Bücherwürmer, Papierfischchen, Nagerfraß – mitunter müssen auch Bücher und Dokumente einiges über sich ergehen lassen. Nur gut, dass die Stadt Nagold gewappnet ist. Doch in privaten Sammlungen sieht das mitunter anders aus.
Die städtische Archivarbeit, das historische Andenken der Stadt – eben alle Themen rund um die Stadt- und Regionalgeschichte liegen Nagolds OB Jürgen Großmann am Herzen. Wenn’s um die Historie geht, ist der OB jedenfalls im Regelfall präsent – und dementsprechend auch Stolz auf die Arbeit, die mittlerweile im Stadtarchiv geleistet wird.
Doch blickt Großmann auf all die privaten Bestände, die Sammlungen in Nagolder Haushalten oder auch zum Beispiel Vereinsarchive, dann schwindet die gute Laune. Denn der Feind jeden Archivguts hat es hier bedeutend einfacher. Schimmel zum Beispiel.
Und so nutzte Großmann die Gunst der Stunde: Der Tätigkeitsbericht des Stadtarchivs stand auf der Tagesordnung des Kulturausschusses, als Nagolds Stadtoberhaupt zum Appell ansetzte. Als „Botschaft des Abends“ bezeichnete er seine Worte.
Geht das Interesse verloren?
„Wir stellen immer wieder fest, dass historisch bedeutsames Archivgut privat gelagert wird“, sagte Großmann. Nicht immer geschehe das fachgerecht. Und nicht immer mit dem notwendigen Wissen. „Es besteht die Gefahr, dass von Generation zu Generation, das Interesse verloren geht“, sagte der OB. Grundsätzlich sei die Stadt gesprächsbereit und immer offen, sich mit solchen privaten Sammlungen und Archivmaterial zu beschäftigen.
„In den vergangenen Jahren hat das nicht in dem Ausmaß stattgefunden, wie das sinnvoll wäre“, merkte der OB weiter an. Man müsse nur mal auf dem eigenen Dachboden schauen. „Da verfällt das Zeug.“ Es gebe Schimmelarten, „die können Sie nicht sehen“. Im Nagolder Stadtarchiv seien solche Dinge oft viel besser aufgehoben, ist Großmann überzeugt.
„Jahrzehnte müssen aufgeholt werden“
Das galt womöglich nicht unbedingt für früher. Denn über viele Jahrzehnte führte die Archivarbeit bei der Stadt Nagold ein Schattendasein. Diese Zeiten sind nun aber vorbei. Nagold ging in die Vollen: Seit einem Jahr befindet sich das neue modern ausgestattete Stadtarchiv in den einstigen Räumen des Cap-Markts – und die seit etwa zwei Jahren angestellte Archivarin Claire Hölig ist emsig damit beschäftigt, das Archivgut Nagolds auf Vordermann zu bringen. „Jahrzehnte müssen da aufgeholt werden“, machte der OB deutlich – und lobte die Mitarbeiterin explizit: „Wir sind ganz begeistert von Ihrer Arbeit, und hoffen sehr, dass das Engagement auf diesem ganz hohen Niveau weiter anhält.“
Bücherwürmer, Papierfischchen und Nagerfraß – all das kam im Bericht der Stadtarchivarin wirklich vor. Und der Feind Nummer eins eines jeden Archivs natürlich auch: der Schimmel. Mit dem neuen Stadtarchiv ist Nagold nun gut aufgestellt – auch, um mit neu einzulagerndem Archivgut professionell umgehen zu können. Dafür gibt es einen extra Quarantäneraum. In dem werden neue Bestände vier Wochen untergebracht und beobachtet – erst dann geht es weiter in die Magazinräume. Auf dass man sich eben in den Archivbeständen ja nichts „einfängt“.
„Das gehört auch zum Gedächtnis einer Stadt“
Und wenn Material befallen ist, dann übernehmen Profis die Reinigung und Restaurierung. Schimmelbefall hat hier klar Vorrang vor zum Beispiel mechanischen Schäden. Beim Schimmel ist die Gefahr einfach akuter.
Claire Hölig berichtete von ihrer Arbeit in den vergangenen zwölf Monaten. Die Archive sämtlicher Ortsteile sind mittlerweile ins Stadtarchiv nach Nagold umgezogen und dort in einem der zwei Magazinräume fachgerecht untergebracht. Noch aus steht der Umzug der Magazinräume im Steinhaus ins Stadtarchiv. Einst seien die Bestände auf elf Räume in Nagold verteilt gewesen – in Zukunft sind es dann nur noch die zwei Magazinräume im Stadtarchiv. Zwei Ortsteilbestände mussten wegen eines aktiven Schimmelbefalls übrigens komplett von einer Fachfirma trockengereinigt werden.
Auch Claire Hölig bestätigte, dass sich der Bestand an „nichtamtlichem Archivgut“ noch sehr in Grenzen halte. „Aber das gehört auch zum Gedächtnis einer Stadt“, warb sie um Vertrauen und Kontaktaufnahme. Im vergangenen Jahr gab es 13 Schenkungen von privater Seite an das Stadtarchiv.
Zahlen zum Stadtarchiv
111 Menschen nutzten 2023 das Archivgut – bei 27 Prozent ging es um wissenschaftliche Forschung, 22 Prozent Ahnenforschung, elf Prozent Nachlassangelegenheiten und 27 Prozent war Amtshilfe oder intern. 67 Prozent der Nutzer waren Männer.
2150 laufende Regalmeter stehen in den zwei Magazinen zur Verfügung. 2023 wurden 480 laufende Meter Archivgut aus neun Magazinräumen in das neue Magazin 1 überführt – darunter alle Archivbestände der Ortsteile. 376 laufende Meter befinden sich noch im Steinhaus und folgen in diesem Jahr.