In Balingen und Umgebung bleiben am Mittwoch die meisten Apotheken zu, weil Inhaber und Angestellte gegen ihre Arbeitsbedingungen demonstrieren.
Die Apotheker, auch im Zollernalbkreis, gehen auf die Barrikaden. Genauer genommen zur Zentralkundgebung nach Stuttgart, um auf ihre prekäre Lage aufmerksam zu machen. Deswegen bleiben am Mittwoch die meisten Apotheken in Balingen und Umgebung geschlossen.
Ende März sank die Zahl der Apotheken in Deutschland auf weniger 18 000 – der niedrigste Stand seit mehr als 40 Jahren. Ein Grund dafür ist, dass das für Apotheken lebenswichtige Fixum für die Arzneimittelabgabe länger als ein Jahrzehnt nicht mehr erhöht und im Februar sogar noch gekürzt wurde. Unter dem Fixum versteht man das Honorar, dass die Apotheken anteilig am Preis des Arzneimittels erhalten. Je teurer das Medikament war, desto mehr wurde daran verdient.
Weniger Einnahmen, mehr Kosten
Dem wollte der Gesetzgeber entgegensteuern und hat 2004 ein Fixum von 8,10 Euro brutto pro verschreibungspflichtigem Arzneimittel festgelegt, damit die Apotheken ihren gesetzlichen Auftrag der ordnungsgemäßen Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln sicherstellen können. Doch parallel dazu sind die Kosten für die Apotheker immer größer geworden.
Die aktuellen Pläne des Gesundheitsministeriums laufen zudem auf Pseudo-Apotheken hinaus, ohne Apothekerinnen und Apotheker, ohne Rezepturen zur Herstellung von Medikamenten und ohne Nacht- und Notdienst.
Not und Frust werden größer
Dagegen wehren sich nun die Apotheker. „Die Not wird größer und der Frust auch“, sagte Nina Müller, die mit ihrem Mann zusammen die Stadt-Apotheke in Balingen und die Obere Apotheke in Haigerloch betreibt. Sie hatte sich zusammen mit dem Bisinger Apotheker Johannes Ertelt und Caspar Spindler, dem Inhaber der Bären-Apotheke in Frommern und der Stadt-Apotheke in Schömberg, mit dem CDU-Bundestagsabgeordneten Thomas Bareiß getroffen.
Die Apothekenlandschaft wird ausgedünnt
„Wir sind diejenigen, die jeden Tag an den Menschen dran sind“, machte Ertelt klar und betonte: „Es geht nicht nur darum, Packungen rüberzuschieben, sondern auch zu beraten.“ Apotheker sind für ihn die klassischen Vertreter des Mittelstands. Die Ausdünnung der Apothekenlandschaft sieht er als verheerend an. „Jede Apotheke die zumacht, wird nicht wieder aufgemacht“, ist er sich sicher.
„Ich habe immer dafür gekämpft, dass nicht alle Medikamente im Versandhandel verkauft werden“, hob Bareiß hervor. Und schob zum Thema Apothekenversorgung nach: „Wir haben schon mehrfach Anfragen an die Bundesregierung gestellt.“ Caspar Spindler hielt entgegen: „Für die Politik gibt es doch kein besseres System als ein sich selbst ausbeutender Betrieb.“
Doppelt so hohe Personalkosten
Denn die Personalkosten seien in den vergangenen Jahren um 50 Prozent gestiegen, informierte Nina Müller. Auch die Kosten für Telefon, Internet, Strom, EC, Ausstattung für E-Rezepte und mehr seien stark gewachsen. „Mit einem Einkommen wie vor 20 Jahren lässt sich das alles nicht mehr stemmen. 90 Prozent aller 160 000 Angestellten in deutschen Apotheken sind Frauen, oft mit Kindern und Familien. Diesen bieten die Apotheken wohnortnahe, familienfreundliche und flexible Arbeitsplätze“, sagte Müller.
Hinzu kommt, dass die Apotheken immer mehr Aufgaben übernehmen müssen, insbesondere das Management der verheerenden Lieferengpässe. „Das Lieferengpassmanagement verursacht in den Apotheken Kosten von 600 Millionen Euro pro Jahr. Und Herr Lauterbach speist uns hier mit 50 Cent ab, was einer Summe von zehn Millionen Euro entspricht,“ rechnete Nina Müller vor.
Es fehlt die Anerkennung der Politik
Deswegen gehen die Apotheker am Mittwoch in Stuttgart auf die Straße. Sie betonen jedoch, dass darunter auf keinen Fall die Patienten leiden sollen. Die würden Verständnis für ihre Apotheker zeigen. „Wir haben eine hohe Anerkennung in der Bevölkerung, aber keine in der Politik“, lautet das bittere Fazit von Johannes Ertelt.