Die Lahrer Tafel braucht mehr Platz. Doch die Pläne, sie in einem Neubau in der Geroldsecker Vorstadt unterzubringen, haben sich zerschlagen. Eine Alternative ist noch nicht in Sicht.
Man muss die beengten Verkaufsräume der Sozialeinrichtung in der Schwarzwaldstraße gar nicht erst betreten, um ihre Platznöte zu erkennen. Denn meist stehen Bedürftige vor dem Geschäft, in dem sie günstig Lebensmittel einkaufen können, und warten darauf, eintreten zu dürfen. Pro Zeitfenster hat nur eine begrenzte Zahl von Kunden Zugang, damit es drin nicht zu voll wird und es kein Gedränge vor den Auslagen gibt, bei dem womöglich Ältere gegenüber Jüngeren den Kürzeren ziehen würden.
Die Tafel sammelt aussortierte Lebensmittel von Supermärkten ein, Obst und Gemüse mit kleinen Schönheitsfehlern oder Waren, bei denen das Ablaufdatum bevorsteht. Dafür müssen die Besucher im Tafelladen nur zehn bis maximal 20 Prozent des Preises bezahlen, der zuvor im Supermarkt fällig geworden wäre. Darauf sind viele Menschen angewiesen – zu viele für die räumlichen Möglichkeiten des Ladens. Rund 950 Menschen haben in Lahr zurzeit eine Kundenkarte. Jeder von ihnen darf aber nur einmal pro Woche dort einkaufen, der Platzprobleme wegen.
Deutsche Bauwert hat das Gelände gekauft
Schon seit einiger Zeit ist deshalb ein neuer, größerer Standort für die Einrichtung ein gemeinsames Ziel des Diakonischem Werks und der Stadt Lahr (wir berichteten). Lange schien es so, als sei der neue Standort gefunden – auf dem Singler-Areal in der Gerolds-ecker Vorstadt. Die Inhaber geben das Einrichtungshaus Ende 2023 auf, danach übernimmt die Deutsche Bauwert das 7300 Quadratmeter große Grundstück zwischen der B 415 und der Schutter. Nach dem Abriss des Möbelhauses plant das Unternehmen mit Sitz in Baden-Baden dort Wohnungen.
Investor Uwe Birk ist in Lahr kein Unbekannter, er hat derzeit zwei weitere Projekte in der Stadt im Bau: Auf dem Areal des früheren Reichswaisenhauses entsteht der „Altenberg-Park“, wo am Montag Teil-Einweihung gefeiert wurde. Außerdem realisiert sein Unternehmen die „Stadtpark-Villen“ auf dem ehemaligen Nestler-Areal. In der Vergangenheit hat die Bauwert die frühere Luftschiffer-Kaserne in Dinglingen sowie Kasernengebäude zu Wohnhäusern umgebaut und zuletzt die „Langenhard-Villen“ auf dem früheren Akad-Gelände errichtet.
Auf dem Gelände von Möbel Singler sind um die 100 Wohnungen geplant
Auf dem Singler-Areal plant Birk sein nächstes Projekt in Lahr. Um die 100 Wohnungen sollen dort entstehen, darunter auch geförderter Wohnraum. Darüber hinaus war ein größeres Sozialprojekt angedacht – nämlich neue Räume für die Tafel. Bei der Einweihungsfeier auf dem Altenberg am Montag sagte Birk unserer Redaktion nun aber, dass sich diese Pläne zerschlagen haben.
Ulrike Haeusler, die Leiterin des Diakonischen Werks in Lahr, bestätigte tags darauf: Man habe sich tatsächlich gegen einen Umzug des Tafelladens auf das Singler-Areal entschieden. Aus Sicht der Diakonie, Träger der Tafel, seien mehrere Gründe ausschlaggebend gewesen: Die Räume der Sozialeinrichtung wären in dem Neubau auf zwei Stockwerke verteilt. Den ehrenamtlichen Helfern, von denen viele im Rentenalter seien, hätte man das nicht zumuten wollen. Außerdem sei die Zahl der Parkplätze, die für die Tafel und ihre Helfer angedacht gewesen sei, zu gering.
Diakonie-Chefin: Standort ist nicht ideal
Vor allem aber sei der Standort im Lahrer Osten nicht ideal für die Tafel, betonte Haeusler. Denn man erhalte auch Waren von Lebensmittelläden im Lahrer Umland – und zur Anlieferung in die Geroldsecker Vorstadt hätten die Fahrer „einmal durch den Lahrer Stau und wieder zurück“ gemusst, so Haeusler. Darüber hinaus wohnten die meisten Kunden des Tafelladens im Westen der Stadt.
Die meisten Kunden des Tafelladens wohnen im Westen von Lahr
Deshalb suche man eher in diesem Bereich etwas Geeignetes. Denkbar sei dabei eine gebrauchte Immobilie, aber eventuell käme auch ein unbebautes Grundstück in Frage, auf dem ein Neubau für die Tafel errichtet werden könne. Für den Tafelladen, Lager- und Büroräume brauche man etwa 700 Qudratmeter, so Haeusler. Am jetzigen Standort stehen gut 300 Quadratmeter zur Verfügung.
Angesichts dieser Platzprobleme braucht es eine neue Option für den Tafelladen – bei der Suche danach steht die Diakonie aber nicht unter solchem Druck wie im Fall des Café Löffel, das wegen einer Kündigung seinen Standort in der Schützenstraße räumen musste. Dagegen ist der Mietvertrag der Tafel in der Schwarzwaldstraße unbefristet; die Diakonie hat dort auch keine Kündigung erhalten.
Bürgermeister: Helfen bei der Suche
Der Erste Bürgermeister Guido Schöneboom sagte auf Nachfrage, dass er die Argumente der Diakonie gegen das Singler-Areal als Tafel-Bleibe nachvollziehen könne. Die Stadt unterstütze die Suche nach einem neuen Standort, noch habe sich aber keine Lösung aufgetan.
Derweil ist der Rückzug der Tafel nicht die einzige Planänderung der Deutschen Bauwert auf dem Singler-Areal. Denn noch vor knapp einem Jahr war von einem Baubeginn für die neuen Wohnungen im Jahr 2024 die Rede gewesen. Daraus wird nichts. Hintergrund ist, dass erst noch das Planungsrecht für eine Wohnbebauung geschaffen werden muss. Bei der Stadtverwaltung hat der Bebauungsplan für das Singler-Areal keine Top-Priorität. „Andere Vorhaben wie das Ortenau-Klinikum oder Photovoltaik-Anlagen wurden dafür vorgezogen und werden aktuell bearbeitet“, heißt es auf Nachfrage aus dem Rathaus.
Bebauung wohl erst in zwei, drei Jahren
Investor Uwe Birk geht davon aus, dass er erst in zwei oder drei Jahren mit den Neubauten auf dem Singler-Areal beginnen kann. Bis dahin soll das Möbelhaus auch nicht abgerissen werden. Birk sucht einen gewerblichen Zwischenmieter, der das Gebäude etwa als Lager nutzen will.
Abverkauf mit Flohmarkt
Inhaber Michael Singler hat das Areal an die Deutsche Bauwert verkauft, weil sich bei dem Familienunternehmen mit 50-jähriger Geschichte keine Nachfolgeregelung gefunden hatte. Am Freitag, 22. September, von 10 bis 17 Uhr veranstaltet das Möbelhaus nun einen Flohmarkt mit Reste-Verkauf „zu absolut reduzierten Sonderpreisen“, wie mit einem Aushang informiert wird.