Bauhaus gibt es nicht nur in Stuttgart oder Weimar, sondern auch am Bodensee. Ein Beispiel ist das Gebäude des Zeppelin Museums in Friedrichshafen. Foto: i-b+Büro

Kleine Landpartie mit Wasserzugang gefällig? Für Architekturbegeisterte bietet sich ein Ausflug zur Bauhausarchitektur am Bodensee an. Unsere Rundfahrt führt an den schönsten Gebäuden vorbei – Stuttgarter Baumeister waren auch beteiligt.

Die Landlust der Städter nimmt im Sommer bekanntlich zu. Den architekturinteressierten Stadtmenschen, die es in die Sommerfrische zieht, denen sei eine Landpartie zum Bodensee empfohlen. Dort kann man auf den Spuren der Bauhaus-Meister und der Bauhaus-Architektur wandeln. Denn Bauhaus gibt es auch mit Seeblick.

 

Unsere Bauhaus-Route am Bodensee Foto: Yann Lange/Infografik STZN

Konstanz – auf den Spuren von Hermann Blomeier

Etwa in Konstanz, wo sich 1933 der aus dem Ruhrgebiet stammende Architekt Hermann Blomeier niederließ. Seine Ausbildung hatte er am Dessauer Bauhaus unter Mies van der Rohe erhalten. Ihm kommt eine besondere Rolle bei den städtebaulichen Maßnahmen der Nachkriegszeit zu.

So wurde etwa die Wessenbergschule in Konstanz in den 60er-Jahren unter seiner Leitung entworfen und gebaut. Sie gilt als herausragendes Beispiel der Nachkriegsmoderne am Bodensee und steht heute unter Denkmalschutz.

Der Pavillon des Fährhafens in Konstanz Foto: Stadt Konstanz Nathaniel Keeler

Doch besonders auf seine an der deutschen Bauhaus-Moderne orientierten Ländebauten der Fähre in Konstanz und Meersburg (1953) übertrug er die Formensprache des Bauhauses. Die in Stahlbeton-Skelettbauweise errichtete Randbebauung umfasst zum See hin ein pavillonartiges Café-Restaurant und daran landwärts anschließend Toiletten; ursprünglich auch einen Warteraum und eine „Milchstube“, wobei letztere heute als Imbiss und Kiosk betrieben wird.

Geradezu schwerelos wirkt das runde Haus mit den überstehenden Flachdach, Terrassen und dünnen Stützen. Von Stahl- und Aluminiumprofilen gerahmte Fensteröffnungen lassen den Übergang zwischen Wasser und Land nahtlos erscheinen.

Ein wohltuender Kontrast zur historischen Altstadt von Konstanz

Aber auch mit dem Ruderverein Neptun am Rheinufer (1956) in Konstanz sowie der Kreuzkirche in Allmannsdorf (1957) schuf er überregional beachtete Gebäude. Durch eine geometrische, puristische, offen gehaltene Architektur trug er zum modernen, transparenten Bild der Stadt bei und setzte markante Zeichen.

Viele seiner Gebäude, allen voran der Ruderverein Neptun, wurden jedoch später umgebaut. Sie haben ihren ursprünglichen Charme eingebüßt. Sehenswert sind die Gebäude dennoch – zumal sie einen schönen und wohltuenden Kontrast zur historischen Altstadt von Konstanz darstellen.

Gaienhofen – mit Dix zurück in die Neue Sachlichkeit

Das ehemalige Wohnhaus des Malers Otto Dix /Imago/Zoonar.com/u+h.eggenberger

Hat man Zeit und Lust auf einen Abstecher, fährt man von Konstanz aus weiter den Untersee entlang und gelangt über Radolfzell nach Gaienhofen-Hemmenhofen zum Haus Dix. Auch dort trifft man auf Spuren der Neuen Sachlichkeit und auf Stuttgarter Einflüsse am Bodensee – allerdings hier ausschließlich in Bezug auf die Bildende Kunst, nicht auf die Architektur.

Das Museum Haus Dix ist eine Einrichtung des Kunstmuseum Stuttgart. Im ehemaligen Wohnhaus der Familie von Otto Dix wird der Alltag einer Künstlerfamilie in der Nachkriegszeit erfahrbar. Ein Mediaguide führt die Besucherinnen und Besucher durch die Räume mit ihren Geschichten, entwickelt wurde er von dem Stuttgarter Florian Käppler, dem Leiter des Studiengangs Musikdesign der Hochschule Trossingen, zusammen mit seinen Studenten.

Der Umzug an den Bodensee im Jahr 1936 in Dixʼ Leben hatte auch Einfluss auf sein künstlerisches Schaffen: Waren es zuvor Themen wie Krieg oder die Großstadt, die sein Werk prägten, so widmete sich Dix in seinen Arbeiten zunehmend der Landschaft am Bodensee. Dennoch blieb er kritisch: „Ein schönes Paradies. Zum Kotzen schön. Ich müsste in die Großstadt! Ich stehe vor der Landschaft wie eine Kuh.“

Uttwill – das Weimar des Thurgaus

Am See entlang geht es dann in die Schweiz – derjenige, der es eiliger hat, kann freilich auch von Konstanz direkt gen Uttwil fahren. Dorthin zog der belgisch-flämische Architekt Henry van der Velde, der als Jugendstil-Künstler, aber auch als Vorreiter des Bauhaus gilt und der vor Walter Gropius Direktor der Hochschule in Weimar war.

Das Schlössli in Uttwil Foto: Creative Commons/Joachim Kohler

„Ich entdeckte das Dorf Uttwil und ein dort stehendes, altes, unbewohntes Patrizierhaus in einem herrlich verwilderten Garten, dessen hohe, mächtige Mauer unmittelbar an den See grenzte. Das Ganze war ein Traum, wie geschaffen für einen poetisch empfindenden Künstler, der für seine Familie mit fünf Kindern ein Obdach sucht!“ Van de Velde kaufte im Sommer 1918 das ehemalige Hotel Schloss bei der Schiffsanlegestelle. Hier zog er mit seiner Familie und fünf Kindern ein.

Traum von der Einheit von Kunst und Leben

Van de Velde plante „am schweizerischen Ufer des Bodensees eine Kolonie unabhängiger Künstler ins Leben zu rufen“. 1919 ist das Jahr, dem Uttwil letztlich den Ruf verdankt, das „Weimar des Thurgaus“ zu sein. Ein paar Monate lang blühte hier der Traum von der Einheit von Kunst und Leben.

Es kamen so viele Literaten, Musiker, Künstler nach Uttwil wie nie zuvor – und danach nie wieder. Darunter etwa Ernst Ludwig Kirchner, René Schickele, Carl Sternheim sowie Erika und Klaus Mann. Der Schriftsteller Norbert Jacques berichtete, in dem Haus waren „die Stühle derart auf Linie gebracht, statt auf Bequemlichkeit, dass wir bald dazu übergingen, uns neben sie auf den Fußboden zu setzen, um zuzuhören.“

Doch der Traum zerschlug sich wegen fehlender finanzieller Mittel. Heute ist die Villa, die van de Velde immer schlicht „Haus am See“ oder aber „Schlössli“ genannt hatte, in Privatbesitz und nicht öffentlich zugänglich. Allerdings kann man es von der Straße aus sehen. Die kulturelle Vergangenheit Uttwils lebt seit 2008 in den internationalen Meisterkursen wieder auf, die von engagierten Musikliebhabern jährlich durchgeführt werden - mit talentierten Schülern und herausragenden Künstlern.

Auf dem langen Anlegesteg der kleinen Gemeinde kann man die Mystik der alten Künstlergemeinde an manch nebeligen Tagen noch spüren. Dort entstand 1993 auch ein Schwarz-Weiß-Foto von Hiroshi Sugimoto vom Bodensee, das es auf ein Cover der Band U2 geschafft hat. Ein Besuch lohnt sich jedenfalls.

Friedrichshafen – weißer Koloss am Seeufer

Von Uttwil aus ist es nur ein Katzensprung nach Romanshorn, und von dort aus kann man mit der Autofähre nach Friedrichshafen übersetzen.

Das Zeppelin Museum in Friedrichshafen Foto: IMAGO / imagebroker/ /Wilfried Wirth

Schon wenn man in den Hafen einfährt, sticht einen der Hafenbahnhof, der 1996 zum Zeppelin Museum umgewidmet wurde, ins Auge. Diesen Bau hat der Stuttgarter Baurat Karl Hagenmayer konzipiert. Der weiße Koloss direkt am Seeufer, der in seiner Behäbigkeit dennoch seltsam filigran ist, ist ein Beispiel für die Baukultur der Neuen Sachlichkeit. Fertiggestellt wurde der Hafenbahnhof mit seinen langen Fensterbändern und der Terrasse und dem Uhrenturm im Jahr 1933. Er ist eine Stahlskelettkonstruktion mit Hohlsteinfüllung.

Im Zweiten Weltkrieg wurde der Hafenbahnhof schwer zerstört – und nach den alten Plänen wieder aufgebaut. 1988 verkaufte die Deutsche Bahn das Gebäude an die Stadt Friedrichshafen. Diese ließ es von 1993 bis 1996 zum Zeppelin Museum umbauen. Die Sanierung leitete das Architektenbüro Jauss + Gaupp aus Friedrichshafen.

Unsichtbare Brücke über den See

Im Inneren des Zeppelin Museums betonte das auf den Umbau und die Erweiterung historisch bedeutender Gebäude spezialisierte Architekturbüro hg Merz mit Standorten in Berlin und Stuttgart die Dimension und zugleich Schwerelosigkeit der Luftschiffe. So führt etwa der Nachbau eines Segments des Luftschiffes LZ 129 dem Besucher die gewaltigen Dimensionen der Zeppeline vor Augen, „schwebende Vitrinen“ bringen Leichtigkeit ins Spiel.

Meersburg – Fährverbindung modern interpretiert

Der Pavillon am Fährhafen in Meersburg. Foto: Andrea Jenewein

Nun geht es am See entlang wieder in Richtung Autobahn nach Stuttgart. Auf dem Weg sollte man jedoch keinesfalls den letzten Bauhaus-Seeblick links liegen lassen. In Meersburg gilt es Blomeiers Ländebau anzuschauen.

Er realisierte dort zwei kleine Gebäude: Einen runden Pavillon, dessen Terrasse in den See hinausragt. Und einen Unterstand als Warteraum, der den Höhenunterschied zur darüber liegenden Landstraße nach Unteruhldingen mit einer Treppe überbrückt und auch von Fahrgästen des Linienbusses benutzt werden kann. Die runden verglasten Pavillons im Bauhaus-Stil an den Fährhäfen von Konstanz und Meersburg symbolisieren nach der Idee von Blomeier die Brückenköpfe einer unsichtbaren Brücke über den See.