht es denen, die die Vorgaben umsetzen müssen? Landwirten zum Beispiel? Der Bauernverband Nordschwarzwald-Gäu-Enz will auf die aktuellen Herausforderungen seiner Mitglieder aufmerksam machen.

Gechingen - Es ist kalt auf dem Waldhof in der Nähe von Gechingen bei der Auftaktveranstaltung des Bauernverbands Nordschwarzwald-Gäu-Enz, für die sich der Bauernverband ein Datum mit der Schnapszahl 22. Februar 2022 herausgesucht hat. Aber zum feuchtfröhlichen Feiern ist dem geschäftsführenden Vorstand nicht zumute. Denn es gibt laut dem Vorsitzenden Gerhard Fassnacht viele Probleme.

 

Darauf und auf den erst im vergangenen Jahr fusionierten Bauernverband mit mehr als 2000 Mitgliedern aus den Landkreisen Böblingen, Calw, Freudenstadt und dem Enzkreis sowie dem Stadtkreis Pforzheim will er aufmerksam machen. Deshalb beschloss er, in jedem Landkreis zwei Mitgliedsbetriebe zu besuchen, "um uns in der Fläche zu zeigen und die Sorgen und Anregungen unserer Mitgliedsbetriebe zu sammeln und auch an den Landesbauernverband sowie die Politik heranzutragen", wie es Kreisgeschäftsführerin Patrizia Büttner angekündigt hatte.

Waldhof: Schwerpunkt Direktvermarktung des Fleisches und der Eier

Auf dem Waldhof wurde für den Besuch des Vorstands des Bauernverbandes "extra noch einmal ausgemistet", berichtet Gerd Böttinger, der mit seiner Familie den Waldhof betreibt. Während der Vorstand im weiträumigen Stall die Mutterkühe begutachtet, stellt Böttinger seinen Hof vor: "Wir sind ein Gemischtbetrieb mit Mutterkuhhaltung mit Nachzucht der Rasse Limousin in Reinzucht. Die circa 70 Mutterkühe sind im Sommer auf der Weide, so lange es die Witterung zulässt. Das Futter für die Kühe stellen wir selbst her. Unser Schwerpunkt ist die Direktvermarktung des Fleisches und der Eier." Man schlachte zwar nicht selber, aber verarbeite das Fleisch vor Ort. Die selbst hergestellten Produkte könne man sowohl im hauseigenen Hofladen, aber auch an Automaten in Gechingen und Gültlingen und zwei Lebensmitteleinzelhändlern in der Region erwerben. Als er später im anderen Stall mit den 70 bis 80 Jungtieren gefragt wird, ob der Konsum in der Zeit der Pandemie eingebrochen sei, verneint Böttinger: "Wir haben eine sehr treue Kundschaft. Der Bedarf hat während dieser Zeit eher noch zugenommen, vor allem der Eierkonsum", freut er sich. "Die Leute backen seit der Pandemie einfach mehr", vermutet Fassnacht lächelnd.

Öffentlicher Druck wegen hohen Erwartungen

Benjamin Blaich, Landwirt aus Stammheim, dessen Hof der Vorstand des Bauernverbands vorher besichtigt hatte, hält auch Kühe, 120 Milchkühe und 120 weibliche Nachzucht. Er verkauft nicht ihr Fleisch, sondern ihre Milch. Sein Betrieb zeichne sich durch einen hohen Automatisierungsgrad aus, meint er nicht ohne Stolz. Auch sein Hof sei ein Familienbetrieb. Ihm würden vor allem die hohen Auflagen und die Bürokratie Sorgen machen. Daneben leide er unter dem hohen öffentlichen Druck: Die Forderungen nach Tierwohl und die Erwartung, möglichst biologisch zu produzieren, würden vor allem auf den kleinen Betrieben lasten. Denn: "Die wenigsten sind bereit, mehr dafür zu zahlen." Aber auf der Seite der Landwirte würden die Kosten mit den Ansprüchen explodieren.

Viele Probleme für Familienbetriebe

Auf dem Weg in den Fleischverarbeitungsraum erklärt Fassnacht die Probleme, unter denen die Betriebe seines Verbands zur Zeit aus seiner Sicht leiden, noch genauer. Während das Rindfleisch, wie Böttinger bestätigt hatte, beim Verkauf zur Zeit positiv heraussteche, sei der Verkauf von Schweinefleisch eine Katastrophe. Ähnlich sei es mit dem Getreide: Die Düngerpreise hätten sich verdreifacht und der Dieselpreis sei ebenfalls in die Höhe geschossen. In einem normalen Haushalt merke man das natürlich auch, aber für Landwirte würde das im Jahr gut 10 000 Euro Unterschied machen. Zu den Auflagen zum Grundwasserschutz meint er, es gebe natürlich Regionen, in denen das Grundwasser belastet sei, in den Landkreisen seines Bauernverbands sei das aber nicht der Fall, weswegen die Bauern hier unter den hohen Auflagen leiden würden.

Überhaupt würden die Gesetze zur Biodiversität den Betrieben kaum Spielraum lassen. Ohne Pflanzenschutzmittel sei der Anbau von Raps beispielsweise aussichtslos.

Die neuerdings eingeführten Bezeichnungen der Haltungsformen auf den Verpackungen im Handel kritisiert Fassnacht besonders, weil die Schnelligkeit, mit der der Lebensmitteleinzelhandel diese Vorgaben umsetzen will, für die Landwirte gravierende Auswirkungen habe. Um den neuen Standards entsprechen zu können, müsse man oft den Stall umbauen; das müsse wiederum genehmigt werden und das dauere sehr lange. Solche Vorgaben seien daher weder zeitlich umsetzbar noch finanziell zumutbar. Manche Familienbetriebe stünden deshalb von heute auf morgen vor dem Aus. Im Fleischverarbeitungsraum angekommen meint er deshalb: "Alle sprechen von Regionalität, aber die derzeitigen Voraussetzungen machen Regionalität schwierig." Und selbst wenn alle Landwirte Biobauern würden, ergäbe sich sofort das nächste Problem: Dann wäre der Markt überlaufen und die Preise würden erneut zusammenbrechen.

Im Gespräch der Vorstandsmitglieder wird das Thema Geld immer wieder angesprochen. Letztlich sei das Problem, dass in der Wertschöpfungskette zu wenig beim Bauern ankomme, meint einer. Und eine Selbstvermarktung wie der Waldhof Böttinger könne sich nicht jeder leisten, ergänzt ein anderer.

Bauernverband vertritt Mitglieder regional und beim Bund

Fassnacht sieht die Aufgabe des Bauernverbands darin, seine Mitglieder auf regionaler Ebene und bei Landes- und Bundespolitik zu vertreten. So sei man mit verschiedenen Abgeordneten im Gespräch und versuche, ihnen faktenbasiert die Anliegen der Landwirte weiterzugeben, damit neben der Perspektive des Naturschutzes auch die der Landwirte nicht vergessen wird. Außerdem wolle Fassnacht den Kontakt zu den Fachbereichen in den Landratsämtern intensivieren. Deshalb wurde auch Dagmar Hämmerle, Leiterin der Abteilung Landwirtschaft und Naturschutz im Landratsamt Calw, zum Besuch beim Waldhof eingeladen.

Unterstützung durch Landratsamt

Später versammelt sich der Vorstand vor dem Hofladen, wo Claudia Böttinger, die laut Ehemann Gerd nicht nur viele Aufgaben auf dem Hof übernimmt, sondern auch jeden Freitag hinter der Ladentheke steht, Kaffee und belegte Brötchen – natürlich mit hauseigener Wurst – vorbereitet hat. Dort drückt Hämmerle ihr Verständnis für die Landwirte aus: "Den Menschen soll bewusst werden, was Landwirte leisten und auf welch hohem Niveau sie ihre Flächen bearbeiten." Jeder könne einen Beitrag leisten, indem man regionale Produkte kaufe. Im Nachhinein betont sie im Gespräch mit unserer Redaktion, dass die Landwirte "einen sehr wertvollen Beitrag leisten, die Kulturlandschaft in ihrer Schönheit und Vielfältigkeit zu erhalten. Mit viel Fachkenntnissen bewirtschaften sie ihre Äcker und versorgen sie ihre Tiere. Sie erzeugen regionale Lebensmittel in hoher Qualität. Beispielsweise tragen sie durch das Anlegen von Blühstreifen oder durch vielfältige Fruchtfolgen zur Artenvielfalt bei." Ihre Abteilung sehe es als wichtige Aufgabe an, Landwirte zu unterstützen, "beispielsweise in der Information über die Einhaltung pflanzenbaulicher Bestimmungen, über Fragen zur Tierhaltung, Direktvermarktung oder zur Beantragung von Ausgleichsleistungen. Über verschiedenste Öffentlichkeitsarbeit wie Felderbegehungen oder organisierte Besuche von landwirtschaftlichen Betrieben wollen wir Verbrauchern bewusst machen, wie wichtig es ist, unsere Landwirtinnen und Landwirte im Kreis zu unterstützen und ihre Arbeit wertzuschätzen". Doch was für Fassnacht entscheidend ist, hatte er bereits vorher deutlich gemacht: "Was bringt uns Wertschätzung, wenn kein Geld verdient wird? Wir brauchen mehr Wertschöpfung!"