Mit der aufsehenerregenden Kunstausstellung „Verdammte Lust!“ zeigt das Diözesan-Museum in Freising das zwiespältige Verhältnis der katholischen Kirche zur Sexualität.
In einer Filmsequenz tanzen nackte Frauen und Männer vergnügt in einem Garten umher. Vom Band läuft beschwingte klassische Musik. Die Welt war noch rein und unschuldig, der Sündenfall steht erst bevor. „Eine paradiesische Stimmung ist das, die Besucher sollen sich erst mal locker machen“, sagt die Kunsthistorikerin Carmen Roll. Dass es aber bald schwierig wird, darauf weist schon das erste Bild neben den Tanzenden: Acht Männer, alles Kirchenleute, umringen eine nackte Frau und diskutieren über sie – Eva mit dem Apfel in der Hand. „Die Erbsünde“ wurde im Jahr 1528 von dem Italiener Guillaume de Marcillat gemalt.
„Verdammte Lust! Kirche. Körper. Kunst.“ heißt die Schau, an der Roll als Vizemuseumsleiterin mitgearbeitet hat. Das soll außergewöhnlich klingen, Grenzen sprengen. Die Kirche will ihr eigenes verdrängtes, negatives, vermurkstes Verhältnis und ihr Schweigen über Sexualität aufbrechen. Inklusive Missbrauch.
Die Ausstellung wird gezeigt im edlen Museum der Diözese München-Freising. Schön und rein geht es in den Werken zu, aber auch lüstern und mitunter pornografisch. Die Idee stammt von Kardinal Reinhard Marx und seinem Team selbst – ausgerechnet von jenen also, die heftig in den kirchlichen Missbrauch verstrickt sind und mehr oder weniger dagegen ankämpfen. „Die haben das vorgeschlagen“, erinnert sich Carmen Roll. „Wir waren überrascht, aber unter uns ist sofort eine große Diskussion losgegangen.“ Inhaltlich reingeredet haben die Kirchenoberen zu keinem Zeitpunkt. Zur Eröffnung sagte Marx in Freising, Sexualität sei „eine Gabe Gottes“, die dem Menschen und der Liebe dienen solle. Die Ausstellung rege zur Frage an, ob diese Schöpfung „kreativ, lebensdienlich entfaltet wird oder zu einer toxischen Wirklichkeit erklärt wird“.
Desaströses Verhältnis von Kirche, Körper und Lust
„Verdammte Lust!“ steht, so schreiben die Kuratoren, „im Kontext der aktuellen Diskussion, sie will und kann jedoch bewusst keine Schau zum sexuellen Missbrauch sein“. Guter Sex, böser Sex, verbrecherischer Sex – in acht Abschnitten beleuchtet die Schau auf dem Freisinger Domberg die vielen Facetten im oft leidvollen bis desaströsen Verhältnis von Kirche, Körper und Lust. Da geht es um den „reinen Körper“ – etwa „Gottesmutter mit Kind“ oder das Haupt Johannes des Täufers. Geköpft liegt es auf einer Metallschale.
Oben auf dem Domberg in Freising war mehr als 1000 Jahre lang, 35 Kilometer nördlich von München, der Bischofssitz, ein prachtvolles Zentrum katholischer Macht. Erst 1821 wurde er nach München verlegt. Doch Dom, Stiftskirche, Bibliothek, Gymnasium, Museum – alles steht weiterhin beieinander. Schon diese Lage ist eine Demonstration von Macht und Stärke, auf der einen Seite schmiegen sich die Altstadthäuser der Kreisstadt an den Berg, auf der anderen fließt die Isar gen Donau. In dieser Anlage wird gerade überall gebaut, renoviert, neu gestaltet. Es sieht nach Generalsanierung aus und erinnert an den Zustand der katholischen Kirche in deren Inneren.
„Die Kirche will Mensch und Körper bis ins Ehebett reglementieren“
Der „verbotene Körper“ wird ausgestellt und der „erlaubte“. Etwa in einem Bild, das van Dyck zugeschrieben wird und ein Familienideal aus Vater, Mutter und Kleinkind zeigt. Oder ein Werk mit dem Titel „Triumph der Keuschheit“ – auf einem Triumphwagen sitzt eine Frau als Keuschheit mit einem Lorbeerkranz auf dem Kopf. „Die Kirche will Mensch und Körper bis ins Ehebett reglementieren“, sagt Roll.
Auch Maria Magdalena gilt als rein, doch die Kuratorin weist auf ein Bild, das diese Sichtweise kippt. Die Jüngerin Jesu ist zu sehen als „erotisch aufgeladene Frau – üppig, lasziv“ mit nackten Brüsten. Roll ist sich sicher: „Das Bild hatte ein Priester bei sich daheim hängen.“ Und über die immer wieder abgebildete römische Liebesgöttin sagt sie: „Venus bedient Männerfantasien.“
Peter Beer sitzt am Besprechungstisch seines Büros in München-Sendling. In Kirchenkreisen weiß man, auch wenn der 57-Jährige das nicht sagen will, dass er der Ideengeber für „Verdammte Lust!“ war. Beer war bis Ende 2019 Generalvikar im Erzbistum, war Stellvertreter von Reinhard Marx, dessen rechte Hand, hat die Verwaltung geleitet. „Die kirchliche Sexuallehre ist dysfunktional“, sagt er heute, sie sei „absolut toxisch“. Voll mit genauen Anweisungen und Verboten durch „Leute, die davon praktisch gar keine Ahnung haben“. Beer lacht.
Beer sieht „Leute in Einsamkeitskrisen“, gehemmte Männer
Das im Januar 2022 vorgestellte unabhängige Missbrauchsgutachten der Kanzlei Westpfahl-Spilker-Wastl wirft Beer Versäumnisse beim Umgang mit Betroffenen vor. Andererseits wird er als der größte Kämpfer für Aufklärung und Transparenz gewürdigt – auch gegen andere in der Bistumsleitung, vor allem den damaligen „Offizial“, also Kirchenrechtler, Lorenz Wolf. Dieser hatte laut dem Gutachten am massivsten verschleiert, sich auf die Seite der Täter gestellt und die Glaubwürdigkeit der Betroffenen permanent in Zweifel gezogen. Ende März 2022 wurde er von seinen Positionen entfernt. Da war Peter Beer längst weg. Er hatte es satt, gegen Mauern anzurennen, gab seinen Job auf und arbeitet seit Anfang 2020 als Professor in Rom an der päpstlichen Universität Gregoriana. Er pendelt zwischen München und Rom, dort lehrt er am „Zentrum für Kinderschutz“. Beer hat sich viele Gedanken darüber gemacht, warum katholische Priester zu Missbrauchstätern werden. Er spricht von „systemischen Gründen“. Bei Weitem nicht nur Männer mit Pädophilie-Veranlagung vergreifen sich demnach an Kindern, sondern im Priesterstand vor allem Männer mit „unreifer Sexualität“. Beer sieht dort „Leute in Einsamkeitskrisen“, gehemmte Männer. Es bestehe große Gefahr, „dass ein Kipppunkt erreicht wird“. Dann vergreift man sich an den Schwächsten – an Kindern.
„Es bleibt schwierig“
Auch frühe Pornografie ist in Freising ausgestellt, etwa ein Kupferstich des Nürnberger Künstlers Sebald Beham aus dem 16. Jahrhundert mit dem Titel „Der Tod und das unzüchtige Paar“. Ebenfalls zu sehen: ein Mönch, der einer Nonne auf das nackte Gesäß schlägt. „Ich verstehe den Hintergrund dieser Ausstellung nicht ganz“, sagt Richard Kick zunächst vorsichtig. Der 66-jährige Münchner ist Sprecher des Missbrauchs-Betroffenenbeirates, der für Aufklärung, Schuldeingeständnisse und Entschädigungen kämpft. Kick interessiert sich nicht in erster Linie für Marien-Gemälde oder Erbsünde-Darstellungen. „Die Betroffenen werden weiterhin nicht genug wahrgenommen“, kritisiert er. Bei Bischof Marx sieht er ein „zartes Auf-uns-Zugehen“, den Kontakt suche er aber weiterhin nicht aktiv. Stattdessen stelle er die Ausstellung und damit auch sich selbst in helles Licht. „Marx blendet.“
Zumindest die Aussage, mit der „Verdammte Lust!“ endet, dürfte unumstritten bleiben: „Es bleibt schwierig.“