Was haben Elon Musk, Greta Thunberg und Horst Eckert alias Janosch gemeinsam? Sie alle verbindet dieselbe Diagnose: Autismus. Und von ihnen allen hängen Porträts an den Wänden des neuen Autismuszentrums in Freudenstadt. Diese sollen den Klienten zeigen, dass man trotz Behinderung erfolgreich im Leben sein kann.
Freudenstadt - Die Fenster sind blickdicht, die Räume allesamt schlicht gestaltet, mit weißen Wänden und Möbeln. Auch Spielzeug bleibt im Autismuszentrum in Freudenstadt nicht einfach im Regal oder auf dem Boden liegen – alles Absicht: "Die Therapieräume sollen möglichst reizarm sein", sagen Diana Möbius und Monique Zink, die Geschäftsführerinnen des Autismuszentrums Mittelbaden (Info), die seit dem 1. Oktober auch die Freudenstädter Einrichtung in der Lange Straße 30 betreiben.
Ausgeprägtes Schwarz-Weiß-Denken
Die Empfindlichkeit gegenüber Reizen ist nur eine von vielen Eigenschaften, auf die Zink und Möbius bei ihrer Arbeit Acht geben müssen. Wie geht es dir? Eine scheinbar harmlose Frage, die für autistische Menschen aber oft schwierig zu beantworten ist, wie die Geschäftsführerinnen erzählen. Schwarz-Weiß-Denken sei bei ihnen besonders ausgeprägt, der Tag war also entweder wunderschön oder eine Katastrophe. Viele Autisten falle es auch oftmals nicht leicht, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. "Das bedeutet aber nicht, dass sie nicht mitfühlen können", macht Möbius deutlich.
Oft missverstanden
Doch in der Gesellschaft werden sie oft missverstanden. Was laut Möbius auch daran liegt, dass Autisten Schwierigkeiten mit sozialer Interaktion haben, das Gesagte oft wörtlich nehmen. "Wenn ich sage, ich komme in fünf Minuten, dann muss es auch genau dann sein, sonst sind sie empört", erzählt Zink. "Es ist so, als würden zwei Fremdsprachen aufeinandertreffen."
Offen mit Behinderung umgehen
Bei der Therapie im Autismuszentrum sollen Autisten und Neurotypische – also Menschen mit einem "gewöhnlichen" Entwicklungsstadium – lernen, sich gegenseitig zu verstehen. Schritt für Schritt sollen so kleine Erfolge für die Bewältigung des alltäglichen Lebens erzielt werden. Dabei geht es aber nicht darum, die Behinderung zu verstecken, sondern offen damit umzugehen.”Wir legen Wert darauf, die Stärken zu stärken”, sagt Möbius.
Individuelle Therapie
So unterschiedlich die Charakterzüge der Autisten sind, so individuell soll auch die Therapie im Autismuszentrum sein. Im Mittelpunkt steht aber immer der Spaß. Die Klienten – unter ihnen sowohl Kinder ab zwei Jahren als auch Erwachsene – "sollen gerne kommen", sagt Zink.
Vorwürfe gegen die Eltern
Die meisten von ihnen nehmen eine Therapieeinheit pro Woche – also eineinhalb Stunden – in Anspruch. Einige von ihnen kommen aber auch öfter. "Weil die Therapie das einzige ist, was ihnen Struktur gibt", sagt Möbius. Manche seien auf keiner Schule mehr, weil die Lehrer sagen würden: "Es passt halt einfach nicht." Viele Eltern von autistischen Kindern hätten negative Erfahrungen gemacht, und vor allem keine pädagogische Fachhilfe erhalten. "Ihnen wird dann oft vorgeworfen, dass sie ihr Kind nicht erziehen könnten", erzählt Möbius. Deshalb sei es wichtig, Ansprechpartner zu haben. Im Autismuszentrum in Freudenstadt gibt es sie nun. Dort werden derzeit sieben Klienten von einer Therapeutin und einer Therapieleiterin betreut, Tendenz steigend.
Kein Schulwissen, sondern Alltagswissen
Auch mit dem Umfeld der betroffenen Menschen wird während der Therapie regelmäßig gesprochen – egal ob Chefs, Lebenspartner oder Eltern. Dabei geben die Therapeuten Anregungen, wie das Leben zuhause oder auf der Arbeit strukturiert werden kann. "Bei uns wird kein Schulwissen vermittelt, sondern Alltagswissen", erklärt Zink.
Trotz Autismus "alles möglich"
Auch wenn der Ablauf der Therapie individuell ist – das Hauptziel ist bei allen Klienten dasselbe: Ihnen soll ein selbstständiges Leben ermöglicht werden. "Trotz Autismus ist alles möglich im Leben – oder auch gerade deshalb", sagt Diana Möbius und deutet dabei auf die Bilder der bekannten Persönlichkeiten.
Info: Das Unternehmen
Das Autismuszentrum Mittelbaden mit Sitz in Rastatt ist 2009 gegründet worden und betreibt heute insgesamt vier Einrichtungen, neben der in Freudenstadt auch an den Standorten Rastatt, Achern und Offenburg. Das gemeinnützige Unternehmen beschäftigt nach eigenen Angaben rund 100 Mitarbeiter, die für mehr als 200 Klienten zuständig sind.