Mit Unterstützung aus anderen Werken protestieren Beschäftigte von ZF in Friedrichshafen gegen Abbaupläne. Foto: ZF-Betriebsrat/Gunnar M. Flotow

ZF-Beschäftigte demonstrieren in Friedrichshafen gegen geplante Werksschließungen. Der Betriebsrat wirft dem Vorstand vor, den „Panikknopf“ zu drücken. Von der Führung kommt Widerspruch. So geht es bei dem Technologiekonzern weiter.

Der Gesamtbetriebsrat der ZF AG und der Unternehmensvorstand haben am Mittwoch in der Konzernzentrale über ihr aktuelles Verhältnis zueinander gesprochen – getrennt voneinander. Was wiederum manches über die Distanz verrät, die dieses Verhältnis inzwischen kennzeichnet. Die Steilvorlage gab Betriebsratschef Achim Dietrich. „Wir glauben, dass sich der Vorstand gegen uns stellt“, sagte er. Solche Töne gab es in dem Stiftungsunternehmen, das so stolz war auf seine innere Konsensfähigkeit, bisher nicht.

 

Es geht um konkrete Einschnitte bei der deutschen Belegschaft und, damit verbunden, um die Angst, sie könnten der Auftakt für Schlimmeres sein. In einem „Solidaritätsmarsch“ zogen Beschäftigte des Friedrichshafener Werks 2 vor die Zentrale. Unter ihnen trotz Eisregens eigens angereiste Beschäftigte der Werke Gelsenkirchen sowie Eitorf (Nordrhein-Westfalen), die beide vor dem Aus stehen. Schalker Arbeiter zündeten auf dem Marsch Pyrotechnik und hüllten die Zufahrtsstraße zur Zentrale minutenlang in Rauch. Rund 3000 Beschäftigte beteiligten sich nach Schätzung des Betriebsrats an einer anschließenden Kundgebung.

Abbau soll trotz vieler Gespräche kommen, der Betriebsrat ist erbost

Gelsenkirchen, wo rund 200 Mitarbeiter Lkw-Lenkungen bauen, soll Ende dieses Jahres schließen, in Eitorf, dem Produktionsort von Stoßdämpfern, werden wohl spätestens Ende 2027 die Lichter ausgehen. Knapp 700 Menschen arbeiten dort. Auch der Standort in Damme (Niedersachsen) soll bis 2026 aufgelöst werden, die 400 Beschäftigten dort sollen immerhin Jobangebote in anderen Werken erhalten.

Einen Abbau Tausender Stellen in Deutschland hatte der Konzern schon vor fünf Jahren angekündigt. Dass er nun, trotz vieler Gespräche, damit beginnt, erbost den Betriebsrat und die örtliche IG Metall. Die weiterhin beabsichtigte Verlagerung von Arbeitskräften in „Best Cost Countries“ sei der falsche Weg, sagte die Friedrichshafener Gewerkschaftschefin Helene Sommer. Ohnehin, ergänzte Belegschaftschef Dietrich, sei der Markt für billige Ingenieure in Osteuropa, Asien oder Mexiko längst abgegrast. Von Fachkräften, die noch angeworben werden könnten, das zeige die Erfahrung, seien 30 bis 40 Prozent rasch wieder weg – hin zu Unternehmen etwa, die besser zahlten.

Auch am Stammsitz selbst kommen die Einschläge näher, so die Wahrnehmung. Ende November noch verkündete der Konzern stolz den Abschluss einer bis 2028 geltenden „Zielbildvereinbarung“ mit dem Betriebsrat für die Nutzfahrzeugsparte, intern „Betrieb N“ genannt. 5500 Menschen sind dort beschäftigt. Weil im Papier unter anderem der Bau einer zweiten Montagelinie für das Nutzfahrzeuggetriebe Traxon festgehalten ist, kommt das Zielbild einer Jobgarantie für die nächsten fünf Jahre gleich.

Eine Art Zwei-Klassen-Gesellschaft

Nur Tage später jedoch die Ernüchterung: Der „Betrieb Z“, in dem rund 4500 Entwickler, Einkäufer, Buchhalter oder Vertriebler arbeiten, sollte ein Zielbild ohne faktische Jobgarantie für die Beschäftigten bekommen. Der Betriebsrat lehnte das brüsk ab. Seither arbeiten die Friedrichshafener Beschäftigten im für sie völlig neuen Zustand einer Art von Zwei-Klassen-Gesellschaft.

Das Werk Gelsenkirchen, wurde am Mittwoch wiederholt betont, habe auch über eine Zielbildvereinbarung verfügt – bis dennoch die Auflösung angeordnet wurde. Er halte die Lage für „brandgefährlich“ für den Konzern, so Betriebsratschef Dietrich. Der Vorstand unter seinem vor einem Jahr aufgerückten Vorsitzenden Holger Klein drücke, indem er Personal abbaue oder ins Ausland verlagere, den „Panikknopf“, ihm fehle jedoch „eine Vision, wie ZF in drei Jahren dasteht“. Dem ZF-Aufsichtsrat sei die Zahl von rund 12 000 deutschen Stellen genannt worden, die in den nächsten sechs Jahren per natürlicher Fluktuation abgebaut werden sollen – wegen unscharfer Prognose womöglich auch bis zu 18 000 Stellen.

In einem gesonderten Gespräch konterte die ZF-Personalvorständin und Arbeitsdirektorin Lea Corzilius die wesentlichen Vorwürfe. Die genannten Abbauzahlen wollte sie nicht kommentieren. Das werde in Kürze intern und auf „Augenhöhe“ mit dem Betriebsrat besprochen, sagte sie.

Die Kundgebung zeitigt Wirkung

Corzilius unterstrich aber den Druck, unter dem der Stiftungskonzern wegen der „Multikrise“ aus Kriegen, Lieferengpässen und den Unsicherheiten über das weitere Tempo der Elektrifizierung von Fahrzeugen stehe. Die Transformation zur E-Mobilität mache viele Arbeitsstellen schlicht überflüssig. Zudem sei da der noch zu leistende Schuldendienst aufgrund des Jahre zurückliegenden Kaufs der Autozulieferer TWH und Wabco. Auf mehr als elf Milliarden Euro bezifferte der Konzern den Schuldenstand nach dem ersten Halbjahr 2023, wegen der gestiegenen Zinsen dürfte er aktuell noch gestiegen sein. Im März will ZF bei der Bilanzkonferenz Details nennen.

Die Kundgebung vom Mittwoch scheint aber sofort Wirkung gezeitigt zu haben. Noch an diesem Donnerstag will Deutschland-Personalchef Frank Iwer Verhandlungen mit dem Betriebsrat zur Zukunft des Betriebs Z aufnehmen, sagte er. Man könne dann auch gern über einen Beschäftigungssicherungsvertrag für Ingenieure und Verwaltungspersonal bis 2028 sprechen.

Ziele von ZF

Ausgliederung
Um Geld in die Kassen zu bekommen, versucht ZF seit Monaten, die Sparte „Passive Sicherheitstechnik“ (interne Bezeichnung Division R) mit ihren annähernd 4000 Beschäftigten zu verkaufen. Dort werden zum Beispiel Sicherheitsgurte produziert. Ernsthafte Gebote blieben jedoch aus. Nun überlegt der Konzern laut dem Betriebsrat, den Unternehmensteil auszugliedern und an die Börse zu bringen.

Rendite
 ZF verdient auch in schwierigem Umfeld weiter Geld. Der Umsatz 2023 soll leicht auf gut 45 Milliarden Euro steigen, so die zuvor geäußerten Erwartungen. Dem Vernehmen nach könnte das gelungen sein – bei einer Umsatzrendite zwischen 4,7 und 5,2 Prozent.