Der in der ARD zu sehende Dokumentarfilm „Atomkraft forever“ von Carsten Rau liefert besonnen Material für eine komplexe Debatte.
Countdown einer Frauenstimme aus dem Rechner: „Vier, drei, zwei , eins, vielen Dank: Keine Kontamination.“ Sie sagt das oft hintereinander. Männer in einem Mix aus Nachthemd und Laborkittel laufen in Feierabendstimmung umher, nachdem sie ihre Arbeitskleidung abgelegt und sich an der Messstation die beruhigende Gewissheit geholt haben: Sie sind auch heute nicht radioaktiv verstrahlt worden, sie dürfen nach Hause zu ihren Familien.
Carsten Raus vorzüglicher Dokumentarfilm „Atomkraft forever“ beginnt von hinten, mit dem Abbau eines Atomkraftwerks. Der Kampf um den Atomstrom schien ja auch schon beendet, der Ausstieg aus dieser Energieform beschlossene Sache zu sein. Rau kommt nicht mit Ironie oder Aufgeregtheit daher, er triumphiert nicht, prangert aber auch keine historische Fehlentscheidung an. Er schaut hin und hört zu.
Wachsam und respektvoll
Den klugen Bildern von Kameramann Andrzej Krol kann man eine gewisse Melancholie nachsagen, ein Gespür für die emotionale Seite scheinbar seelenloser Technikorte, die für tausende Menschen wichtige Knotenpunkte des Lebens waren. Man kann in ihnen auch Respekt vor den Gesprächspartnern finden, gepaart aber mit großer Wachsamkeit. Kamera und Schnitt entgehen die kleinen Gesten und Seitenblicke nicht, sie forschen auch nach dem Ungesagten.
Das ehemalige Kernkraftwerk Greifswald wird hier gerade abgebaut. 16 Jahre war es in Betrieb, 1995 wurde mit dem Abriss begonnen. Der wird, wenn alles glatt läuft, insgesamt 33 Jahre dauern. Solche Informationen blendet Rau immer wieder mal, aber insgesamt sehr sparsam, als Textzeile ein. Das verändert die Deutung des zu Sehenden, aber es ist keine Heckenschützentaktik.
Verzicht auf Erregung
In „Atomkraft forever“ kommen vor allem Befürworter der Technologie aus verschiedenen Etagen des Atomstromkomplexes zu Wort. Keinesfalls ist dies ein Werbefilm für Kernkraft, aber Rau verzichtet auf den von zig Reportagen und Dokumentationen genutzten Effekt, dass erregte Gegner Emotion in die Bilder bringen. Die Risiken und Kosten der Kernkraft werden einem gerade dadurch deutlich, dass Rau besonnene Befürworter präsentiert und deren Mühen zeigt, mit den Abseiten dieser Stromproduktion fertig zu werden.
„Atomkraft forever“ lässt einen frisch hinschauen, wo man dachte, alles sei erschöpfend gesagt und gezeigt.
Atomkraft forever. ARD, Mittwoch, 22.15 Uhr. Bereits in der Mediathek des Senders.