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Aichhalden Soldaten bewachen Scheinanlage permanent

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Die Soldaten Schmid aus Wurmlingen (von links), Gardmann (Herkunft unbekannt) und Kramer aus Wien bewachten die Scheinanlage rund um die Uhr. Foto: Schwarzwälder Bote

Zwischen der Eschach und dem "Bühlenwald" hat es während des Zweiten Weltkriegs eine fabrikähnliche Scheinanlage gegeben, die die Rüstungsfirma Mauser in Oberndorf vor einer Bombardierung bewahren sollte.

Aichhalden. Wie andernorts gibt es auch in Aichhalden nur noch wenige lebende Zeitzeugen, die über bedeutende Ereignisse des Zweiten Weltkriegs aus ihrem Heimatort berichten können, die bereits fast in Vergessenheit geraten sind. Obwohl damals noch Kinder, erinnern sich die vom Gewann Bühlen stammenden Brüder Hermann (89 Jahre alt) und Adolf King (83 Jahre alt) noch genau daran, dass am Waldrand westlich der Eschach gegenüber dem Flugplatz Winzeln eine dreireihige, circa 350 Meter lange Markierungsanlage auf einer Fläche von rund zwei Hektar aufgebaut war. Sie sollte eine Kopie der Rüstungsfirma Mauser in Oberndorf darstellen und war mit zwei Holzhäuschen und rund 250 bis 300 Lichtquellen ausgestattet. Die Scheinanlage verfolgte das Ziel, die Alliierten bei ihren nächtlichen Luftangriffen so zu irritieren, dass sie ihre Bomben auf diese Attrappe abwarfen und nicht auf die Mauserwerke.

Wie Hermann und Adolf King übereinstimmend erzählen, wurde die zwischen 1942 und 1943 von der Wehrmacht aufgebaute Scheinanlage von drei Soldaten rund um die Uhr bewacht. Sie campierten in einer Baracke im nahen Wald – die Stelle ist heute noch als Aufschüttung zu sehen – und hatten außerdem einen Unterstand im Boden. Die Familien der Soldaten Kramer aus Wien und Schmid aus Wurmlingen wohnten zeitweise im Elternhaus der King-Brüder.

Sirenen gehen früher los

Anfang Dezember 1944 seien die ersten Bomben in der Nähe der Markierungsanlage auf der "Speckwiese" (Gemarkung Winzeln) eingeschlagen. Daraufhin hätten die Soldaten die zwei in der Scheinanlage vorhandenen Häuschen in Brand gesetzt, um den Alliierten glaubhaft zu machen, der Bombenabwurf sei erfolgreich gewesen.

"Tagsüber sind Scharen von Leuten, überwiegend Frauen und Schüler aus dem Ort und benachbarten Gemeinden, zur Anlage gepilgert, um nach Bombentrichtern zu suchen", schildern die Brüder. Nach ihrer Einschätzung hatte die Attrappe nicht viel bewirkt, obwohl die Firma Mauser weitgehend unversehrt geblieben war. Sie hatte jedoch, wie übrigens auch die Firma Junghans in Schramberg, die Produktion für Rüstungsteile frühzeitig ins naheliegende Gebirge verlegt.

Nach Kriegsende wurde die Markierungsanlage wieder abgebaut. Durch sie waren die damals rund 40 Bewohner in der Bühlen besonders gefährdet, weshalb für sie ein Bunker hinter dem Anwesen King gebaut wurde. "Bei dem Bunkerbau haben wir als Kinder den Arbeitern oft zugesehen. Bühlen hatte eine eigene Sirene, die meist früher los ging als im Dorf", erinnern sich die Brüder. Der Bunker verfügte über drei große Räume und zwei Eingänge und hätte bis zu 70 Personen Platz bieten können. Neben dem Bunker habe es einen Quellschacht gegeben, dort hätten Leute aus dem Dorf alles, was mit dem Nationalsozialismus zu tun gehabt habe, hineingeworfen. Da man zu dieser Zeit kaum etwas zum Anziehen gehabt habe, seien aus dortigen Hitlerfahnen und Kriegsuniformen Kleider geschneidert worden.

Auf diese Weise habe er für seinen Weißen Sonntag einen Anzug erhalten. "Der Bunker stand noch, als ich am 4. Juni 1962 geheiratet habe. Ein Gespräch mit Altbürgermeister Reinhold Kühner hat ergeben, dass er nach Amtsantritt im Jahre 1964 diesen Bunker noch besichtigt hatte. Wir wissen aber nicht mehr, wann er gesprengt und zurückgebaut wurde", räumt Adolf King ein und wundert sich sehr, weshalb in der Aichhalder Chronik im Archiv des Rathauses Aichhalden keine Informationen zu dem Bunker und der Markierungsanlage vorhanden sind.

Erst im vergangenen Jahr entdeckte Hermann King bei einem Spaziergang über die Felder hinter seinem Haus ein etwa ein mal ein Meter großes und circa 1,5 Meter tiefes Loch. "Das sind immer noch Setzungen von dem Bunker, der nicht ordnungsgemäß zurückgebaut und zugeschüttet wurde", ist Hermann King überzeugt.

Weitere Zeitzeugen der Scheinanlage und des Bunkers dürfen sich gerne an die Brüder King oder den Autoren dieses Berichts wenden.

Im Zweiten Weltkrieg inszenierten die Nazis unter größter Geheimhaltung unzählige falsche Fabriken und Bahnhöfe mit dem Ziel, die Aufmerksamkeit der Bomber der Alliierten abzulenken. Die Anlagen wurden aufwendig betrieben und rund um die Uhr bewacht. Erst das mobile Aufklärungsradar enttarnte diese Attrappen und machte sie wertlos. Als die deutsche Luftwaffe die Scheinanlagen aufgab, verschwanden sie so schnell und unauffällig, wie sie entstanden waren. Dadurch gerieten viele in Vergessenheit.

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