Als einen Höllentrip erlebte eine junge Frau aus Villingen-Schwenningen ihre Kindheit in einer Sekte. Foto: Montage Lars Druve / © Zbyszek Nowak+mark_hubskyi – stock.adobe.com / Dieterich01 – Pixabay

Die Prügel schmerzten damals wie die Erinnerungen heute. Nach vielen Jahren schaffte eine junge Frau den Ausstieg aus der "Sekten"-Hölle.

Villingen-Schwenningen - Die Bilder sind und bleiben in ihrem Kopf: Rituale der Erniedrigung, der Bambusstock zur Züchtigung, die schmerzhaften Striemen, die Eltern, die in der Gemeinschaft das Heil suchten und die Hölle fanden. Nach quälenden zehn Jahren schafft sie den Ausstieg aus einer Parallelwelt, in der Weltuntergangsszenarien und Verschwörungstheorien die Anhänger in einer Art Angststarre halten.

 

Eine ganz normale Familie, die in Villingen-Schwenningen lebt, die Kinder zwei bis acht Jahre alt. Die Eltern fühlen sich von einer Freikirche angezogen, eigentlich eine schöne Zeit, erinnert sich Marie A. (Name von der Redaktion geändert) an die Gottesdienste. Fast 20 Jahre später erzählt sie in einer Videokonferenz von dieser Phase. Der Vater wird bald auf einen Prediger aufmerksam, der ihn zu Treffen einlädt. Die ersten Fahrten gehen vom Schwarzwald mit der Familie in die Schweiz. Die Eltern sind euphorisiert, weil alles so harmonisch ist. Doch mit der Harmonie ist es bald vorbei, nach einem emotionalen Aufnahmeritus.

Mit dem Kopf gegen das Lenkrad

Bei regelmäßigen Hauskreisen, Oratorien und Besuchstagen hört die Familie aus VS zum ersten Mal von Horrorszenarien: "Die Welt geht unter, aber hier bei uns findet ihr Zuflucht." Und dann sei der eigentliche Terror erst richtig losgegangen. Und damit die Massenmanipulation des Führers der Gruppierung und seines Kaders. Eine Art Gehirnwäsche, um die Persönlichkeit der Mitglieder zu brechen? "Ja, so kann man das durchaus bezeichnen", bestätigt Marie. Klar und distanziert erzählt Marie viele Jahre später von einer Zeit, die ihr aus der Distanz nur noch absurd vorkommt. Nur zweimal stockt ihre Stimme, als sie an das sich wiederholende Ritual der Erniedrigungen und der Reaktion ihres Vaters darauf zurückdenkt und die körperlichen Züchtigungen, denen sie und ihre Geschwister ausgeliefert waren.

Der Blick geht zurück: Menschen sitzen in einem Kreis, einer wird regelmäßig zum Opfer erwählt: Opfer wird, wer Zweifel oder Kritik äußert, wer wenig Selbstwertgefühl hat, wer bei den regelmäßigen Gesprächskreisen sich einen Fauxpas erlaubt, ein "schwaches Gebet" etwa. Der Vater von Marie wird immer wieder zum Opfer. Er kompensiert dies auf seine Weise. Vor der Heimfahrt in Richtung Schwarzwald-Baar-Kreis zurück über die deutsche Grenze, schlägt er manchmal seinen Kopf 13 Mal auf das Lenkrad, vor den Augen der Kinder. Grenzerfahrungen, die bei Marie tiefe Narben hinterlassen haben. "Noch lange nach der Therapie hatte ich das Gefühl, mich bestrafen zu müssen."

Nicht nur Striemen schmerzen

Und dann kommen noch diese anderen Bilder, von physischer Gewalt, die ihr angetan wurde, spricht Marie die Erziehungsmethoden der Gruppierung an. Jedes Kind hatte eine Aufgabe. Wenn eines ihrer Geschwister oder sie selbst dem nicht nachkam, zum Beispiel die Schuhe nicht aufräumte, habe der Vater ein Bambusrohr geholt. Die Kinder mussten sich entblößen und dann habe er zugeschlagen, bis zu zehn Mal. Die Erinnerung an die Zeit schmerzt so sehr wie die Striemen von damals. "Manchmal habe ich die Schuld und damit auch die Strafe auf mich genommen, um meine kleineren Geschwister zu schonen", erzählt sie.

Marie wird älter, kommt in die Pubertät, zeigt ihren rebellischen Geist. Erste Zweifel regen sich am Denkmuster der Gruppe, schon längst ist der ideologische Köcher nicht nur mit religiösen Endzeitfantasien gefüllt, sondern auch mit gängigen Verschwörungstheorien: Schlagworte wie Lügenpresse tauchen auf, die in den Fängen von Big Pharma zappelnde Schulmedizin. Sie hört von einer satanischen Elite, die das Blut von kleinen Kindern trinke. Ein Narrativ, das sich stark an die Thesen der amerikanischen QAnon-Bewegung anlehnt, die auch in Deutschland immer mehr Zulauf hat.

Von der Familie verstoßen

Wo sieht Marie Vernetzungen mit anderen "konfliktträchtigen Gruppierungen"? Verbindungen zu anderen Bewegungen gebe es durchaus, zumindest thematisch, auch in der rechten Szene. Ein weiteres verbindendes Element zu den Anons: Die Anhänger fühlten sich als Auserwählte, da man ja die Wahrheit über die große Weltverschwörung kenne, im Gegensatz zu den anderen...

Aus der Distanz heraus erlebt sie diese Jahre beim 90-minütigen Gespräch wie in einem Zeitraffer: "Ich habe in einer Parallelgesellschaft gelebt." Ihre Ausstiegsgedanken nehmen immer mehr Form an: Mit 18 packt sie ihre Koffer, Marie entschwindet dem Dunstkreis ihrer Eltern, verlässt die Doppelstadt und macht Tausende von Kilometern entfernt ein freiwilliges soziales Jahr. Die Reaktion ist deutlich: "Du bist nicht mehr unsere Tochter." Sie studiert, macht ihren Bachelor-Abschluss und denkt mit Grauen an die Rolle, die Frauen in dieser Gruppierung zugedacht ist: Als Gebärmaschine, die dem Mann den Rücken frei zu halten habe. Sie lebt ihr eigenes Leben, hat einen Freund und holt endlich das nach, was sie nie hatte: Eine Jugend wie andere, mit Clique, Spaß haben und Tanzen.

Ausbrechen ist nur sehr schwer möglich

Zurück bleiben auch die Bilder von einem eifrig medial herumwirbelnden Führer, der gerne seine mehrere Tausend Anhänger für sich habe arbeiten lassen und auch eine spezielle Kasse aufgestellt habe, in die monatlich einzuzahlen war. Maries Eltern, eher Geringverdiener, steuerten maximal 200 Euro bei. Wie schwierig ist es, aus dieser Parallelwelt auszubrechen? Ein Ausstieg, beobachtet Marie, sei nur möglich, wenn "jemand noch ein soziales Umfeld außerhalb hat und nicht zu lange mit dabei war".

Über ihrer Freiheit liegt jedoch ein Schleier, wenn sie an ihre jüngeren Geschwister denkt, die sie zurücklassen musste. Der Ausstieg sei ein Kraftakt, wenn er überhaupt gelingt. "Der Großteil der Anhänger wird es nicht schaffen, da deren Persönlichkeit gebrochen wurde", so Marie A.

Hilfen zum Ausstieg

Gute Wegbegleiter gibt es: Wer Ausstiegsgedanken hat, kann sich Hilfe suchen, beispielsweise beim Opferschutzverband Weißer Ring im Schwarzwald-Baar-Kreis oder den Sektenberatungsstellen im Land. Jochen Link, Leiter der Außenstelle des Weißen Rings im Kreis, zeigt Maries Lebens- und Leidensgeschichte, wie schwer es sei, sich aus den Fängen von manipulativen Gruppierungen und ihren Führern zu befreien. Das weiß auch Susanne Schaaf. Gute 100 Kilometer von der Doppelstadt entfernt, sitzt die Mitarbeiterin von der "infosekta", der Fachstelle für Sektenfragen, in der Schweiz.

Als der Name der Gemeinschaft fällt, die in der Schweiz ihren Ankerplatz hat, verweist sie sofort auf deren starke Medienpräsenz. Offiziell werde diese Gruppe nicht vom Schweizer Staatsschutz beobachtet. Doch das Gedankengut, das verbreitet werde, berge Gefahren auf persönlicher wie gesellschaftlicher Ebene. Denn die Anhänger des umtriebigen Führers neigen dazu, sich von der Realität zu verabschieden und damit vom privaten Umfeld. "Das Weltbild wird verzerrt", das Vertrauen in Behörden, politische Strukturen und damit auch in demokratische Prozesse gehe verloren. Ein gefährlicher Sog, der vor allem Menschen in Krisenzeiten und in schwierigen Lebenslagen mitreiße, da diese Gemeinschaften Hoffnung und Zusammenhalt vermitteln, zeigt Susanne Schaaf auf. Ein Ausstieg sei schwierig, aber durchaus möglich, vor allem wenn nach und nach immer mehr Widersprüche im Weltbild entdeckt werden und auch der eigene Leidensdruck zu groß werde.