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Bad Liebenzell Holocaust: Weg zur Versöhnung gezeigt

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Während der Holocaust-Gedenkveranstaltung im Bad Liebenzeller Spiegelsaal überreichten Udi Lehavi (rechts) und Dani Viterbo (Zweiter von rechts) von der Organisation Keren Hayesod, die Spenden für Israel organisiert, eine Sammlung von Ghetto-Geld als Dauerleihgabe an Frank Clesle (links) und Martin Meyer vom Maisenbacher Verein "Zedakah", in dessen Gästehaus Bethel in Maisenbach künftig die Sammlung ausgestellt werden soll. Fotos: Kunert Foto: Schwarzwälder Bote

Welch ein Bild: Der Holocaust-Überlebende Ben Lesser Arm in Arm mit dem Enkel des Lagerkommandanten von Auschwitz. So sieht Versöhnung aus. Nach der man sich sehnt, wenn man Lessers Leidensbericht hörte. Voller unvorstellbarer, unaussprechlicher Torturen.

Bad Liebenzell. Es ist der 27. Januar, der internationale Holocaust-Gedenktag. Es ist der Spiegelsaal des Bad Liebenzeller Kurhauses, in dem der in Maisenbach ansässige Verein "Zedakah" zum wiederholtem Male eine solche Gedenkveranstaltung gemeinsam mit der Stadt Bad Liebenzell organisiert. Der 27. Januar – an diesem Tag wurde 1945 das KZ Auschwitz von der Roten Armee befreit. Das ist 73 Jahre her. Da war Ben Lesser 16 Jahre alt.

Man muss erzählen, was er erlebt hat: 1928 in Krakau geboren, endete seine glückliche Kindheit im November 1939, als der Krieg seine Heimatstadt erreichte. Die erste Begegnung mit den Nazis: seine Familie und die Nachbarn werden von Soldaten – überfallen, anders kann man das nicht nennen. "Das Monster", der Soldat, der den Trupp anführte, nimmt das Baby der Nachbarn an den Füßen, weil es schreit. Und tötet es, in dem er es gegen einen Türpfosten schleudert – "mit Lust in den Augen", wie Lesser erzählt. Eine Sitznachbarin schluchzt, als sie das mit anhören muss. Es zieht einem den Schlund zu. Und doch ist es nur der Auftakt eben dieser unfassbaren Gräuel, die dieser heute so agile alte Mann erzählt.

Man hört Ben Lessers Bericht zwei Mal: Lesser lebt heute in den USA, spricht klares, gut verständliches Englisch. Seine Übersetzerin überträgt seinen Bericht ins Deutsche. "Unbelieveble Tortures", unglaubliche Foltern. Wie er bei einer Strafaktion im KZ Buchenwald, weil drei Häftlinge versuchten zu fliehen, wahrlich zerschlagen wurde – und sich für diese Qualen auch noch beim Lagerkommandanten freundlich bedanken musste.

Rainer Höß, Enkel nicht dieses Kommandanten, aber eines noch viel größeren "Monsters", sitzt bei diesem Bericht Lesser genau gegenüber. Rudolf Höß führte das KZ Auschwitz, wurde 1947 dort für den unvorstellbaren Massenmord an 1,5 oder auch 2,5 Millionen Menschen hingerichtet.

Enkel Rainer Höß lebt in Weil der Stadt. Bei der Begrüßung hatte er erzählt, dass er vor 40 Jahren genau hier, im Kurhaus von Bad Liebenzell, seine Lehre als Koch begonnen hatte. Er glüht vor Freude, seinen mittlerweile langjährigen Freund Ben Lesser heute genau hier zu haben – in seiner Heimat, in seiner Welt. Der Bericht von den Gräueln, die Männer wie sein Großvater begangen haben, löste einst in Höß selbst einen unvorstellbaren Hass aus, wird er nachher im Gespräch erzählen. Er war elf Jahre alt, als er das erste Mal davon hörte – als ein Holocaust-Überlebender in der Schule seinen Namen erkannte und ihn die ganze Verachtung spüren ließ. Ein Wendepunkt in Rainer Höß Leben. Bis dahin hatte seine Familie den toten Großvater als anständigen Soldaten hochgehalten. Von den monströsen Verbrechen wusste er nichts.

Tiefe Freundschaft

Heute sei die Arbeit mit Holocaust-Überlebenden für ihn eine Passion, eine Obsession geworden. Er ist längst ein hauptberuflich Handlungsreisender in Sachen Versöhnung. Einst habe Ben Lesser, einer dieser Überlebenden, aber ihn gesucht – nicht umgekehrt. Nachdem er in einem Zeitungsbericht von Rainer Höß erfahren hatte. Daraus sei mit den Jahren eine tiefe Freundschaft gewachsen. "Ich bin nicht schuld für die Taten meines Großvaters", sagt Rainer Höß am Rande der Veranstaltung in Bad Liebenzell einen Satz, der sich einem ins Bewusstsein einbrennt. "Aber ich bin schuld, wenn sich sowas wiederholt."

"Sowas" – ein zweiwöchiger Todesmarsch führt Ben Lesser und seinen Cousin im März 1945 ins Konzentrationslager Buchenwald. Nach nur einer Nacht werden sie in einen Zug gepfercht, der einen Monat lang ziellos durch Deutschland fährt. Schließlich kommen beide, nur drei Tage vor der Befreiung durch amerikanische Truppen, im Konzentrationslager Dachau an. Von 3000 Menschen in dem Zug überleben nur 18, erzählt Lesser. "Mountains of dead bodies", Berge von Toten, sahen sie, als sie in Dachau den Todeszug verließen. Sein Cousin starb nach der Befreiung in seinen Armen, als er – ein Fehler – von dem Essen aß, dass die Befreier ihnen, den ausgehungerten lebenden Leichnamen, spontan reichten. Es war gut gemeint, aber tödlich.

Heute ist Lesser der letzte Überlebende dieses Todeszuges. Warum ihn Gott überleben ließ? Das fragt sich Lesser auch jeden Tag. Vielleicht brauchte Gott einen Zeugen, der berichtet, was damals geschah. Wider das Vergessen. Lesser selbst braucht, fordert und bekommt von seinem Bad Liebenzeller Publikum ein Ritual. Der Saal fasst nicht alle Zuhörer, viele stehen, sitzen auf dem Boden. Auf Lessers Aufforderung hin fassen sich alle an den Händen, sprechen ihm dreimal nach: "Never again!" Es ist eine Beschwörung, ein Wunsch, auch wohl ein Flehen. Denn der Antisemitismus ist zurück – in der Mitte auch unserer Gesellschaft.

Aber warum nur? Rainer Höß antwortet auf diese Frage: es sei Ignoranz, sicher auch ein Bildungsproblem. Es macht einem Angst. Denn es gilt, was Ben Lesser, dieser unfassbar eindrucksvolle Mann, ganz am Anfang seines Berichts gesagt hatte: "Die Welt darf das einfach nicht vergessen." Denn es fing damals nicht damit an, dass Nazis Juden ermordeten. "Es fing an mit Hass" und Hass-Propaganda – dem gelte es sich entgegenzustellen. Auch heute wieder.

 

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