Dass politische und militärische Schwäche Aggressoren geradezu einlädt, war vor 2500 Jahren bereits dem Historiker Thukydides bewusst. Mit dem Melierdialog, in dem sich die Großmacht Athen auf das Recht des Stärkeren beruft, schuf er ein zeitloses Dokument rücksichtsloser Machtpolitik.
Es sind nicht immer autoritäre Regime, die das Recht mit Füßen treten. Im Frühjahr 416 vor Christus überfiel das demokratische Athen mit seiner Flotte den kleinen Inselstaat Melos in der südwestlichen Ägäis, um diesen in sein Seereich einzugliedern. Als die Melier sich weigerten, zu kapitulieren, eroberten die Athener Melos, schleiften seine Mauern, töteten alle Männer und versklavten die Frauen und Kinder.
Der griechische Historiker Thukydides, der als Vater einer um Objektivität bemühten Geschichtsschreibung gilt, hat diesen Vorgang in seinem Werk über den Peloponnesischen Krieg (431–404 vor Christus) beschrieben. Im Melierdialog, einer fiktiven Verhandlung, den die Gesandten Athens mit dem Stadtrat von Melos führten, schildert er das zynische Machtkalkül, mit dem sich die Athener auf das Recht des Stärkeren beriefen.
Moral und Recht scheren Athen nicht
Die Melier, vor die Wahl gestellt zwischen freiwilliger Unterwerfung und gewaltsamer Eroberung, versuchen verzweifelt, sich der Hegemonie Athens zu erwehren. Sie berufen sich auf Moral und Recht und erinnern die Athener daran, dass es keine Garantie für den Starken gebe, dass seine Macht und Stärke von Dauer seien.
Die Athener wiederum begründen in bester machiavellistischer Manier ihre Hegemonie mit dem Recht des Stärkeren. Dieses sei ein Naturgesetz, rechtlich bindende Vereinbarungen könne es nur unter Gleichstarken geben, Schwächere müssen sich dem Stärken unterwerfen – basta! Moralische und rechtliche Fragen sind für sie irrelevant.
Abwehrkampf gegen die Perser
Dieses Ereignis ist nur eine Episode des Krieges, in dem Athen und Sparta um die Hegemonie in Griechenland kämpften. Doch es gilt seitdem als Paradebeispiel zynischen Machtdenkens. Wie konnte es dazu kommen, dass man in Athen das demokratische Ideal der Bürgerfreiheit hochhielt, es außerhalb Attikas aber mit Füßen trat?
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Mythos Marathon
Zu Beginn des 5. Jahrhunderts vor Christus überfielen die Perser das griechische Festland. Den Athenern, die bei Marathon und Salamis einen großen Beitrag zum Erfolg der Hellenen leisteten, trugen die Griechen 478 vor Christus die Führung des weiteren Abwehrkampfs zur Befreiung der kleinasiatischen Griechenstädte an. Die Geburtsstunde des Delisch-Attischen Seebunds, der Athen groß und seine Bewohner zu Herren der Ägäis machte.
Flotte sichert Athens Hegemonie
Jeder der rund 150 Bundesgenossen, meist kleinere Poleis und Inseln, gab Schiffe oder Geld, die meisten Letzteres, und so flossen jährlich 460 Talente, rund zwölf Tonnen Silber, in die gemeinsame Bundeskasse auf der Insel Delos, die von athenischen Schatzmeistern verwaltet wurde. Derart üppig ausgestattet baute Athen eine Flotte auf, die binnen weniger Jahre die Griechenstädte im Westen Kleinasiens von den Persern befreite. Und die freilich nicht aufgelöst wurde.
Vielmehr nutzte Athen fortan die Flotte als Herrschaftsinstrument, um seine eigenen Ambitionen durchzusetzen. Es gründete Militärkolonien, kontrollierte die Durchfahrt zum Schwarzen Meer und damit die Getreideexporte von der Krim, expandierte und intervenierte – auf Kosten der Bundesgenossen, die per Eid geschworen hatten, „auf ewig“ der antipersischen Allianz anzugehören.
Wer nicht spurt, wird vernichtet
Nach der Vertreibung der Perser von den Küsten der Ägäis um 460 vor Christus beherrschte Athen das östliche Mittelmeer, sein Seebund war zum maritimen Reich geworden, die Stadt in Attika seine Hegemonialmacht. Der Seebund hatte sich von einer Kampfgemeinschaft gleichberechtigter Partnerstaaten in eine Herrschaft Athens über einen Großteil der griechischen Poliswelt verwandelt. Aus Verbündeten waren Unterworfene geworden, willenlose Satelliten der athenischen Hegemonialmacht.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Antike Waffentechnik – Elefanten statt Panzer
Deren Zwangscharakter zeigte sich immer dann besonders deutlich, wenn einzelne Bundesgenossen von Athen abfielen. Wer wie Naxos, Thasos, Samos und Mytilene meinte, das Bündnis verlassen zu können, dem drohte die militärische Niederwerfung, im schlimmsten Fall die physische Vernichtung. Kleon, damals der führende Politiker Athens und ein militärischer Hardliner, gab den Ton vor: „So straft sie, wie sie es verdient haben, und stellt für die anderen Verbündeten ein klares Beispiel auf, dass auf Abfall Tod steht.“
Imperiale Gier treibt Athen
Für Thukydides resultierte Athens ungezügelter Herrschaftsanspruch aus einer unstillbaren Sucht nach mehr. Und er entlarvte die dahinter stehende Gesinnung: „Denn so ist Menschennatur allezeit: zu unterwerfen, was nachgibt.“ Zu Athens imperialer Gier gesellte sich eine „Radikalisierung“ im Innern.
Die direkte Demokratie – jeder Bürger hatte die gleiche Chance auf Teilhabe an der Politik, ein Losverfahren ersetzte Wahlen, Diäten ermöglichten jedem die Übernahme von Ämtern – bot Raum für die Entfaltung von Demagogen, die sich zu Wortführern einer laut Platon „wankelmütigen Masse“ aufschwangen.
Demokratie ist anfällig für Demagogen
Der Seebund, Grundlage des Wohlstands und der Machtstellung Athens, verbesserte die Lebenssituation vieler seiner Bürger, vor allem der Theten, grundbesitzlose Lohnempfänger, die mit ihrer Muskelkraft die Flotte antrieben – und das Gros der Wählerschaft stellten. Sie waren die Hauptprofiteure von Athens Machtstellung.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Mit Stierhoden zum Sieg
Wer ihre Stimmen wollte, musste ihnen nach dem Mund reden. Politik wurde zum Selbstzweck von Interessengruppen, die Demokratie anfällig für Manipulation durch Demagogen, die ihr politisches Schicksal mit dem Krieg verbanden.
Nackte Gewalt als politische Maxime
Melos, gerade einmal 160 Quadratkilometer groß und mit einer Bevölkerung von 1500 Einwohnern, wurde Opfer einer immer unberechenbarer und aggressiver auftretenden Großmacht, die im Vertrauen auf die eigene militärische Stärke ihre Muskeln spielen ließ und nackte Gewalt zur politischen Maxime erhob.
Für das demokratische Athen, Hort der Bildung und Wissenschaft, war der Überfall auf Melos ein immenser Imageschaden und zugleich ein „Akt der Selbstzerstörung der Demokratie“, so der Bonner Althistoriker Wolfgang Will. Zehn Jahre nach dem Überfall zahlte Athen den Preis für seine imperialistische Unvernunft. Von Sparta besiegt sollte es nie wieder seine alte Größe und Stärke erlangen.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Genozid in Gallien