Der Bund deutscher Architekten (BDA) hat neun Bauten in Stuttgart und in der Region mit der renommierten Hugo-Häring-Auszeichnung 2023 gewürdigt. Welche Innovationen liegen beim „Kleinen Hugo“ im Trend? Ein Überblick.
Wenn sich beispielsweise zwei Architekten in einem Café angestrengt über einen gewissen Hugo unterhalten, dann ist nur selten der gleichnamige spritzige Longdrink gemeint. Sondern vielmehr Hugo Häring.
So hieß nämlich der 1882 in Biberach an der Riß geborene und 1958 in Göppingen gestorbene Architekt und, neben Hans Scharoun, wichtigste Vertreter des organischen Bauens in Deutschland, der wiederum Namenspate für den wichtigsten Architekturpreis in Baden-Württemberg ist: den Hugo-Häring-Preis.
Der Landesverband des Bundes Deutscher Architekten (BDA) vergibt den Preis alle drei Jahre. In Runde eins werden dabei die besten Bauten auf Kreisgruppenebene ausgezeichnet. Für diese Stufe hat sich der Name „Kleiner Hugo“ eingebürgert. Der „Große Hugo“, der im nächsten Jahr folgt, also 2024, prämiert dann unter diesen Preisträgern die Allerbesten im ganzen Land.
Schwieriges Grundstück
In der BDA-Kreisgruppe Stuttgart/Mittlerer Neckar hatte die fünfköpfige Jury, der auch die Redakteurin dieser Zeitung Nicole Golombek angehörte, diesmal über 94 Bauten zu befinden, vom Einfamilienhaus über Schulen bis zu Industriebauten und Geschäftshäusern. Neun Preise wurden unter dem Juryvorsitz der Berliner Architektin Bettina Kraus vergeben, wobei Stuttgart mit vier Projekten verhältnismäßig stark vertreten ist.
Zahlreiche Trends und Themen, die in den vergangenen Jahren die Architektenzunft intensiv beschäftigt hat, kann man in der Auswahl wiederfinden. Die Frage etwa, wie Nachverdichtung in einer Stadt wie Stuttgart mit ihrer herausfordernden Topografie beispielhaft gelingen kann, lässt sich an einem Haus für zwei Familien studieren.
Auf einem schwer bebaubaren Restgrundstück mit extremer Hanglage und dazu noch an einer kurvenreichen Straße im Osten gelegen, trotzt dieses eindrucksvoll geschnittene Haus allen Widrigkeiten und Vorurteilen. Der Grundriss ist spannend, die Aussicht wunderbar. Entworfen haben den Bau HIIIS Harder Stumpfl Schramm mit Sebastian Wockenfuss.
Die Erkenntnis, dass der öffentliche Raum auch von ästhetisch ansprechenden Nutzbauten profitiert, motiviert Architekturbüros immer öfter, auch scheinbar reizlose Projekte mit großem Engagement anzugehen. Der Betriebshof in der Deckerstraße in Bad Cannstatt von asp Architekten ist in vielerlei Hinsicht interessant. Die Bauaufgabe bestand darin, Bestehendes nicht abzureißen, sondern umzubauen und zu ergänzen, das einstige Tiefbauamt fit zu machen für die Zukunft als Garten- und Friedhofsamt.
Dafür wurde, um den Lärm für das angrenzende Wohnviertel zu minimieren, eine nutzbare Gartenmauer errichtet. Und der massive Sockel für den darüberliegenden Holzbau stammt aus Recyclingbeton, was besonders hervorzuheben ist, schließlich ist der deutsche Markt für wiederwendbare Baustoffe noch überschaubar.
Architekturbüros müssen heutzutage, wenn sie sich vom Durchschnitt ihrer Profession abheben wollen, auf komplexe ökonomische wie ökologische Anforderungen adäquat reagieren und Neues wagen. Neben dem viel diskutierten Bauen im Bestand, das für die Umwelt fast immer besser ist als ein Neubau, können aber auch Neubauten ökologisch und nachhaltig sein, wenn sie etwa aus Holz gefertigt werden.
Dafür braucht es Know-how, Fachkräfte also und mutige Bauherrschaften. Die neue Landesanstalt für Bienenkunde in Stuttgart Hohenheim war so ein Pionierprojekt des Landes Baden-Württemberg: erstmals sollte ein Institutsgebäude mit Forschungseinheiten komplett als Holzbau erstellt werden. Dafür gab’s kürzlich bereits die Auszeichnung „Beispielhaftes Bauen“ der Architektenkammer Baden-Württemberg.
Mit dem prestigeträchtigen Vorhaben wurden Lanz Schwager Architekten aus Konstanz betraut. Mit Erfolg, wie die Jury nun würdigte. Besonders innovativ ist die Konzeption eines Laborgebäudes als Holz-Hybridbau. Die Decken wurden dabei als Holz-Stahlbeton-Verbunddecken ausgebildet.
„Subtile Details, hölzerne Oberflächen und robuste Materialien lassen das Gebäude mit Sicherheit gut altern und tragen zur lebendigen und einladenden Atmosphäre des Hauses bei“, urteilte die Jury.
Der erwähnte Holz-Hybridbau scheint in diesen krisenhaften Zeiten ein probates Konstruktionsprinzip für nachhaltige und dennoch – bei aller Material- und Finanzierungsnot – bezahlbare Neubauten zu sein, die gleichsam ästhetisch überzeugen können.
Das gilt für die Grundschule Fuchshofstraße in Ludwigsburg, welches Von M Architekten aus Stuttgart projektierten genauso wie für die von Franke Seiffert Architekten konzipierte „Kita zwischen Bäumen“ in Böblingen. Und nicht zuletzt überzeugte in ähnlicher Weise der Neubau der Kaltensteinhalle in Vaihingen an der Enz, der von Dietrich Untertrifaller Architekten als kompakter, funktionaler und sehr wirtschaftlicher Sporthallenbau in Holzelementbauweise konzipiert worden ist.
Einbeziehung der Umgebung
Diese drei Gewinnerbüros zeigen exemplarisch, wie man den Jury-Würdigungen entnimmt, dass Architektur immer dann gut ist, wenn sie die unmittelbare Umgebung respektvoll miteinbezieht, was man auch von der Grundschule im Herrenberger Stadtteil Haslach behaupten darf.
Das Büro Drei Architekten fügte in direkter Nachbarschaft zu Streuobstwiesen, einem Kindergarten und einem Wohnquartier einen zweigeschossigen multifunktionalen Neubau ein. „Die Maßstäblichkeit der benachbarten Wohnbebauung wird durch die mehrgiebelige Satteldachform geschickt weitergeführt“, betonte die Jury.
Auch beim Wohn- und Werkhaus Weilerstraße (CAPE Binder Hillnhütter Deisinger mit Schleicher Ragaller Architekten) stellt sich die Frage nach dem rechten Maß, wie man „im ländlichen Raum nachverdichteten und zeitgemäßen Wohnraum schaffen kann, ohne den dörflichen Maßstab zu sprengen“. Architektur soll den Menschen diesen, nicht umgekehrt. In diesem Fall entstanden auf dem Grundstück, das früher ein Wohnhaus samt Scheune beherbergte, sechs unterschiedlich große Wohneinheiten sowie ein Nebengebäude als Gemeinschaftsraum.
Gut möglich, dass die Wohngemeinschaft das Lebensmodell der Zukunft ist, und das nicht nur in der Stadt und bei jungen Leuten. In Schwaikheim wäre man, wie es ausschaut, darauf gut vorbereitet.
Maßvoller Ressourcenverbrauch
Beim diesjährigen Hugo-Häring-Preis wurden neben den fachlichen Qualitäten der Planungsbüros auch maßvolles Haushalten mit den Ressourcen und eine gewisse Bescheidenheit in der Außenwirkung prämiert.
Ein wenig aus diesem Rahmen fällt der Juryentscheid für den Neubau des Verwaltungsbüros der Bauunternehmung Gustav Epple von a + r Architekten im Gewerbegebiet von Stuttgart-Degerloch. Ein kraftvoller, vor Selbstbewusstsein strotzender, aber dennoch sehr elegant geschwungener Baukörper aus einer Sichtbetonkonstruktion aus Dämmbeton.
Insgesamt lässt sich an der diesjährigen Auswahl der Hugo-Gewinner schön ablesen, welche gesellschaftspolitische Verantwortung innovativer Architektur zukommt – und wo es Nachholbedarf gibt.
Dass immer mehr Holz und immer weniger Beton verbaut wird, ist lobenswert. Dass das Thema Bauen im Bestand sowie der Einsatz von rezykliertem und rezyklierbarem Material noch – um im Jargon zu bleiben – stark ausbaufähig ist, wundert nicht, wer die Branche besser kennt. Vieles ist neu, noch mehr im Umbruch. Die hohe Qualität der Hugo-Häring-Preisträger macht Hoffnung, dass die Krisen dieser Tage die Architektinnen und Architekten nicht entmutigen werden.
Info
Preis
Der Bund Deutscher Architektinnen und Architekten BDA Stuttgart – Mittlerer Neckar prämierte neun neue Bauwerke in den Landkreisen Stuttgart, Ludwigsburg, Böblingen und im Rems-Murr-Kreis mit einer Hugo-Häring-Auszeichnung 2023.
Auszeichnung und Ausstellung
Die Preise werden am 26. Oktober im Rahmen der Auftaktveranstaltung des Architekturnovembers in der Schwabenbräu-Passage in Stuttgart-Bad Cannstatt verliehen. Alle eingereichten Bauten werden vom 27. Oktober bis 11. November im BDA Wechselraum ausgestellt. Insgesamt wurden 94 Bauten zum Auszeichnungsverfahren 2023 im BDA Stuttgart Mittlerer Neckar eingereicht.
Großer Hugo
Die jetzt prämierten neun Gebäude nehmen im Folgejahr am Auswahlverfahren zum Hugo-Häring-Landespreis teil, dem sogenannten Großen Hugo. Der Bund Deutscher Architektinnen und Architekten BDA Baden-Württemberg verleiht seit 1969 im Abstand von drei Jahren den Hugo-Häring-Preis für vorbildliche Bauwerke in Baden-Württemberg.