Reinhard Hauber blickt auf seine Nagolder Zeit zurück.  Foto: Kunert Foto: Schwarzwälder Bote

Sein letztes Jahr als Pfarrer auf der zweiten Pfarrstelle an der

Sein letztes Jahr als Pfarrer auf der zweiten Pfarrstelle an der Nagolder Stadtkirche hatte sich Reinhard Hauber schon etwas anders vorgestellt – Corona sei eine große Herausforderung, aber auch Belastung. Am 1. Mai beginnt für ihn der Ruhestand, der Abschied erfolgt aber schon Ende März.

Nagold. Es ist ein ruhiger, sonniger Wintertag. Reinhard Hauber empfängt die Besucher in seinem Pfarrbüro gleich neben der Stadtkirche – die er offensichtlich sehr gerne mag. "Die ist schon etwas ganz Besonderes, ein schöner Ort zum Arbeiten." Das Pfarrbüro – es zeigt viel Persönliches von Hauber. Die große Trommel zum Beispiel – die in Nagold aber weniger Anklang fand als vorher während Haubers Zeit in Stuttgart. Er werde sie wohl verkaufen. Dafür habe er hier das Aquarellmalen für sich entdeckt, auch sein Gitarrenspiel weiter entwickelt, dafür sogar Unterricht an der städtischen Musikschule genommen.

Als Arbeitsplatz mag Hauber sein Büro offensichtlich eher weniger. Er habe sich damals, 2011, sehr bewusst auf die Pfarrstelle hier beworben, weil sie schon ziemlich einmalig sei: Weniger Verwaltungs-Aufgaben als auf einer "normalen" Pfarrstelle, keine Geschäftsführung, weil diese Verantwortung dafür hier vor allem beim benachbarten Dekanat liegt. So habe er sich ganz auf den Pfarrdienst, die Seelsorge konzentrieren dürfen – die ihm stets am wichtigsten seien. Und Hauber spricht – mit einer Mischung aus Ehrfurcht und auch irgendwie kindlichem Erstaunen, was man wohl tiefe Demut nennen darf – von jenen Gemeindemitgliedern, die sich in der täglichen Arbeit ihm gegenüber geöffnet hätten. Sich mit ihren Sorgen, Nöten, auch nur Gedanken an ihn gewandt haben, um ihn zum Vertrauten und vor allem auch Ratgeber zu machen. Ja, auch Haubers tiefe Dankbarkeit für dieses manchmal über die Jahre gewachsene, intensive Vertrauensverhältnis zu manchen Nagoldern darf nicht unerwähnt bleiben.

Der Start damals, hier in Nagold – der sei schon optimal gewesen: Die Landesgartenschau. Nagold von seiner ultimativ schönsten Seite. "Motivierend fand ich das Projekt der ›Wachsenden Kirche‹ und die gute Zusammenarbeit zwischen evangelischer, evangelisch-methodistischer und katholischer Kirchengemeinde", schreibt Hauber in einem Abschiedsbrief an seine Gemeinde. Aber das Jahr 2012 war auch das Jahr, in dem Hauber seine Krebsdiagnose erhielt. Doch auch hier meinte es Nagold gut mit Hauber, "fantastische Ärzte" hätten den Tumor sehr früh entdeckt, und sicher entfernt. Heute gilt er längst als geheilt. Und noch mehr Dankbarkeit und Demut klingen aus den Worten des Geistlichen.

Tolle Teamarbeit bei der Vesperkirche

Die Liste solcher schönen, positiven Erlebnisse in seinem Beruf, in dem er die letzten zehn Jahre in Nagold verbringen durfte, ist lang. Sehr lang. Klar, die Seelsorge, das Begleiten der Menschen durch alle Lebenslagen. "Das Zuhören", gerade wann es Kraft spenden kann. "Das Kantoren-Ehepaar Ammer", die etwas "ganz, ganz Außergewöhnliches" darstellten – und mit denen er sehr eng und sehr gerne zusammenarbeiten durfte. Die Erwachsenenbildung, um die er sich ebenfalls immer sehr gerne gekümmert habe. Auch die Aufgabe als Islambeauftragter, die er innerhalb des Dekanat zu übernehmen hatte, stellte sich als sehr erfüllende Aufgabe heraus: Über den Tellerrand blicken, der Austausch mit den Islam-Gemeinden. In seinem Abschiedsbrief an die Gemeinde schreibt Hauber dazu: "Besonders gern denke ich an die Dialogabende mit der Alevitischen Glaubensgemeinschaft und mit dem Schwarzwaldbildungsverein zurück."

Dann – natürlich: Die Nagolder Vesperkirche. Bei der er, wie auch insgesamt in den Nagolder Pfarreien, "die tolle Team-Arbeit" hervorhebt. "So konnte ich mich immer auf das konzentrieren, was ich kann." Aber – Haubers unbedingte Authentizität fordert das wohl – auch die "schwierigen Seiten" seiner nun zu Ende gehenden Zeit als aktiver Pfarrer spart er nicht aus in seinem Bericht: Eine "öffentliche Person" zu sein habe ihn auch immer wieder "Unbehagen" bereitet. Das "unstrukturierte Arbeiten", das keinen geregelten Tagesablauf kennt, sei "immer ein Problem" für ihn gewesen. Und dann Corona, "die Seuche", die die zunehmende Komplexität des Lebens noch sehr viel mehr verkompliziert habe. "Ich freue mich auf den Ruhestand", sagt Reinhard Hauber – mit einem echten Stoßseufzer ehrlicher Erleichterung. Gottesdienste per Streaming aufzubauen – das sei zum Beispiel zuletzt ein echter Kraftakt gewesen.

Den er künftig gerne nachfolgenden Generationen überlassen wolle. Das erste Jahr im Ruhestand, es soll ein echtes "Sabbat-Jahr" werden. Im kommenden August wird auch Ehefrau Heike, derzeit Pfarrerin für Gastronomie und Tourismus im Kirchenbezirk Freudenstadt, in den vorzeitigen Ruhestand wechseln. Neuer Lebensmittelpunkt soll dann Herrenberg werden, wo das Paar bereits Teil eines Mehrgenerationen-Wohnprojekts ist und dieses von der Planung an mit aufgebaut hat. Ihre beiden Kinder leben heute in Heidelberg, wo die Tochter als Staatsanwältin arbeitet, und Würzburg, wo der Sohn als Mediziner praktiziert.

Wie er die viele, neu gewonnene Zeit dann nutzen werde? Neben dem in Nagold für sich entdeckten Aquarellmalen sei das Gitarrespielen – als sanfte Begleitung zum Singen – sein Steckenpferd, er lese auch viel, Werke der Autorin Juli Zeh zählten zu seiner Lieblingslektüre. Auch liebe er Gedichte, lerne diese für sein Leben gern auswendig. Und vielleicht, nach dem Sabbat-Jahr, werde er auch mal die ein oder andere Vertretung als Pfarrer dann wieder übernehmen. Ob man ihn künftig auch mal wieder in Nagold sehen würde? Nicht als Pfarrer, da gebe es eine "Abstinenz-Regel" – dass man seine möglichen Nachfolger "in Ruhe lässt". Aber die Cafés der Stadt, von denen werde er sicher nicht lassen können. Lieblingsplätze. "Ein leckerer Milch-Kaffee", mit Blick auf das pralle Leben. Die Hoffnung darauf irgendwann wieder trage einen auch durch den Corona-Lockdown

InfoAbschiedsgottesdienst

Der Abschiedsgottesdienst für Pfarrer Reinhard Hauber findet am Sonntag, 28. März, um 9.30 Uhr in der Stadtkirche statt. Hauber selbst wird für Predigt und Segen zuständig sein, Dekan Erich Hartmann wird die Entpflichtung vornehmen, kurze Grußworte sind von Nagolds Oberbürgermeister Jürgen Großmann, Veronika Rais-Wehrstein für die Vesperkirche und Michael Ehrmann für den Kirchengemeinderat geplant. Wegen der begrenzten Zahl an Sitzplätzen bittet die evangelische Kirchengemeinde darum, dass Teilnehmer sich in der Zeit vom 15. bis 25. März beim Gemeindebüro anmelden (Telefon 07452/841020; E-Mail: buero@evang-kirche-nagold.de). Der Gottesdienst wird zeitgleich über den Youtube-Kanal der Kirchengemeinde im Internet übermittelt. Beim Gottesdienstbesuch gelten folgende Corona-Regeln: alle, außer Personen aus einem Haushalt, sitzen mit einem Abstand von zwei Metern zueinander; alle tragen eine medizinische oder FFP2-Maske; die Gemeinde darf nicht singen. Die Kirchengemeinde weist darauf hin, dass am 28. März die Sommerzeit beginnt.

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