„Informiert, berät, unterstützt“, diesen Anspruch hat die Aids-Hilfe Schwarzwald-Baar-Heuberg sich in ihrem Steckbrief auf Facebook selbst auferlegt. Doch jetzt hat sich das Beratungszentrum offenbar in Luft aufgelöst.
Die Räumlichkeiten der Aids-Hilfe für den Bereich Schwarzwald-Baar-Heuberg in der Güterbahnhofstraße 11 in Villingen ist verlassen.
Der Banner „Aktionsbündnis gegen AIDS. Gesundheit kommt nicht von allein!“ ist längst abgehängt, die Poster sind aus dem schmalen Schaufenster neben der Eingangstüre verschwunden – vom Plakat, das die Stelle als einen von neun Checkpoints in Baden-Württemberg ausgewiesen hat, fehlt so gut wie jede Spur. War es das jetzt mit der Aids-Hilfe in der Region?
Ein Verdacht erhärtet sich
Egal auf welchem Weg man nach ihr sucht, der Verdacht erhärtet sich. Die Facebook-Seite „AIDS-Hilfe SBH e. V.“ existiert weiterhin. Das Gesundheitsnetzwerk Schwarzwald-Baar verweist auf die regionale Aids-Hilfe mit Sitz in Villingen – ebenso der Paritätische Baden-Württemberg, ein Wohlfahrtsverband, dem die Aids-Hilfe Schwarzwald-Baar-Heuberg noch bis Jahresende 2022 angehört hat. Wer auf Google sucht, stößt prompt auf zahlreiche Einträge, samt Telefonnummer und postalischer Adresse. Also alles wie immer?
Nein, denn im zweiten Schritt wird klar: All das führt zu nichts. Die Adresse ist von der Aids-Hilfe verlassen worden. Beide aufzufindenden Telefonnummern führen ins Leere. Und spätestens beim Klick auf die Homepage unter www.aids-hilfe-sbh.de wird klar: Hier stimmt etwas nicht.
Geldsorgen sind ein offenes Geheimnis
„Ich glaube, die haben sich aufgelöst, weil es finanziell nicht mehr ging“, sagt eine Anliegerin der verlassenen Räumlichkeiten in der Villinger Güterbahnhofstraße. Und in der Tat ist es ein offenes Geheimnis, dass die Aids-Hilfe seit Jahren mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. „Offenbar versucht man, uns von allen Geldeinnahmequellen fernzuhalten“, es war 2013, als Bernd Ayasse von der Aids-Hilfe Schwarzwald-Baar-Heuberg dieses Fazit gezogen hat, weil die Stadtverwaltung Villingen-Schwenningen dem Gemeinderat empfohlen hatte, einen Zuschussantrag der Aids-Hilfe abzulehnen.
Viel geändert hat sich im Ringen um Geld und Anerkennung im Lauf der Jahre nicht. Immer wieder schien das Ende nahe. 2017 etwa gab Ayasse, dann schon Vorsitzender der Aids-Hilfe, frank und frei zu: „Wir wären fast vor die Hunde gegangen“ – ein Großauftrag der österreichischen Fluggesellschaft Austrian Airlines für das Basteln von 5000 Red Ribbon Schleifen für deren Belegschaft hat das Ruder gerade noch einmal herumgerissen. Dann wurde die regionale Aids-Hilfe auch noch zu einem von damals nur neun Checkpoints in Baden-Württemberg auserkoren, der Schnelltests für HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen wie Tripper oder Syphilis durchführen durfte. Bernd Ayasse frohlockte. Man stehe so gut da wie noch nie, könne sogar zwei Mitarbeiterinnen beschäftigen. Erst kurz zuvor hatte man mit der Güterbahnhofstraße 11 in Villingen neue, repräsentative Räumlichkeiten bezogen, wo sogar an vier Tagen pro Woche Sprechzeit war und jeden ersten Samstag im Monat ein offener Brunch geplant war. Selbst eine ärztliche Betreuung war gewährleistet – eine Ärztin und eine Sexualtherapeutin stießen 2017 dazu.
Ein Hoch von kurzer Dauer
Aber auch dieses Hoch war von kurzer Dauer. 2018, auch der zwölfte Zuschussantrag beim Landkreis Schwarzwald-Baar war gerade abgeschmettert worden, konnte man nur mit Hilfe eines Crowdfunding-Projekts die benötigten 5000 Euro für sexualpädagogische Aufklärungsarbeit an Schulen und den Ausbau des Checkpoints für die neuesten Erfordernisse stemmen. Im Stillen arbeitete die Aids-Hilfe weiter – Test-Abende fanden statt, während der Corona-Pandemie 2020 freute man sich über eine Förderung der Hannchen-Mehrzweck-Stiftung sowie die Spende von Schutzmasken durch eine Triberger Firma, damit die Test-Arbeit gemäß der dann geltenden Regeln stattfinden konnte. 2021 bedauerten die beim regionalen Verein Tätigen auf Facebook, kein Mitglied der Deutschen Aids-Hilfe zu sein.
Anfang November widmete man sich ein letztes Mal auf Facebook öffentlich der Arbeit mit einem Fragebogen für Patienten mit HIV-Infektion aus der Ukraine – dann verstummte der Kanal plötzlich und fristet seither ein stiefmütterliches Dasein.
Zuletzt gab es Pläne über die Region hinaus
Im Vereinsregister des Amtsgerichts Freiburg gelistet ist der Verein Aids-Hilfe Schwarzwald-Baar-Heuberg noch immer – die letzte Änderung im Vereinsregister soll am 12. Februar 2006 erfolgt sein. Und laut Firmenregister im Internet hatte man sogar noch große Pläne: „Das Tätigkeitsgebiet umfasst den Bereich Schwarzwald-Baar-Heuberg (die Kreise Schwarzwald-Baar, Rottweil und Tuttlingen), für die Zukunft ist auch die Einbeziehung der Kreise Freudenstadt und Sigmaringen geplant“, heißt es dort.
Ob sich diese Pläne komplett zerschlagen haben, ist nicht bekannt. Und auch eine offizielle Erklärung über ein mögliches Ende oder Ruhen der Geschäfte ist bis dato nicht erfolgt – Bernd Ayasse erklärte auf Nachfrage: „Wir haben die Räumlichkeiten zum 31. Dezember 2022 geschlossen und die Beratung beendet.“ Darüber hinaus ließ er wissen, dass eine Betreuung zum Teil noch mit laufenden Fällen stattfinde, der Verein existiere noch, werde jedoch abgewickelt.
Unterdessen reibt man sich selbst im Landratsamt Schwarzwald-Baar verwundert die Augen: Gibt es die Aids-Hilfe noch? Operativ oder nur auf dem Papier? Immerhin: Zuschüsse des Landkreises erhält sie ohnehin nicht, solche könnten also aktuell auch nicht ins Leere laufen. Und was die eigentlich Betroffenen anbelangt: Wer Beratung sucht oder beispielsweise einen anonymen HIV-Schnelltest vornehmen lassen möchte, der muss sich dazu aktuell offenbar an das Gesundheitsamt im Schwarzwald-Baar-Kreis wenden.
Der Verein
Die Aids-Hilfe Schwarzwald-Baar-Heuberg
Der Verein engagiert sich im Bereich AIDS/HIV Prävention, Beratung, Unterstützung und Information. Es werden Schulungen und Fortbildungen, auch in eigener Regie, mit Fachreferenten für alle im Bereich HIV/Aids tätigen Berufsgruppen und Multiplikatoren organisiert. Das Tätigkeitsgebiet umfasst den Bereich Schwarzwald-Baar-Heuberg (die Kreise Schwarzwald-Baar, Rottweil und Tuttlingen) für die Zukunft ist auch die Einbeziehung der Kreise Freudenstadt und Sigmaringen geplant.