Ein Foto aus dem Archiv von Hannes und Gundel Kilian inspirierte die Erinnerungen von Georgette Tsinguirides. Es zeigt von links die Choreologin mit Crankos Hund Artus, Ballettmeister Jürgen Schneider sowie John Cranko bei Proben im Stuttgarter Ballettsaal. Foto: Gundel Kilian

60 Jahre Stuttgarter Ballettwunder! Wir haben im Archiv nach Erinnerungen gesucht und eine Interview-Serie mit Weggefährten John Crankos gefunden – Gesprächspartnerin war auch seine Choreologin Georgette Tsinguirides.

Stuttgart - „Natürlich hätte ich niemals Nein zu ihm gesagt“ stand als Überschrift über dem Artikel, für den wir im Sommer 2007 Georgette Tsinguirides interviewt hatten. Ausgangspunkt des Gesprächs über Rauchen, Hunde und die Arbeit im Ballettsaal war eine Fotografie aus dem Archiv von Hannes und Gundel Kilian. Sie zeigt eine typische Situation aus dem Stuttgarter Opernhaus.

 

Georgette Tsinguirides erinnert sich:

„Das ist ja ein schönes Foto, das kenne ich gar nicht“, freute sich Georgette Tsinguirides über den Fund. „Da sitze ich neben Ballettmeister Jürgen Schneider – und John Crankos Hund Artus ist auch dabei. Schneider, der zuvor bei Tom Schilling an der Komischen Oper in Ostberlin gearbeitet hatte, war nur kurz in Stuttgart. Ende der 60er Jahre hatte ich an der Komischen Oper Crankos „Jeu de cartes“ einstudiert. Als sich 1971 bei einer Tournee Schneider und einige von Schillings Tänzern in Helsinki in den Westen absetzten, war alles, was sie hier kannten, das Stuttgarter Ballett, und John nahm sie kurzfristig auf. Es war am Ende der Saison, überall waren die Verträge gemacht. Trotzdem gelang es ihm, die Tänzer zu vermitteln.

Dass John mit einer Zigarette in der Hand im Ballettsaal saß, mag heute verwundern, für ihn war das normal. Er hat geraucht wie ein Wahnsinniger, auch während der Proben, und hatte immer diesen riesigen Aschenbecher neben sich stehen, der manchmal tatsächlich in Flammen aufging. Abends war dann der Ballettsaal voller Qualm. Vor den Vorstellungen war immer jemand von der Feuerwehr auf Rundgang und kontrollierte, eigentlich durfte schon damals hier im Haus nicht geraucht werden. Aber natürlich haben alle John gedeckt.

Kenneth MacMillan schwärmte von der Benesh-Notation

Artus kam immer schon vor seinem Herrchen zur Tür herein. Brav lag er während der Proben unterm Flügel oder saß neben Johns Thron. So nannten wir den alten Ledersessel mit dem Treppchen unten dran, auf dem Cranko immer Platz nahm. Ich saß immer dabei, sobald John zu choreografieren begann, vom ersten Schritt an. Ich habe mitnotiert, erst habe ich mir Notizen gemacht, später, nachdem ich die Benesh-Ballettschrift in London erlernt hatte, in dieser Notation. Deshalb sind auch die meisten seiner Werke aufgezeichnet. Er hat mich früh zu seiner Assistentin ernannt, 1964 habe ich von ihm erstmals die Aufgabe bekommen, seine Stücke bei anderen Kompanien einzustudieren. Das begann mit „The Lady and The Fool“, einem Ballett, das ich nach Südafrika und Dänemark brachte.

Warum er gerade mich mit dieser Aufgabe betraute, weiß ich nicht. Für mich kam sie jedoch zur rechten Zeit, als Tänzerin wollte ich nicht eine von denen sein, die ewig an der Bühne kleben. Und John hat oft seine Fühler in die Zukunft ausgestreckt. Von dem begeisterten Kenneth MacMillan hatte er von der Benesh-Notation erfahren. Eines Morgens fragte er mich, ob ich diese Ballettschrift, ein System, das über Noten geschrieben ist, nicht in London erlernen wollte: „Überleg es dir, ich kenne Benesh gut“, sagte er zu mir. Ich dachte, dass meine Entscheidung bis zum Ende der Saison Zeit habe. Aber schon am gleichen Nachmittag fragte er zurück: „Und, gehst du?“ Natürlich hätte ich niemals Nein zu ihm gesagt, aber ich ahnte auch nicht, was da auf mich zukam, diese vielen Prüfungen in nur einem Jahr. Ich habe die Bücher nicht nur einmal in die Ecke geworfen.

Bewahren für die Zukunft

John war ein Choreograf ohne Eitelkeiten. Er sagte nicht: Meine Ballette müssen aufgezeichnet werden. Es war ihm einfach wichtig, dass diese Stücke für die Zukunft bewahrt werden. Aber natürlich war er auch stolz darauf, dass er die Kompanie in Deutschland leitete, die als erste eine Choreologin besaß. Bei meiner Rückkehr hatte ich wahnsinnig viel zu tun, denn ich musste ja alle Ballette nachschreiben, die zuvor schon entstanden waren.

Auch wenn John die Notation selbst nicht lesen konnte, wusste er, welche Arbeit dahintersteckte. Er hat mich nie gedrängt, sondern immer unterstützt. Er hat so viele Sachen choreografiert, in München, für Gala-Auftritte, da bin ich nicht nachgekommen. Vieles ist verloren, es gab ja keine Filmaufzeichnungen. Das tut mir heute so leid, aber damals war es einfach nicht zu schaffen.

Es herrschte eine spezielle Atmosphäre

John konnte extrem schnell arbeiten. „Opus 1“ hat er zum Beispiel in drei, vier Tagen gestellt, die Tänzer haben unglaublich mitgezogen, intuitiv ließ er sich von ihnen beeinflussen. Er sagte selber, dass er ohne diese Tänzer nie so weit gekommen wäre. Es herrschte eine spezielle Atmosphäre, in der tatsächlich Wunder passierten, fantastische Passagen gefunden wurden – und große Freude darüber herrschte. Alle in der Kompanie hatten ein unglaublich freundschaftliches Verhältnis. Oft saßen wir abends noch in der Kantine und diskutierten über Bücher, über Kunst, über das Leben.

Natürlich konnte John auch knallhart sein. Er sagte immer: Es gibt Tänzer, die verstehen, und solche, die nicht verstehen – und die werden auch nie verstehen.

Er war gerade, zielstrebig; als Ballettchef wusste er genau, was er wollte, und hat das auch meist durchgebracht – und wenn er dazu bei Walter Erich Schäfer, dem Generalintendanten, mit einer Kündigung drohen musste.“

Tänzerin, Choreologin: Georgette Tsinguirides

Die Deutsch-Griechin Georgette Tsinguirides kam 1945 im Alter von 17 Jahren als Tänzerin an die Württembergischen Staatstheater. Nach dem Studium der Benesh-Notation in London arbeitete sie bis 2018 als Choreologin in Stuttgart und studierte Crankos Ballette in der ganzen Welt ein.

60 Jahre Stuttgarter Ballettwunder

In einem besonderen Angebot für unsere Digital-Plus-Abonnenten machen wir die spannende Geschichte des Stuttgarter Balletts lebendig. Im Dialog mit Zeitzeugen und einer jungen Generation wird anschaulich, wie sich die Kompanie an die Weltspitze tanzte und dort hält. Mit diesen Artikelserien feiern wir das Jubiläum des Stuttgarter Balletts:

Als das Wunder wahr wurde Wir haben im Archiv nach Erinnerungen an seinen Erfinder John Cranko gesucht und eine 2007 veröffentlichte Interview-Serie mit Weggefährten des Choreografen entdeckt.

► Ray Bara Lesen Sie hier, wie Ray Bara seine Wohnung für John Cranko räumte.

► Reid Anderson Wie Eiskunstlauf den Tanz inspirierte: Lesen Sie hier Reid Andersons Erinnerungen

► John Neumeier Bereit für Rebellion und Experimente: Lesen Sie hier John Neumeiers Erinnerungen

► Gundel Kilian Wer einfach drauflos knipste, flog raus: Gundel Kilian erinnert sich

► Richard Cragun Lesen Sie hier, was der 2012 verstorbene Tänzer Richard Cragun über Crankos britischen Geschmack sagte.

► Birgit Keil Lesen Sie hier, wie Birgit Keil zu Crankos „Baby-Ballerina“ wurde.

► Friedrich Lehn Wie Cranko Stau zu Tanz machte: Friedrich Lehn erinnert sich

► Marcia Haydée Lesen Sie hier Marcia Haydées Bericht von ihren ersten Auftritten in Stuttgart.

► Egon Madsen Lesen Sie hier Egon Madsens Erinnerungen an eine besondere Party in New York.

► Georgette Tsingurides Lesen Sie hier Georgette Tsingurides’ Erinnerungen an Zigaretten, Hunde und kleine Feuer im Ballettsaal.

► Fritz Höver Lesen Sie hier, was der 2015 verstorbene Gründer der Noverre-Gesellschaft mit Cranko auf Reisen erlebte.

► Jürgen Rose Lesen Sie hier, wie John Cranko Zeichnungen des Bühnenbildners zerriss.

► Vladimir Klos Lesen Sie hier Vladimir Klos Erinnerungen an die letzte Tournee mit John Cranko.

Forsythe, Kylián und Co Das Stuttgarter Ballett war schon immer eine Kompanie, die Tänzer stark gemacht hat. So stark, dass sie weltweit als Direktoren begehrt sind. Wir haben sie nach ihren Stuttgarter Wurzeln gefragt.

► Ivan Cavallari Sechs Fragen an den Direktor der Grands Ballets Canadiens in Montreal

► Sue Jing Kang Sechs Fragen an die Direktorin des koreanischen Staatsballetts

► Filip Barankiewicz Sechs Fragen an den Direktor des tschechischen Staatsballetts

► Marco Goecke Sechs Fragen an den Ballettdirektor am Staatstheater Hannover

► Christian Spuck Sechs Fragen an den Direktor des Balletts Zürich

► Bridget Breiner Fragen an die Direktorin des Badischen Staatsballetts

► Renato Zanella Fragen an den Direktor des Balletts an der Staatsoper Slowenien

► Eric Gauthier Fragen an den Leiter von Gauthier Dance

► Demis Volpi Fragen an den Direktor des Balletts am Rhein in Düsseldorf

Weitere Beiträge sind in Vorbereitung.