Jubel in der vom Zollernalbkreis finanzierten Zeltschule: Die Schüler haben für die Balinger Kinder ein Stofftuch mit ihren Handabdrücken gestaltet. Foto: Privat Foto: Schwarzwälder Bote

Soziales: Landrat Günther-Martin Pauli besucht mit Bloggerin Petra Nann Flüchtlingscamp in Türkei

Zurück von einem ebenso anstrengenden wie aufwühlenden Aufenthalt in der Türkei sind die Balinger Bloggerin Petra Nann ("imländle), Landrat Günther-Martin Pauli und die Balingerin Grünen-Politikerin Sevgi Turan-Rosteck. Nahe der Stadt Adana besuchten sie ein Flüchtlingslager, in dem dank finanzieller Unterstützung des Zollernalbkreises eine Schule aufgebaut wurde.

Zollernalbkreis. Die sogenannte "imländle"-Schulfreundschaft hatte Nann zu Beginn dieses Jahres gemeinsam mit dem Zollernalbkreis sowie vor Ort der türkischen Nichtregierungsorganisation Al Sham Global und deren Leiter Tamer Altaier begründet. Mit im Boot ist zudem die Grundschule Endingen-Erzingen. Außer um Geld, sagt Nann, gehe es auch um persönliche Kontakte. Und die haben sie und Günther-Martin Pauli nun vor Ort ausgebaut. Mit dabei zur Unterstützung war Sevgi Turan-Rosteck, Grüne-Fraktionssprecherin im Balinger Gemeinderat, deren Eltern aus der Türkei stammen.

Die Reise bezahlten sie aus eigener Tasche; auch Pauli, obwohl Ziel, Zweck und Zeitaufwand durchaus dienstlich zu sehen sind. Er habe sich – obwohl offiziell im Urlaub – ein Bild davon machen wollen, wie das vom Kreistag bewilligte Geld von 20 000 Euro vor Ort eingesetzt werde. Sein Fazit: Das Geld sei "gut angelegt".

Pauli wollte dem Camp eigentlich schon im Frühjahr einen Besuch abstatten, der Terminkalender ließ das aber nicht zu. Von der Reise jetzt in die Region Adana, die von der Bundesregierung als Corona-Risikogebiet eingestuft ist, hätten ihm eigentlich alle abgeraten: seine Familie, sein Stab im Landratsamt. Er reiste auch gegen den Rat seiner Gesundheitsdezernentin Gabriele Wagner, die Ende August erklärt hatte, jeder müsse sich gut überlegen, ob Reisen ins Ausland – zumal in Risikogebiete – unbedingt notwendig seien.

Pauli sagt dazu, dass er all das abgewogen habe – und für sich zum Entschluss gekommen sei, die Reise trotz allem anzutreten. Er sagt: "Ich würde es wieder tun." Er, Nann und Turan-Rosteck hätten alles getan, um weder für die Menschen dort noch für diejenigen hier eine Gefahr zu sein. Vor dem Abflug erfolgte ein Corona-Test, im Uni-Klinikum Adana dann im Lauf der Woche noch einer, ein dritter unmittelbar nach der Rückkehr: alle negativ. Bevor er wohl am Mittwoch ins Landratsamt zurückkehrt, lässt Pauli sich am Dienstag erneut testen. Corona, so Pauli, sei angesichts der Zustände im Lager rückblickend wohl das kleinste Risiko dieser Reise gewesen.

Ziel des Engagements war es, in dem Camp, in dem wegen des Kriegs in ihrer Heimat vor allem syrische Familien untergekommen sind, eine Zeltschule für die Kinder und Jugendlichen aufzubauen. Das ist mittlerweile vollzogen: Mit Unterstützung der Campbewohner ist die Schule errichtet und auch bereits eröffnet worden. Kinder aller Altersklassen erhalten dort nun Unterricht. Zur Eröffnung hatten die Endinger und Erzinger Schüler ein großes Stofftuch mit ihren Handabdrücken gestaltet; ein solches Tuch mit den Handabdrücken der syrischen Kinder haben Nann und Pauli nun ihrerseits als Geschenk für die hiesigen Schüler mitgebracht. "Liebe Freunde, ich hatte gehofft, dass ihr bei uns seid, wenn das Schulzelt eröffnet wird. Dann hättet ihr die Freude der Kinder teilen und das Strahlen auf ihren Gesichtern sehen können", schrieb Tamer Altaier Nann, als die ersten Kinder in dem Camp die Schulbänke stürmten.

Nicht zur Eröffnung, dafür jetzt im laufenden Betrieb haben Nann und Pauli die Schule inmitten des Flüchtlingslagers besucht. Von Sonntag bis Freitag vergangener Woche waren sie in der Osttürkei, etwa 200 Kilometer entfernt von der syrischen Grenze. Die Zustände dort beschreiben Nann und Pauli im Gespräch mit unserer Zeitung als miserabel, ein menschenwürdiges Leben sei dort nicht möglich. Lebensmittel seien knapp, die Menschen hausten in einfachsten Unterkünften, als Toiletten dienten Erdlöcher. Sevgi Turan-Rosteck, die das "einfache Leben" von Familienbesuchen kennt, zeigte sich erschüttert. Pauli meinte, es brenne in dem Lager wie in Moria – nur anders.

Das Schulprojekt ist laut Nann und Pauli nur der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein. "Wir wissen", so Pauli, "dass wir damit nicht die Welt retten." Aber es sei trotzdem ein wichtiger Beitrag: Dadurch werde in dem Lager Bildung überhaupt erst ermöglicht, durch Bildung hätten die Kinder die Chance auf eine Zukunft.

Ihre Zukunft, das sagten die Campbewohner, sehen sie in ihrer Heimat, Syrien. Die Menschen dort seien nicht auf der Durchreise, betont Tamer Altaier von Al Sham Global, müssten aber, bevor sie wieder zurück könnten, für lange Zeit im Lager leben. Deshalb sei es so wichtig, ihnen und vor allem den Kindern einen Alltag zu bieten, der es ihnen möglich mache, sich zu bilden und sich sicher zu fühlen.

Nann und Pauli brachten den Kindern nun auch Spiele mit, etwa Memory. Gemeinsam wurde gezockt, gejubelt und gelacht. Neben der Bildung sei es für die Kinder enorm wichtig, so Nann und Pauli, ihnen Zeit zu geben, in denen sie Kind sein dürfen. Zeit, in der sie einen unbeschwerten Alltag erleben können. Und nicht an den Krieg denken müssen und damit ihren derzeit desaströsen Lebensumständen entfliehen können. Deswegen sei auch der Kontakt und der Austausch mit den hiesigen Schülern von großer Bedeutung.

Beim Engagement zugunsten der Kinder soll es derweil nicht bleiben: Nann, Pauli und Turan-Rosteck haben während des Aufenthalts im Flüchtlingslager zahlreiche weitere Möglichkeiten ins Auge gefasst, wie man den Menschen den Aufenthalt dort lebenswerter gestalten könnte. Toiletten etwa würden dringend gebraucht, ebenso Babynahrung, Feuerholz, Winterkleidung und Hygieneartikel. In den kommenden Wochen wolle sie im Gespräch mit Al Sham Global prüfen, was davon umgesetzt werden könnte.

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