Trainer Mustafa Ünal (li.) und Sportdirektor Marc Stein müssen nicht nur professionell, sondern auch vertrauensvoll zusammenarbeiten. Foto: Baumann/Hansjürgen Britsch

Die Gespräche mit Mustafa Ünal über eine Verlängerung seines am Saisonende auslaufenden Vertrags ziehen sich. Dabei geht es nicht um einen etwaigen Gehaltspoker des Trainers der Stuttgarter Kickers, sondern um andere Dinge. Wir nennen die Hintergründe.

Die Außenstehenden wundern sich: Warum ziehen sich die Gespräche mit Mustafa Ünal über eine Verlängerung seines am Saisonende auslaufenden Vertrags so lange hin? Denn eigentlich sprechen die Gesamtentwicklung und die Erfolgsbilanz des Trainers seit seinem Einstieg als Chefcoach des Fußball-Oberligisten Stuttgarter Kickers für sich. Seit seinem Amtsantritt am 27. September 2021 gab es unter seiner Regie in 62 Oberligaspielen 52 Siege, sechs Unentschieden und nur vier Niederlagen, dazu den WFV-Pokal-Triumph und zwei DFB-Pokal-Highlights.

 

Vieles spricht für die Kickers

Aktuell überwintern die Blauen mit sieben Punkten Vorsprung und der um 45 Treffer besseren Tordifferenz auf den schärfsten Verfolger SG Sonnenhof Großaspach auf Platz eins. Noch ist längst nichts entschieden, doch 14 Spieltage vor Saisonende spricht einiges für einen Aufstieg der Kickers.

Warum also ist noch kein Knopf dran am Thema Vertragsverlängerung mit Ünal? Aktuell hüllen sich die Beteiligten in Schweigen. Lediglich Präsident Rainer Lorz sagte noch im alten Jahr: „Wir sind in guten Gesprächen. Ich werde aber keine Wasserstandsmeldungen abgeben.“ Zu dieser Aussage gebe es keinen Aktualisierungsbedarf, teilte der Kickers-Chef nun auf Nachfrage mit. Klar ist nach Informationen unserer Redaktion, dass bei den bisherigen Verhandlungen weder die Dotierung des neuen Vertrags noch mögliche Alternativen des Trainers bei anderen Vereinen eine Rolle spielten.

Es geht vielmehr um eine gemeinsame Linie, was die grundsätzliche Ausrichtung des Vereins betrifft. Um die Art der Zusammenarbeit zwischen Ünal, seinem Trainerteam und auch dem Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) auf der einen Seite und Sportdirektor Marc Stein auf der anderen. Dass die Chemie untereinander besser sein könnte, ist dabei nicht das allergrößte Problem. Ünal und Stein etwa müssen nicht gemeinsam in den Urlaub fahren, eine gewisse Reibung im Spannungsfeld Trainer/Sportdirektor kann im Sinne des Vereins auch förderlich sein. Aber die Basis nicht nur für ein professionelles, sondern auch vertrauensvolles Miteinander, verbunden mit einer gewissen Empathie, sollte schon gegeben sein.

Welcher Fußball passt zu den Kickers?

Entscheidend ist dabei nicht, ob der Sportdirektor am Spieltag auf der Bank oder auf der Tribüne sitzt. Vielmehr gibt es vonseiten des Trainerteams, das als verschworene Gemeinschaft gilt, offenbar gewisse Bedenken, dass der eingeschlagene, auch von den Fans unterstützte, sehr erfolgreiche Weg der Kickers in der aktuellen Form nicht weitergeführt werden könnte. Das betrifft Themen wie Spielphilosophie, Neuzugänge, Vertragsverlängerungen mit eigenen Spielern bis hin zu Fragen mit welchen Inhalten, mit welcher Intensität und wie oft trainiert wird.

Wo sitzt also die sportliche Entscheidungskompetenz: beim Trainerteam oder beim Sportdirektor? „Jeder hat seine Vorstellungen, aber das sind ja alles positive Themen von ehrgeizigen jungen Männern, die etwas bewegen wollen“, antwortete Lorz im Interview mit unserer Redaktion etwas ausweichend auf die Frage, was es denn so schwierig mache, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen.

Wer Stein seit seinem Amtsantritt vor gut einem Jahr reden hört, dem fällt auf, dass häufig die Worte Professionalisierung und Weiterentwicklung fallen. Nach dem Motto: Wenn man als Verein wie die Kickers das fünfte Jahr in der Oberliga spielt, dann kann nicht alles perfekt sein. Dann muss es noch viel Entwicklungspotenzial geben – und zwar auf allen Ebenen. Ünal hat mehrfach betont, dass er an dieser Entwicklung bei den Kickers sehr gerne auch über die Saison hinaus weiter direkt beteiligt wäre.

Die Rahmenbedingungen, auf die er und sein Trainerteam Wert legen, dürften dem Präsidium inzwischen klar sein. Sie gilt es mit den Ideen und Vorstellungen des Sportdirektors in Einklang zu bringen.