Aus dem Druckwerk "Der Hunger trieb sie aufs Schiff" liest Ingrid Rauser, der Autor Jürgen Rauser neben ihr und Stadtoberhaupt Markus Wendel hören aufmerksam zu. Quelle: Unbekannt

Literatur: Heft mit subskribierten Unterlagen von emigrierten Sommenhardtern aus dem 19. Jahrhundert vorgestellt

Es ist für die 20, coronagerecht im Saal verteilten Besucher mit Maske im Koni in Zavelstein mehr als die angekündigte Kurzpräsentation der Broschüre über Sommenhardter Auswandererschicksale geworden.

Bad Teinach-Zavelstein. Gleich bei der Begrüßung ging Bürgermeister Markus Wendel gerafft auf das Jahr ohne Sommer ein, in dem im April 1816 der Vulkan Tambora explodierte und mit seiner Asche die Atmosphäre rund um den Erdball so verdunkelte, dass Mitteleuropa im Sommer unter Kälte, Missernten und Hungersnot litt.

Acht Auswandererschicksale schildert das 20-seitige, von Jürgen Rauser zusammengestellte Heft im DIN-A4-Format. Grundlage sind aus der alten Deutschen Schrift transkribierte Auswandererbriefe aus dem Stadtarchiv über das Erleben und Leben von Menschen, die Europa im 19. Jahrhundert verließen. Eine Aussage trifft gleich der Titel: "Der Hunger trieb sie aufs Schiff". Eine Auswandererwelle löste eine Generation nach dem Vulkanausbruch auch das Jahr 1847 aus, wo eine Missernte und Kartoffelkrankheit in Hunger und Armut führten. Zunächst geht es in der Schrift um die beiden Waisenkinder Georg Friedrich und Maria-Sofia Weber, die in den 1820er-Jahren aus Bessarabien um ihr Geld-Erbe bitten. Vergeblich um ihr Erbvermögen kämpft vom gleichen, am Schwarzen Meer gelegenen Gebiet aus – das sich heute die Republik Moldau und die Ukraine teilen – im nächsten, von erklärenden Hinweisen Rausers begleiteten Briefwechsel Katharina Nonnenmann.

Eine spannende Lesung von der Ehefrau des Autoren, Ingrid Rauser, bildeten die Schilderungen aus Nachrichten von Michael Hammann. Sie beschreiben dieses Auswanderers turbulenten Start nach und in Amerika und das Leben von dessen Familie. Lebendig schildert er 1831 aus New York eine alles in allem glückliche Zeit: "Doch bin ich mit der Hilf Gottes mit meinen Kindern nach Amerika kommen, und wo wir an Land kommen, sind so drei vornehme Herren kommen und haben drei von meinen Kindern [in Arbeit] genommen, und den Großen hab ich zum Bäcker-Handwerk getan. Der Beck ist von Sindelfingen, hat 7 Knecht." Später betreibt er eine Bäckerei, zieht dann weiter ins Land, wo er günstig Gelände erwirbt. Wörtlich fasst er zusammen: "Der ärmste Mann lebt hier besser, als bei euch ein Oberamtmann."

Kleines Erbe anDaheimgebliebene

In einem weiteren Abschnitt geht es um Eva Maria Hauser, die in Polen landete. Katharina Kusterer berichtet in einem Brief an ihren Bruder Johannes in Lützenhardt aus Amerika. Ein kleines Erbe an Daheimgebliebene stiftet das Ehepaar Rexer-Schnürle 1866 aus den USA. Barbara Nothacker ist gerade 17 Jahre alt, als sie in Amerika ihr Glück sucht. In Arkansas sesshaft geworden ist der achte, zitierte Briefschreiber, von dem Nachrichten aus den Jahren 1871 bis 1873 in die alte Heimat gelangen, die in dem neuen Druckwerk wiedergegeben sind. Ausschnitte aus den Original-Briefen und einige andere Abbildungen ergänzen die Texte.

Lobende Worte und Dank zollte Bürgermeister Wendel dem Forscher und Verfasser Jürgen Rauser. Der Fachmann, hinter dessen frischem Auftreten niemand einen 85-Jährigen vermuten würde, betreut die Schätze aus der Vergangenheit der Stadt. Einmal wöchentlich, erläuterte Wendel, sei der frühere Kreis- und ehrenamtliche Stadtarchivar in der "Archivkanzlei" im Rathaus anzutreffen.

Ein "historisches Schmankerl" hatte Rauser mit einem Bericht des einstigen Sommenhardter Schulmeisters Johannes Trost zusätzlich zu bieten. Der Lehrer der Einklassenschule mit bis zu 100 Kindern brachte darin zum Ausdruck, wie knapp es 1847 aufgrund von Missernte und Kartoffelkrankheit zuging. Vom Herrichten der Gänsekiele als Schreibwerkzeug für die Schüler, von der Abschaffung des Brauchs, Kindern Schnaps zu reichen, oder dem anfänglichen Verbot von Zündhölzern ist ebenfalls die Rede.

Aber im Mittelpunkt des Abends stand das von der Stadt herausgegebene neue Druckwerk, das für 3,80 Euro erworben werden konnte. Beim Verkauf der Hefte, die in einer Auflage von 700 Exemplaren erschienen sind, hatte nach der Vorstellung der Rathauschef ganz ordentlich zu tun. "Wir wollen daran nicht verdienen, sondern geben die Dokumentation zum Herstellungspreis ab", hatte Wendel erklärt. Die Besucher deckten sich ein und nahmen rund 40 Exemplare für sich und andere mit auf den Heimweg. Erhältlich sind die exemplarisch die Auswanderungen des 19. Jahrhunderts dokumentierenden Hefte ab sofort auch bei der Teinachtal-Touristik im Rathaus in Bad Teinach.

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