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Ausstellung in Ulm Der neue Löwenmensch liebt die Nacht

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Der Stützstab (li.) ist verschwunden, dafür jetzt mit rechtem Arm: So präsentiert sich der neue Löwenmensch (Mitte und re.), eines der ältesten Kunstwerke der Menschheit. Fachleute des Landesamts für Denkmalpflege haben die fast 40.000 Jahre alte Figur in den vergangenen anderthalb Jahren zerlegt und neu zusammengesetzt, nachdem in einer Höhle auf der Alb weitere Bruchstücke davon gefunden worden waren. Die Stadt Ulm, der die Skulptur gehört, feiert die Restaurierung mit einer Ausstellung. Foto: LfD

Venus, Mammut, Wildpferd: Die Höhlen der Alb haben schon viele spektakuläre Kunstwerke preisgegeben. Doch keines hat eine so abenteuerliche Geschichte wie der Löwenmensch. Er wurde zerlegt und dann wieder zusammengesetzt. Mit einer großen Ausstellung feiert die Stadt Ulm die Rückkehr eines der frühesten Kunstwerke der Menschheit.

Ulm - Er kommt mit dem Sprinter über die Autobahn. Der Laderaum des Spezialtransporters ist leer, nur in der Mitte steht eine gelbe Aluminiumkiste auf einem Podest – wie ein Altar. Unter Polizeischutz löst ein Mann sie aus ihrer Verankerung und trägt sie hinein ins Ulmer Museum, vorbei an Schaulustigen, Fotografen und Kamerateams. Der Löwenmensch, unter den ersten Kunstwerken der Menschheit vielleicht das spektakulärste, ist wieder zu Hause.

Eigentlich muss es ja heißen: der neue Löwenmensch. Denn die Figur aus dem Stoßzahn eines riesigen Mammuts sah noch deutlich anders aus, als sie vor anderthalb Jahren das Haus verließ. Der Rücken fehlte, auch der rechte Arm war noch nicht dran. Und das Maul der Tier-Mensch-Figur war nicht ganz so lang. „Sie werden sie trotzdem wiedererkennen“, sagt die Restauratorin Nicole Ebinger-Rist, als sie die Alu-Kiste aufschließt und die 30 Zentimeter hohe Plastik aus dem Schaumstoffbett holt.

Hier steht es also, jenes Fantasiegebilde, das sich irgendein früher Mensch während der letzten Eiszeit ausgedacht hat – und damit den Beweis erbrachte, dass er bereits dieselbe künstlerische Kraft besaß wie seine Kollegen 40 000 Jahre später. „Die größten und bedeutendsten Museen der Welt haben eine Kopie davon“, sagt die Ulmer Museumschefin Gabriele Holthuis. Und sie fügt schmunzelnd hinzu: „Jetzt benötigen sie eine neue.“

Geschichte der Rekonstruktion kommt Krimi gleich

Die wundersame Verwandlung geschah hinter dicken Mauern und Stahltüren im Esslinger Landesamt für Denkmalpflege. Hier saßen in den vergangenen Monaten die Spezialisten über die Figur gebeugt – und zerlegten sie zunächst in ihre 200 Einzelteile. Denn der Löwenmensch besteht aus Bruchstücken, und als die Archäologen die ersten davon kurz vor dem Zweiten Weltkrieg im Felsmassiv des Hohlensteins unweit von Ulm entdeckten, ahnten sie noch gar nicht, dass sie es mit einer Skulptur zu tun hatten. Diese Erkenntnis reifte erst im Lauf der Jahrzehnte.

Die Geschichte der Rekonstruktion kommt ohnehin einem Krimi gleich. Mal verschwanden die Fragmente in Zigarrenkisten verpackt im Archiv, mal fanden Spaziergänger weitere Splitter. Erst 1982 erkannten die Fachleute, dass die Figur den Kopf einer Raubkatze trägt. Doch ein ganzes Häufchen von Bruchstücken blieb übrig, man verwahrte sie im Tresor – bis ein Esslinger Grabungsteam 2009 und 2010 auf neue Splitter stieß.

„Wir hatten den Löwenmenschen eigentlich gar nicht auf dem Schirm, sondern wollten im Hohlenstein nur die Erhaltung der Fundschichten klären“, sagt der Projektleiter Claus-Joachim Kind, Archäologieprofessor in Tübingen. Doch dann entdeckten die Fachleute in einer kleinen Höhlenkammer Reste des Abraums von alten Grabungen – und darin rund 500 weitere Fragmente.

„Man bekommt ein Puzzle und weiß genau, es fehlen viele Teile“

„Uns wurde schnell klar, dass wir etwas Besonderes gefunden hatten“, sagt Kind. Auf einem Schreibtisch im Ulmer Museum begannen sie zu puzzeln und holten die ­alten, noch nicht eingepassten Teile aus dem Tresor dazu. „Und dann hat einiges zusammengepasst“, sagt Kurt Wehrberger, der ­Leiter der archäologischen Sammlung im Ulmer Museum.

So zog der Löwenmensch samt seinen alten und neuen Fragmenten nach Esslingen um. „Man bekommt ein Puzzle und weiß genau, es fehlen viele Teile“, beschreibt Ebinger-Rist die Ausgangslage. Nervenaufreibend sei die Arbeit teilweise gewesen, ­berichtet die Restauratorin, die von zwei Kolleginnen unterstützt wurde. Und einsam. „Tagsüber hat es ihm nicht so gefallen, er ist ein Nachtmensch“, berichtet sie von Erfolgserlebnissen zu später Stunde – wie bei einem richtigen Puzzle.

Etwa 20 Teile hat sie jetzt noch übrig, dafür fand sich an der Figur keine Anschlussstelle. Doch was heißt das schon angesichts der erfolgreichen Restaurierung? Vor allem Kopf, Schulter und Rücken sind kompletter geworden. Die Figur ist insgesamt auch um anderthalb Zentimeter gewachsen. Lücken im Innern wurden mit Stegen aus Wachs überbrückt. In alle Winkel der Figur habe sie hineingeschaut, sagt Ebinger-Rist, und habe so auch wichtige Erkenntnisse für die Wissenschaft gewonnen.

Ausstellung von Freitag an

Claus Wolf, Chef des Landesamts für Denkmalpflege, atmet trotzdem auf: „Wir sind froh, dass es zu Ende ist.“ Gleichzeitig verfolgt er mit Wohlgefallen, wie sich die Esslinger Werkstätten zunehmend zu hoch spezialisierten Kompetenzzentren für Restaurierungen entwickeln – die Keltenfunde aus der Heuneburg werden ja ebenfalls von Esslingen betreut.

Ulm feiert derweil die Rückkehr seiner weltberühmten Figur vom kommenden Freitag an mit einer großen Ausstellung, in der auch andere Funde aus den Höhlen der Alb zu sehen sind. „Wir haben ihn vermisst“, sagt Bürgermeisterin Iris Mann liebevoll.

Jetzt wünschen sich die Ulmer nur noch eines: dass die Archäologen nicht demnächst wieder neue Bruchstücke des Löwenmenschen finden. Wolf kann sie beruhigen: Die Grabungen am Hohlenstein sind abgeschlossen, die Fundstelle ist versiegelt. Doch wer weiß? Der Löwenmensch ist noch keinesfalls vollständig. Und für Überraschungen war er schon öfter gut.

Alle Infos zum Löwenmensch und zur Austellung finden Sie hier.

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Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

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