In der Serie „Wald und Wir“ beleuchtet unsere Redaktion mit der Forst BW das Miteinander von Mensch und Wald. Aus Anlass der zu Ende gegangenen Drückjagdsaison erklärt Holger Schütz, Leiter des Forstbezirks Mittleres Rheintal, worauf es beim Treiben ankommt und wieso diese Form der Jagd auch Vorteile für die Tiere hat.
„In einem Jahr erlegen wir im Schnitt 1400 Rehe und 500 Wildschweine“, erklärt Holger Schütz im Gespräch mit unserer Redaktion. Seit mehr als 20 Jahren leitet der 58-Jährige zahlreiche Drückjagden im Kreis, die von der Staatlichen Forstverwaltung Forst BW veranstaltet werden.
Auch in dieser Saison – also von Ende Oktober 2023 bis Ende Januar – war er bei 23 von 30 Terminen dabei. Wie viele Tiere in dieser Saison erlegt wurden, könne er noch nicht sagen.
„Allgemein ist alles aber gut gelaufen“, erklärt Schütz. Und das, obwohl die Bedingungen nicht optimal gewesen seien. So hoffe man bei einer Drückjagd beispielsweise auf Schnee. „Dann sieht man das Fell der Tiere besser“, begründet Schütz.
Auf Kälte warteten die Jäger vergebens
Auch auf frostige Temperaturen haben die Jäger vergeblich gewartet: „Wenn es kalt ist, bewegen sich die Tiere eher und verstecken sich nicht. Der Dezember 2023 war aber eher mild und feucht“, erinnert sich der Waldexperte. Auch Hochwasser habe stellenweise bei Drückjagden für Probleme gesorgt.
Doch wie unterscheidet sich diese eigentlich zu einer „normalen“ Jagd? „Wildtiere werden von sogenannten Treibern und ihren Hunden aufgescheucht und anschließend von Schützen erlegt“, beschreibt der Naturexperte das Prinzip. Im Schnitt seien dabei 60 Schützen und 25 Treiber mit ihren Hunden im Einsatz.
Beide Rollen kennt Schütz genau und weiß, auf was es bei ihnen jeweils ankommt. „Als Schütze muss man darin geübt sein, auf ein sich bewegendes Wildtier zu schießen. Man muss sehr erfahren sein, es gilt besondere Sorgfalt.“ Aus diesem Grund verlange er auch von jedem teilnehmenden Schützen einen sogenannten Schießnachweis, den man unter anderem bei Schießständen nach einer Prüfung erhält. Darin vermerkt ist etwa die Zielgenauigkeit.
Und was sollten Treiber mitbringen? „Geländeunabhängigkeit“, erklärt Schütz und fügt an: „Man muss gut zu Fuß sein und darf keine Angst haben, durch Unterholz oder durch Brombeerbüsche zu gehen.“ Diese Rolle übernehme er „mit einer leichten Tendenz“ lieber. Das liegt unter anderem an seinem Hund Hannes, der ebenfalls an den Jagden teilnimmt. „Wenn er ein Wildtier aufgespürt hat, gibt er ein lautes, charakteristisches Bellen ab.“ Das sei für Schütz das Zeichen, dass Hannes eine Fährte aufgenommen hat. Dann gelte es, das Wildtier ausfindig zu machen und es in die Schussbahn der Schützen zu treiben. Auf diese Art und Weise erlegt die Gruppe in rund drei Stunden zehn bis zwölf Rehe.
„Geschossen werden Rehe oder Wildschweine, um sie zu Lebensmitteln zu verarbeiten“, erklärt Schütz den Zweck dahinter. Es werden aber auch Füchse erlegt, wenn diese etwa bedrohte Vogelarten gefährden. Da die Verwesung der Kadaver bereits nach kurzer Zeit beginnt, werden die erlegten Wildtiere gesammelt, direkt vor Ort von Metzgern ausgeweidet und in mitgebrachte Kühlkammern gelegt. Geliefert werden diese unter anderem an die Gastronomie.
Auch Brauchtum gehört zur Jagd dazu
Was bei dem Ganzen nicht fehlen darf: „Das Jäger-Brauchtum“, betont Schütz. So werden die geschossenen Tiere nach der Jagd aufgereiht, dann wird „die Strecke verblasen“. Das bedeutet, dass ein spezielles Horn geblasen wird, was die Jagd offiziell beendet. „Ich mache das gerne, auch für die Teilnehmer ist das wichtig. Das hat etwas mit Ehrfurcht gegenüber der erlegten Kreatur zutun“, so Schütz und fügt an: „Das ist schließlich ein Lebewesen, auf das man schießt.“
Völlig reibungslos verläuft die Jagd dabei nicht immer. So komme es vor, dass Tiere bei einem Treffer nicht tödlich verletzt werden. Immer wieder steht das Konzept der Drückjagd unter Tierschützern deshalb in der Kritik. Auch, dass das gejagte Wild durch das Treiben unter starken Stress leide, ist Kritikern ein Dorn im Auge.
Schütz sind diese Punkte bewusst und zeigt sich Verständlich: „Ja, die Tiere haben Stress. Aber lieber kommen wir zwei Mal im Jahr und sie haben dann sehr viele ruhige Phasen, als wenn ein Jäger jeden Tag hochfährt und schießt. Das ist für die Tiere schlimmer.“ Zudem herrsche vor einer Treibjagd mindestens drei Wochen lang ein striktes Jagdverbot in dem betroffenen Gebiet, damit die darin lebenden Waldbewohner Ruhe haben.
Nachsucher spüren verwundete Tiere auf
Auch, dass es vorkommt, dass Tiere lediglich an – statt erschossen werden, streitet der Experte nicht ab. „Die Schützen sind angewiesen, auf Herz oder Lunge zu zielen. Das gelingt jedoch nicht immer“, spricht er aus Erfahrung. Für diesen Fall seien bei jeder Jagd vier bis fünf sogenannte Nachsucher dabei, die das verwundete Tier ausfindig machen.
Diese könnten anhand der Blutspur ausmachen, an welcher Stelle das Tier getroffen wurde. „Dafür haben sie auch speziell ausgebildete Hunde“, so der 58-Jährige. Darüber hinaus gebe es strenge Konsequenzen für unachtsame Schützen: „Wer riskante Schüsse abgibt oder eine mangelnde Trefferquote hat, wird auch nicht mehr eingeladen.“
Entgegen aller Kritik ist sich Schütz sicher: „Ich mache das Ganze seit mehr als 20 Jahren und bin seither sehr überzeugt von dem Konzept. Ich sehe darin große Vorteile – auch für die Tiere.“
Der Zeitraum
Die Drückjagdsaison geht von Ende Oktober bis Ende Januar. „Zu diesem Zeitpunkt sind etwa Rehe bereits eigenständig und nicht mehr von der Mutter abhängig“, erklärt Holger Schütz. Bei Wildschweinen sei das anders. „Da muss man sorgfältig sein, um nicht das Muttertier zu erlegen. Ohne sie schaffen es die Kinder nicht lange.“