Kolben, Zylinder, Ventile: Der Stuttgarter Autozulieferer gilt bis heute als tief in der Welt des Verbrennungsmotors verhaftet. Doch Mahle hat längst umgesteuert – und sieht nun gute Chancen, beim E-Auto profitabler zu fahren als beim Verbrenner.
Der Stuttgarter Mahle-Konzern wird oft als Prototyp eines Autozulieferers genannt, der noch tief in der Welt des Verbrennungsmotors feststeckt. Schließlich gehören Kolben und Zylinder zu den wichtigsten Produkten des Unternehmens, das weltweit 72 000 Mitarbeiter beschäftigt und zu den vier größten Zulieferern der Republik zählt. Tatsächlich aber sieht Mahle sich längst als Unternehmen, das sich auf eine gute Startposition ins Zeitalter der Elektromobilität vorgearbeitet hat – nicht zuletzt aufgrund der im Jahr 2010 vollzogenen Übernahme des Kühlungsspezialisten Behr.
Mahle strebt auf einen Milliardenmarkt
Das Thermomanagement für die Batterie und weitere Komponenten des E-Autos sollen den Konzern für den absehbaren Rückgang der Verbrennungstechnologie mehr als entschädigen. „Das Umsatzpotenzial beim Thermomanagement im E-Auto ist dreimal höher als bei Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor“, sagt Jumana Al-Sibai, in der Mahle-Geschäftsführung verantwortlich für den Geschäftsbereich Thermomanagement. Im Jahr 2021 habe der globale Markt für Thermomanagement-Produkte bereits 35 Milliarden Euro umfasst, 2030 erwartet der Konzern bereits ein Volumen von mehr als 50 Milliarden Euro. „An diesem Wachstum wollen wir überproportional teilhaben.“
Das Thermomanagement hält Mahle für eine Schlüsseltechnologie: „Ohne effizientes Thermomanagement keine effiziente E-Mobilität“, benennt Al-Sibai die Formel, die dem Unternehmen Erfolg bringen soll. Denn fast alle Faktoren, die aus Sicht der Endkunden über die Akzeptanz der Elektrotechnologie entscheiden, hingen davon ab, dass die Batterie und andere Komponenten stets eine optimale Temperatur haben – beim Fahren unter unterschiedlichen Bedingungen und Außentemperaturen ebenso wie beim Laden. Das gelte für die Lebensdauer der Batterie ebenso wie für deren Reichweite, für die Leistung des Antriebs und für die Schnellladefähigkeit der Batterie.
Richtige Batterietemperatur ist entscheidend
So hängt die Fähigkeit der Batterie, mit hoher Leistung geladen zu werden, stark von der richtigen Temperierung ab. Diese ist auch ein entscheidender Faktor dafür, wie lange eine Batterie, die häufig schnell geladen wird, durchhält. Zum Thermomanagement gehört auch die Klimatisierung des Fahrzeuginnenraums, die ihrerseits möglichst wenig Einfluss auf die Reichweite haben soll. Aus dem Zusammenwirken all dieser Anforderungen ergebe sich ein hoher Anspruch an das Gesamtsystem, so Al-Sibai. Mahle verfüge über einen „etablierten Status als Systemanbieter“, den man weiter ausbauen wolle.
Eine besonders bedeutende Komponente ist aus Sicht des Unternehmens die Wärmepumpe. Sie kann die Reichweite stark erhöhen – oder aber eine Verkleinerung der teuren Batterie ermöglichen, ohne dass dies zulasten der Reichweite geht. Beim marktüblichen Test nach dem sogenannten WLTP-Zyklus büßten viele E-Autos 40 Prozent ihrer Reichweite ein, wenn sie den Test nicht bei 22, sondern bei minus 7 Grad absolvieren. Bei Fahrzeugen mit Wärmepumpe jedoch lasse sich dieser Verlust halbieren.
Wärmepumpe hilft auch dem E-Auto
Wärmepumpen entziehen der Umgebungsluft Wärme und bewirken somit eine zusätzliche Energiezufuhr jenseits von Batterie und Stromnetz. Aus der Umgebung wird dabei mehr Energie gewonnen, als die Wärmepumpe für ihren Betrieb benötigt. Sie liefert somit zusätzliche Energie und entlastet die Batterie. Uli Christian Blessing, Leiter der globalen Entwicklung Thermomanagement bei Mahle, sieht angesichts der Bedeutung des Themas Reichweite und der hohen Batteriekosten ein wachsendes Interesse der Industrie an der Nutzung dieser Technologie, die bei der Gebäudeheizung bereits häufig genutzt wird.
Seit 85 Jahren betreibt der heutige Mahle-Konzern in Stuttgart-Feuerbach einen sogenannten Klimawindkanal, in dem nicht nur die Luftwiderstandswerte von Fahrzeugen gemessen werden, sondern auch Analysen der Leistung bei extremen Temperaturen möglich sind. Dort werden auch die Komponenten des Thermomanagements von Mahle getestet – ebenso wie die von Wettbewerbern.
Viele E-Autos haben reichlich Luft nach oben
„Wir hatten hier noch kein Elektroauto, dessen Thermotechnik wir nicht verbessern konnten“, sagt Blessing. So habe sich das Laden der Batterie unter extremen Temperaturen bei vielen Fabrikaten sehr stark verzögert. Hersteller hätten dies zwar bewusst so programmiert, um eine Überhitzung der Batterie zu verhindern, denn das würde deren Lebensdauer stark verkürzen. Mahle gibt sich aber überzeugt, dass die hauseigenen Lösungen vom Thermomanagement bis zur Wärmepumpe sowohl schnelles Laden als auch eine lange Haltbarkeit der Batterie möglich machen.
Mahle und der Verbrenner
Marktentwicklung
Das Unternehmen erwartet einen starken Rückgang der Verbrennungstechnologie, nicht zuletzt angesichts des weitgehenden Verbots in der EU ab 2035. Zugleich geht Mahle-Chef Arnd Franz allerdings davon aus, dass der Verbrenner auch nach diesem Zeitpunkt global eine wichtige Rolle spielen werde, wie er im April unserer Zeitung sagte. In Weltregionen wie Südamerika, Südostasien und Indien werde seine Bedeutung sogar noch steigen.
Mahle-Strategie
Die Bedeutung der Verbrennungstechnologie ist bei Mahle über die Jahre deutlich zurückgegangen. 60 Prozent des Umsatzes erziele man inzwischen außerhalb der Verbrennungstechnologie, erklärte Konzernchef Franz im April. Mahle werde die weiter vorhandene Nachfrage nach Verbrennerkomponenten aber bedienen, solange die Kunden dies wollten. Viele Hersteller setzten nicht alles auf die elektrische Karte. Dazu gehörten neben BMW auch alle japanischen und ein Großteil der chinesischen und nordamerikanischen Kunden.