An einem vermeintlichen Nicht-Ort in Bad Cannstatt startete der Architekturnovember. Zum Auftakt gab es eine spannende Debatte zur Frage, ob mit der Rettung hässlicher Architektur die Welt besser wird.
Zum achten Mal findet der vom Bund Deutscher Architektinnen und Architekten Baden-Württemberg (BDA) initiierte Architekturnovember statt, mit zahlreichen Veranstaltungen und Diskussionen zum Thema Baukultur. Und weil der Architektur eine gewichtige gesamtgesellschaftliche Verantwortung zukommt, muss sie – um im Bild zu bleiben – ihre aufgebürdeten Traglasten seitens der Politik und Öffentlichkeit neu berechnen.
Frust oder Lust
Ein maßgeblicher dynamischer Faktor bei der Auslegung dieser sensiblen Statik ist der Klimawandel. Der Neubau von Gebäuden verursacht bekannterweise hohe CO2-Emissionen, also liegt es nahe, weniger abzureißen. Doch leichter gesagt als getan. Zum Auftakt des Veranstaltungsreigens lud der BDA zu einer Podiumsdiskussion unter der verheißungsvollen Titelfrage „Gebäudebestand: Last oder Lust?“.
Der Ort der Debatte war klug gewählt: die Schwabenbräu-Passage in Bad Cannstatt. In der Galerie Palermo waren die Sitzplätze schnell besetzt, die Vernissagen und Diskussionen des BDA haben Happening-Charakter, stoßen regelmäßig auf riesiges Interesse.
Aktive Kreativszene
Das Gebäudeensemble in der Bahnhofstraße steht sinnbildlich für die alternative Weiternutzung eines leer stehenden Baus. Nun haben sich zahlreiche Akteure der Kreativszene zusammengefunden, um mit Hilfe des jungen Stuttgarter Architekturbüros Studio Cross Scale ein Konzept für das Bespielen der verödeten Gewerbeflächen zu entwickeln. Mit Erfolg.
Sascha Bauer von Cross Scale stellte in einem Impulsvortrag die wechselvolle Nutzungsgeschichte der Passage vor, erinnerte an die insgesamt 94 Bauanträge für das Reanimierungsprojekt und das damit einhergehende zusätzliche Einbauen von fünf Türen, davon zwei Brandschutztüren, und fertig. „Bauen im Bestand“, sagte Sascha Bauer, „ist Aneignung und Akzeptanz, ist politisch inhomogen, ist multiple Autorenschaft.“
Schlimm fürs Auge, gut fürs Klima
Klingt erst einmal toll, doch leider ist es mit der Akzeptanz und der multiplen Autorenschaft so eine Sache. Hinter einem solchen Projekt steckt viel Arbeit, Kommunikation und Moderation. Doch was man am Ende sieht, das ist keine Signature-Architektur mit genialer Handschrift, sondern zwei Brandschutztüren und tolle Party-Räume mit ranzigem Linoleum-Boden. „Der sieht richtig scheiße aus, er erfüllt aber seinen Zweck“, sagte Bauer. Das ist zwar unästhetisch fürs Auge, aber umso schöner fürs Klima und die Leute.
Bloß: wie sieht es mit dem Honorar für die Planer aus und mit der Akzeptanz in der Gesellschaft? Ist das wirklich Architektur, mögen sich manche fragen. Ja, unbedingt, sagte Axel Humpert aus Zürich, der sich mit seinem Büro BHSF Architekten mit Umbauten in der Schweiz einen Namen gemacht hat. Zwei Beispiele hat er in Wort und Bild mitgebracht, geradezu spektakulär anmutende Sanierungen von Industrieanlagen und Bürobauten, die CO2 sparen und en passant neuen Wohnraum schaffen.
Gute Konstrukteure gesucht
Das Problem aber für die Zunft: Bauen im Bestand erfordert alte Tugenden, Kompetenz wird dringend gesucht. „Wir sind als Planer gefragt, wieder zu konstruieren“, sagte Axel Humpert. „Wie baue ich einen neuen Fensterflügel in einen alten Rahmen ein?“ Zudem müsse man als Architekt viel Zeit in die Berechnung der vorhandenen Grauen Energie stecken, um das Einsparpotenzial zu entdecken. „Wir müssen viel früher in den Planungsprozess einsteigen, der wiederum flexibler werden muss“, forderte Humpert auch von der Baupolitik. „Und diese Arbeit muss auch bezahlt werden.“
Keine Widerworte von Kai Fischer von der Abteilung Vermögen und Hochbau im baden-württembergischen Finanzministerium. Er ist Chef einer Behörde, die 7700 Landesgebäude verwaltet und für die Zukunft fit machen muss. Das Ziel: Bis 2030 soll die Landesverwaltung klimaneutral werden. Fischer, selbst Architekt, berichtete von einem „Wahnsinnsdruck“, sich mit dem Gebäudebestand zu beschäftigen.
Wunsch nach mehr Dialog
Seine Abteilung ist auch ein wichtiger Auftraggeber für Sanierungen und Umbauten. „Ab diesem Jahr vergeben wir in der Regel keine Aufträge mehr für Neubauten“, sagte Kai Fischer. Sein Wunsch: veränderte, stärker dialogbasierte Vergabeverfahren. Die Architekturbüros sollten früher in die Planung einbezogen werden, denn erst mit dem Dialog kämen auch mögliche alternative Nutzungsideen auf. Applaus im Publikum. Und nach diesem gelungenen Einstand konnte die Architekturparty einen Stock tiefer beginnen.