Im Oktober vorigen Jahres haben 1300 Mahle-Beschäftigte für sichere Jobs demonstriert – der endgültige Erfolg lässt auf sich warten. Foto: IG Metall

IG Metall und Betriebsrat vermelden Verhandlungserfolge für die Mahle-Standorte Mühlacker und Vaihingen – dort sei die Beschäftigung auf Dauer gesichert worden. Doch das Unternehmen widerspricht. Wer hat Recht?

Es war für den Automobilzulieferer eine beeindruckende Demonstration Mitte Oktober vorigen Jahres, als trotz Corona 1300 Mahle-Beschäftigte in 15 Bussen und zumeist in Schwarz gekleidet vor die Zentrale nach Bad Cannstatt und Feuerbach zogen. Wird der Kampf um die Arbeitsplätze nun von Erfolg gekrönt? Das Unternehmen und die IG Metall hätten eine Pilotvereinbarung zur Zukunftssicherung abgeschlossen, verkünden Gewerkschaft und Betriebsrat am Montagvormittag. Damit würden die Standorte Mühlacker und Vaihingen/Enz – wo Mahle bisher Verbrennerteile und vor allem Kolben herstellt – zukunftsfähig gemacht.

 

Am späten Nachmittag folgt – überaus ungewöhnlich – ein Dementi von Mahle: Es gebe noch kein Ergebnis. „Im Rahmen der bisherigen konstruktiven Verhandlungen konnten in den zurückliegenden Wochen einzelne wichtige Eckpunkte abgestimmt werden, die jedoch allesamt unter dem Vorbehalt der ausstehenden Verständigung über eine Gesamtvereinbarung stehen“, sagt ein Unternehmenssprecher unserer Zeitung. Beide Seiten strebten eine abschließende Verständigung bis zum 31. Oktober an. „Über konkrete Inhalte können wir uns aufgrund der andauernden Verhandlungen derzeit nicht äußern.“

Auf Arbeitnehmerseite wurde schon abgestimmt

Dabei war laut IG Metall schon alles klar. Vorangegangen war demnach eine Zustimmung der gesamten Belegschaft zu dem Kompromiss „mit überwältigender Mehrheit“. Konkret würden die Arbeitsplätze bis ins Jahr 2029 gesichert. In diesen Zeiten sei der Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen über so einen langen Zeitraum ein hohes Gut, freut sich der Betriebsrat. Nach Worten der Vorsitzenden Nektaria Christidou sei es gelungen, „ein wirkliches Zukunftspaket zu schnüren“. Der Standort Mühlacker, wo die Produktion des Bereichs Thermomanagement angesiedelt ist, soll Aufträge für Produkte erhalten, „die der Transformation standhalten“, wie es hieß.

Schon im Juni 2021 hatten Unternehmen und Gesamtbetriebsrat vereinbart, dass für Mühlacker und Vaihingen/Enz eine Zukunftssicherung verhandelt wird. Wie sich nun zeigt, hätten sich die Gespräche „ganze 15 Monate hingezogen“, resümiert die erste Bevollmächtigte der IG Metall Pforzheim, Liane Papaioannou. Ein Fehlschlag hätte sich „langfristig äußerst negativ auf die Beschäftigungslage in der Region ausgewirkt“.

Die massive Beschleunigung der Transformation habe den Veränderungsdruck in allen Bereichen erhöht, erläutert der Unternehmenssprecher. „Auch Mahle kann sich dem nicht entziehen.“ Um die Ideen beider Seiten zusammenzubringen, hätten sich im Vorjahr die Konzern-Geschäftsführung, die Arbeitnehmervertreter und die IG Metall auf das Gemeinschaftsprojekt Transformationsdialog verständigt – mit dem Ziel, ausgewählte deutsche Standorte zukunftsfähig aufzustellen. Das Werk in Mühlacker sei mit rund 1100 Beschäftigten als eines von mehreren „Pilotwerken“ für das Projekt definiert worden. Nach einer Konzeptphase seien für den Werkeverbund Mühlacker und Vaihingen Gespräche gestartet worden, die noch andauern.

Eine Stunde der Wochenarbeitszeit eingebracht

Zugeständnisse bleiben nicht aus: Wegen des Transformationsdialogs würden die Beiträge der Mitarbeiter „anders ausfallen, als wir das bisher kannten“, sagt Theodoros Christoforidis, Sprecher der Vertrauensleute. Zunächst seien die Beschäftigten nach Verbesserungspotenzial gefragt worden – wobei 207 Ideen mit einem Einsparvolumen von 2,3 Millionen Euro gesammelt worden seien. Diese gelte es nun umzusetzen.

Im indirekten Bereich in Mühlacker würden die Beschäftigten anstatt des tariflichen Zusatzgeldes (T-Zug) die acht freien Tage verpflichtend nehmen müssen, womit Entlassungen vermieden würden, versichert die IG Metall. Und alle Beschäftigten müssten bis Ende 2026 eine Stunde der wöchentlichen Arbeitszeit unentgeltlich einbringen. Einschnitte in das Entgelt soll es laut der Arbeitnehmervertretung nicht geben – dies sei „gerade in dieser angespannten Zeit der Preissteigerungen und zu Beginn der Tarifrunde der IG Metall besonders wichtig“.

Der Betriebsratsvize Radenko Lazic freut sich zudem über eine „eine klare Verabredung zur Personal- und Qualifizierungsplanung“, für die auch die Agentur für Arbeit mit ins Boot geholt worden sei.

Mahle und der Transformationsdialog

Personalabbau
 Ende vorigen Jahres waren im gesamten Mahle-Konzern rund 71 300 Mitarbeiter tätig – knapp 900 weniger als im Jahr zuvor. Die Personalreduzierung war Teil des 2020 infolge der Transformation eingeleiteten strukturellen Konzernumbaus. Dieser soll laut dem Unternehmen weiter vorangetrieben werden. Bereits 2020 hatte Mahle mitgeteilt, deutschlandweit 2000 Stellen – und weltweit 7600 – streichen zu wollen.

Transformationsdialog
Der Wandel vom Verbrennungsmotor zum Elektroantrieb hat den Veränderungsdruck in allen Bereichen erhöht. „Umso besser ist es dann, wenn Arbeitnehmervertretung und Unternehmen ihre Ideen zusammenbringen“, hatte Konzern-Geschäftsführerin Anke Felder bei der Vorlage des Geschäftsberichts Ende April betont. Daraus sei der Transformationsdialog entstanden – ein Weg für die Zukunftsausrichtung deutscher Standorte, den Mahle mit den Betriebsräten und der IG Metall als Gemeinschaftsprojekt eingeschlagen hatten.